mir besser gefällt , als Ihr Unterricht , « sagte Judith mit dem schneidenden Hochmut , der sie zuweilen abstoßend machte . » Mit nichten , mein Fräulein , « erwiderte Ernest ruhig . » Ich habe mich gegen Ihre Eltern verpflichtet , Ihr Talent für die schöne Malerkunst auszubilden , und eine Verpflichtung ist heilig . Wollen Sie aber nicht länger bei mir Unterricht nehmen , so sagen Sie es nur . Dann komm ' ich nicht wieder . Aber die Sibylla persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopieren - und wenn sie fertig und gelungen ist , schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana , Kopie nach Domenichino , welche von einigen der persica noch vorgezogen wird . « » Sie sind ein prächtiger Mann , Herr Ernest ! wir müssen gute Freunde bleiben ! « sagte Judith und die Lehrstunde begann . - Judith war ein sehr verwöhntes Kind , besonders seitdem sie das einzige und ihre ältere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war . Ihre Schönheit , ihre Talente waren so ungewöhnlich , daß ihre Eltern die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemühte , derselben eine solide Basis im Sinn der Welt zu geben , nämlich ein großes Vermögen . Darauf war sein ganzes Streben gerichtet . Das Streben seiner Frau ging dahin , sich und ihrer Tochter die Vorzüge der Genüsse einer glänzenden Existenz zu verschaffen , und blendend wie ein Meteor in der Welt zu erscheinen . Sie selbst war noch schön und sie hing mit Leidenschaft an Luxus , Eleganz und allen Arten und Abarten modischer Verfeinerung . Dies zu bedenken , anzuschaffen , einzurichten füllte ihre Zeit dermaßen aus und nahm alle Stunden , die nicht den Pflichten und Freuden der Gesellschaft gewidmet waren , so ganz in Anspruch , daß sie sich nur noch mit der Leitung ihres Hauses , doch unmöglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter abgeben konnte . Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister , gab ihr in London eine Französin , in Paris eine Deutsche zur Gouvernante , und als Judith bei sechszehn Jahren fünf Sprachen redete und schrieb , eine ganz brillante Stimme hatte und ein ungewöhnliches Talent für Malerei entwickelte , frohlockte die Mutter über ihr Meisterwerk von Erziehung . Die Seele ihrer Tochter war ihr gänzlich fremd ; oder besser gesagt : sie wähnte , daß die Summa des Erlernten , durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet , das geistige Sein ihrer Tochter ausmache ; sie hielt Bildung für Seele . Übrigens liebte sie Judith zärtlich , kam allen Wünschen zuvor , erfüllte jedes Begehren und bedauerte nur immer , daß Judith nicht das enorme Vergnügen empfinde , welches sie selbst bei jeder Art von geselliger Unterhaltung , und bei allem , was Tand und Flitter war , mit vollen Zügen genoß . Judith war ernst und blieb ernst , im Salon ihrer Mutter , im Theater , auf dem Ball ; sogar bei der Toilette , wenn die reizendsten Kleider , Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen ; sogar bei den Huldigungen , welche die junge Männerwelt ihr darbrachte . Sie wußte , daß sie schön und daß ihr Vater reich sei ; sie wußte , daß man damit in der Gesellschaft herrscht ; sie sah durchaus nicht ein , weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte , wenn andere das anerkannten . Ihr mit äußerem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie , ohne zufrieden zu stellen . Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der Leidenschaft jäh auffahren und da , wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt , furchtbare Verwüstung anrichten . Judith hatte das erlebt an ihrer Schwester , die in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen Herzen starb . Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht klar ; allein es genügte , um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen , in denen so viel Verrat und Lüge zu Hause sein konnten . Judith hatte mit zärtlicher Liebe an ihrer Schwester gehangen ; deren Verlust erbitterte sie , wie der Tod jeden erbittern muß , der glaubenslos an einem teuren Grabe steht . Kein Funke eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen . Ihre Eltern gehörten dem Rationalismus an , der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit macht , wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird . Man ist reich , man ist klug , man ist gebildet , man ist angesehen , man zählt in der Gesellschaft ; das alles hat man erlangt ohne Gott ; höheres als das gibt es nicht : also weshalb sich um Gott bekümmern ? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht , daß nicht bloß der alte , außerweltliche , persönliche Gott längst von seinem Nimbus entkleidet und von seinem Thron verschwunden ist , sondern auch , daß er aufgehört hat , als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen , welches man ihm in dieser Form eine Zeitlang gönnte , weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am göttlichen Sein gelangte , was für manche etwas Schmeichelhaftes hat . Aber auch die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben , als die Materie , seitdem die Erforschung der Natur , ihrer Kräfte und ihrer Gesetze eine sehr bewunderte Schule bildet , die es sich zur Aufgabe macht , die Schöpfung von der Offenbarung abzulösen , die Geschichte der Menschheit , welche deren Zusammenhang beweist , beiseite legt , mit dem vereinsamten Ich an das Studium des Universums geht , insofern dieses nicht über die fünf Sinne und deren Erfahrungen und Schlüsse hinaus reicht , und dann , bewaffnet mit Lupen , mit Seziermesser , mit Fernröhren , mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die Bildungen der Natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Maß