werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns , was dort in dem lichterglänzenden , musikerfüllten Gebäude am andern Ende der großen Stadt geschehe . Horch ! Ein Wagen rasselt heran ; er hält drunten . » Die Mutter « , sagt der Doktor aufstehend . » Es war Zeit ! « Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf ; eine Frau , in einen dunkeln Mantel gehüllt , erscheint todbleich und atemlos in der Tür . Sie läßt den regenfeuchten Mantel fallen , und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen , wie wir es in » Satanella « sahen , stürzt sie auf das Bettchen zu . » Mein Kind ! Mein Kind ! « flüstert sie , in gräßlicher Angst den Doktor ansehend . Sie beugt sich , sie hört den leisen Atem des Kindes : Es lebt noch ! - Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen . » Mama , liebe Mama ! « stöhnt das sterbende Kind , mit den kleinen fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend , daß die Steine darin blitzen und funkeln . - - Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen Körper - - » Vorüber ! « - sagt der alte Doktor dumpf , mir die Hand drückend . Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen , bewußtlosen Mutter . Am 7. März Gestern nachmittag begannen die schweren Regenwolken , die wochenlang über der großen Stadt gehangen hatten , sich zu heben . Sie zerrissen im Norden wie ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu . Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber , um ebenso schnell zu schwinden ; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm , und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Straßen der Stadt . Wahrlich , jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten Ehemann ; sie gleicht vielmehr seiner bessern Hälfte , die nun ihre Pflicht getan zu haben meint , erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt : » Puh ! Hab ich mich abgequält , aber gottlob , nun ist ' s auch mal wieder rein ! « Ja , rein ist ' s ! Verschwunden ist der Schnee , der zuletzt doch gar zu grau und unansehnlich geworden war ; viel mißmutige , verdrossene Gesichter haben sich aufgehellt , und - die kleine Leiche von oben ist fort . Die alte Großmutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt ; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküßt , als man den Sarg hinabtrug , und hat , gleichsam als wundere sie sich über etwas , lange das Haupt geschüttelt . Wer weiß , wieviel jüngere Leben sie noch dahinschwinden sieht ! Ich habe diese Blätter , glaub ich , einmal ein Traumbuch genannt - wahrlich , sie sind es auch . Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig , bald finster und traurig vorüber . Jetzt ist der dunkle Grund , aus dem sie sich ablösen , ganz bedeckt von Leben und Jubel ; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf . Die Freude verstummt , der Jubel verhallt , es ist tote Nacht allenthalben , die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht . Sei die Nacht aber auch noch so dunkel , ein Stern funkelt stets hinein : Elise ! - Ich brauche nur in meine alte Mappen und Erinnerungsbücher mich zu versenken , und die Gespenster entfliehen , die Nebel sinken , und es wird wieder fröhlicher Tag in mir . Elise ! Die Knospe , die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloß , entfaltet sich wie ein süßes , liebliches Geheimnis . Noch ein warmer Kuß der Sonne , und die Zentifolie , den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im Busen , ist die schönste der Erdenblüten . Ich glaube an keine Offenbarung als an die , welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen ; sie allein ist wahr , sie allein ist untrüglich ; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott » von Angesicht zu Angesicht « . Die Zunge ist schwach und des Menschen Sprache unvollkommen ; die Schrift ist noch schwächer und unvollkommener , und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen ist ein arm töricht Beginnen . Ich drücke die Augen zu , und - sie ist vor mir mit ihrem süßen Lächeln , sie schlägt sie auf , diese großen blauen Augen , in denen ich Trost suche und finde . Elise , Elise , nun bist du ein großes , schönes Mädchen geworden , und das Bild dort , welches , dein toter Vater von deiner toten Mutter malte , gleicht einem Spiegel , wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu ihm emporblickst . Die wilden Spiele , die tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorüber ( wenn auch noch nicht ganz , Schelm ) ; wo du sonst lachtest , Elise , lächelst du jetzt , wo du sonst weintest und klagtest , senkst du jetzt die Augen und träumst ; wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem Rücken ineinander wandest , fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen - du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik , Elise ! Oftmals lässest du , vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube sitzend , die Arbeit lauschend in den Schoß sinken , das Köpfchen in das dichteste Blätterwerk verbergend . Eine helle , frische Stimme klingt dann von drüben herüber , ein Studentenlied anstimmend . Wo will Flämmchen hin , Elise ? - Einen Augenblick ; sitzt es auf ihrer Schulter , ihr ins Ohr zwitschernd , als habe es ihr ein wichtiges , ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen , dann verschwindet es aus dem