dem Hofe schlummerten Hunde und Katzen ; regungslos standen im Stalle die edlen Rosse , eben noch bedient von rüstigen Knechten , die plötzlich bei der Arbeit eingeschlafen waren und mit halb geschlossenen Augen träumerisch an den Krippen lehnten . In der Küche nickten Koch und Küchenjunge , und da und dort saßen die andern Dienstboten , alle wie vom Schlage gerührt . In den Hallen des Saales ruhten aber auf weichen Polstern : Herren und Damen , beim Bankett vom Schlafe überrascht , die Becher noch in Händen , mit gesenkten Häuptern . Kurz , alle lebenden Wesen des Schlosses , von den Helden des Saales an bis zu der Fliege an der Wand , waren behext und vom Zauber berückt , und schlafen würden sie vielleicht noch heute , wenn sich nicht einst ein jugendlicher Ritter mit dem Schwerte Bahn durch die Disteln und Dornen geschlagen hätte und keck hinein in den verwünschten Raum gedrungen wäre . Er sah sich verwundert um , und er begriff , daß dieser Zauber nur auf ganz eigentümliche Weise gelöst werden könne . Wochenlang hätte er die Herren und die Diener rütteln und schütteln können : sie würden doch nicht wach geworden sein . Er schritt daher die Wendeltreppe des Turmes hinauf , und als er hoch oben in ein kleines Gemach trat , da fand er auf weiche Kissen hingegossen : die schönste Jungfrau . Die Locken ruhten neben dem lieblichen Köpfchen , und die Lippen leuchteten in rosiger Frische . Entzückt war der Ritter , und lange schwelgte er in dem seligen Anblick . Als er sich aber genug erquickt hatte , da bog er sich hinab , und es verstand sich von selbst , daß er die Schöne mitten auf ihren roten Mund küßte - da war der Zauber gelöst ! Im Hofe erwachten Hunde und Katzen ; im Stall die Rosse samt ihren Knechten ; in der Küche fuhr Koch und Küchenjunge empor , und erwachend reckten die übrigen Dienstboten ihre steifgewordenen Glieder . Die Herren und Damen des Saales regten sich nicht minder : sie fuhren in ihrem Bankett fort und ahnten kaum , daß sie ein paar Hundert Jahre lang geschlafen hatten . Kurz , alles wurde lebendig , von den Helden des Saales an bis zu der Fliege an der Wand , denn oben im Erker küßte der Ritter die Jungfrau , und vom Traume erwachend , sank sie liebeseufzend an seine Brust . Gelehrte Leute behaupten , der ganze Zauber rühre von dem Stich einer Spindel her und nur durch einen Kuß könne so etwas wiedergutgemacht werden - - Ich weiß nicht , wie es darum steht , soviel ist aber gewiß , daß die Umarmung des Ritters Schnapphahnski und der Herzogin von S. denselben Einfluß auf die verschuldeten Güter des erstern hatte wie der Kuß des Ritters der Sage und der schlafenden Jungfrau auf das verwünschte Waldschloß . Der Kuß des Ritters entzauberte das Schloß ; die Umarmung unseres Schnapphahnski enthypothezierte seine sämtlichen Besitzungen . Wie die Rosse des Waldschlosses froh in die Luft hinauswieherten , daß endlich der Spuk gelöst sei , so huben sich auch die Merinomutterschafe und Böcke der Schnapphahnskischen Güter freudig empor und blökten ihrem schuldenfreien Herrn ein lustiges Willkommen . Schnapphahnski hatte keine Schulden mehr . Jeder , der einmal Schulden hatte , wird die Seligkeit dieses Gefühles zu begreifen wissen . Schulden gehören zu den unangenehmsten Rückerinnerungen ; Schulden sind gewissermaßen der Katzenjammer längst verrauschter Genüsse . Alle dummen Streiche , die wir im Leben begingen , treten in den steifen Ziffern unserer Schulden noch einmal ärgerlich vor unser Gedächtnis , und mit widerlichen Grimassen grinst die Vergangenheit in unsere Gegenwart herein . Das Schlimmste bei den Schulden ist indes , daß wir mit den Schulden Gläubiger bekommen ! Diese ernsten , mürrischen Leute , die uns auf der Straße mit Nasenrümpfen anschauen , die schon in der goldenen Frühe an unsere Tür pochen , um uns all ihren Jammer vorzuleiern , ja , die uns gar bei der Arbeit überraschen , wenn wir mit den höchsten Weltinteressen beschäftigt sind , um uns von dem Sinai unserer Gedanken in das tote Meer ihrer kleinbürgerlichen Misere hinabzuziehen - oh , es ist entsetzlich ! Aber das ist die Ironie des Schicksals , daß schon mancher Titane , der für das Heil der Menschheit schwärmte , nicht einmal seine Hosen bezahlen konnte - - Mensch , mache keine Schulden ! Ein Gläubiger ist erboster als eine Hornisse , beständiger wie der Teufel und langweiliger als ein Engel . Mit dem Bezahlen der Schnapphahnskischen Schulden glaubte die Herzogin indes , noch nicht genug getan zu haben . Vor allen Dingen wollte sie ihm wieder Bahn in die Berliner Gesellschaft brechen . Nur eine Herzogin von S. konnte eine solche Aufgabe übernehmen . Eine Frau , die alle Intrigen des Ancien régime und der Revolution kannte , die alle Wechselfälle des Kaiserreichs , der Restauration und der Dynastie mit durchgemacht hatte , schrak vor nichts zurück . Imponierend durch ihre Kühnheit , durch ihre Erfahrung und durch ihren kolossalen Reichtum , sehen wir sie zugleich mit unserem Ritter in Berlin auftreten . Die alten Feinde Schnapphahnskis regen sich an hundert Orten ; aber ohnmächtig sind sie gegen die Energie der Herzogin ; die heillosesten Geschichten ihres Freundes werden zu den liebenswürdigsten Abenteuern ; Haß , Spott , Gelächter : alles weiß sie zu besiegen . In einer Audienz bei dem Gespiel ihrer Jugend weiß sie Schnapphahnskis Zulassung zu den höchsten Kreisen durchzusetzen . Der Ritter wird wieder » möglich « , er faßt Fuß , er bekommt eine Stellung und - muß geduldet werden . Schnapphahnskis politische Laufbahn beginnt . XIX Die Römerfahrt Ehe wir unserm Ritter auf dem dornenvollen Pfade der Politik folgen , müssen wir noch eine Episode seines Lebens berühren , die zu merkwürdig ist , als daß sie übergangen werden dürfte . Es tut uns nur leid , daß wir etwas weit von dem bisherigen Schauplatz der