ging ich in die Marcuskirche , nicht zur Messe , nur zum Gebet . Bisweilen wurde mir unaussprechlich wol in diesen ernsten , heiligen Räumen , die sich seit langen Jahrhunderten feierlich über die geheimsten und tiefsten Gedanken zahlloser Geschlechter und Generationen schweigend gewölbt hatten . Wie beseelt von Allem was sie gehört und gesehen , kamen mir die majestätischen Gestalten der zahllosen Mosaikbilder vor . Es that mir wol mit so viel Tausenden vor mir und nach mir gemeinschaftlich in ihren Schooß mich zu betten , und sie in das geheime Elend meines Lebens schauen zu lassen , welches selten , selten ! ein Mensch vor dem Andern enthüllt . Denn vor unsers Gleichen schämen wir uns unsrer Sünden , unsrer Thorheit , unsers Elends mehr , als vor höheren Naturen . Unsers Gleichen kennen wir als schwach , und ach ! die Schwäche im Bewußtsein ihrer Unmacht wappnet sich mit Strenge und Härte gegen Andre . Die höhere starke Natur , welche die Schwäche nur kennt , aber nicht theilt , ist barmherzig . Hierin liegt die tröstende Macht der katholischen Beichte auf das Gemüth . Aber giebt es denn Menschen , die so stark und so gut sind , daß wir uns mit unserem Elend nie vor ihnen gedemüthigt fühlen ? - Tief in diese Gedanken versunken hatte mich ein Kapuziner nicht gestört , der ganz in meiner Nähe sein Gebet verrichtete . Endlich erhob er sich , trat zu mir heran und bat um Almosen für die Armen seines Klosters . Ungeschickter Weise trug ich nie Geld bei mir , und Gino , der bei meinen Excursionen mein Schatzmeister war , lag mit der Gondel an der Piazzetta . Ich zog eine goldne Nadel mit einem Knopf von Perlen und Türkisen aus dem Haar und gab sie ihm indem ich sagte : » Verkaufen Sie dies , mein Vater , geben Sie den Ertrag den Armen .... und beten Sie für mich . « Er stand gebückt vor mir , beugte sich noch tiefer und fragte : » Sie sind jung , gesund und reich , Signora ... um was soll ich beten ? « » Um Ruhe , mein Vater , und um Kraft . « » Dies ist das Allerwelts-Leid , Signora . « » Ja , mein Vater , aber es drückt den Einzelnen darum nicht minder schwer ! Es ist vielgestaltig und nimmt jede Form an .... daher sieht es für Jeden anders aus , so wie auch Jedem die Versuchung in andrer Form naht . « » So jung .... und schon so nachdenkend ! « sagte er . Es machte mich lächeln , daß ihn eine ganz oberflächliche Bemerkung frappirt habe und ich fragte : » Glauben Sie denn daß man nur im Kloster und bei fünfzig Jahren die Kunst des Nachdenkens üben könne ? « » Ich glaubte nur daß man in der Welt andre Dinge zu thun habe , Signora , als sich mit den Händen im Schooß hinzusetzen und den Gedanken im Kopf nachzuhängen . « » Für die Männer ist das richtig , mein Vater ; die verbrauchen ihr Leben ! wir .... müssen es verträumen oder vertändeln - und da ich für das Letztere nicht die Gaben habe , so begnüge ich mich mit dem Ersteren . « » Aber unwillig ? « » Nicht unwillig , mein Vater , nur traurig , sehr traurig wie Derjenige es sein mag , der sich verschmachten fühlt vor Hunger weil er nichts zu essen bekommt als Orangen - während er sich nach einem derben Stück Brot sehnt . Er ist nun aber einmal auf Orangen angewiesen und muß mit ihnen leben und sterben , und noch gar hören , daß Andre ihn sehr beneiden um die herrliche Kost . « » O Signora , das ist ein eingebildetes Leid ! Derjenige den das Schicksal in einen Orangengarten gestellt hat , kann auch über einen Bäckerladen befehlen . Umgekehrt ist es nicht so leicht . « » Das ist so recht gesprochen wie Jemand dem ein wenig Reichthum , Jugend und Unabhängigkeit über Alles geht .... weil er sie nicht besitzt ! « rief ich mit einiger Bitterkeit . » Ich weiß zu schätzen was ich besitze und was ich nicht besitze , Signora ! entgegnete er sehr gelassen . Unabhängigkeit , Jugend und Reichthum besitze ich nicht ; allein ich betrachte sie als vortrefliche Mittel zu schönen Zielen , wenn sie mit Einsicht und Vernunft gepaart sind .... welche letztere Ihnen zu fehlen scheinen ; - denn sonst würden Sie wol auch das besitzen um was ich in Ihrem Namen beten soll : Kraft ! - Sie ist nichts als Ausübung unsrer Selbsterkenntniß . « Er verbeugte sich und entfernte sich rasch durch das Mittelschiff , während ich ihm bestürzt nachblickte und plötzlich ganz laut rief : Ah ! das war er ! - denn sein Gang und die Haltung seiner Arme verriethen deutlich , daß er kein Klosterbruder sei . Ich ärgerte mich , daß ich mich in solchem unvortheilhaften Licht ihm gezeigt , und freute mich doch vollkommen unbefangen und aufrichtig gewesen zu sein . Hatte ihm das mißfallen , so - würde er sich mir nicht wieder nähern . Oder .... sollte es ein Maskenscherz irgend eines meiner Bekannten gewesen sein ? das war nicht unmöglich .... wir waren im Fasching ! und ich hatte ihm unbesonnen die Nadel geschenkt . - - In großer Unruh verbrachte ich die nächsten vier und zwanzig Stunden ; dann ging ich wieder in die Marcuskirche . Ich bildete mir ein , wenn er der Kapuziner sei , würde ich ihn dort finden . Und siehe , er war da ! Er grüßte mich demüthig . Die Kapuze war tief über sein Obergesicht herabgezogen , und das Untergesicht in einem grauen langen Bart begraben ; dazu die tiefe Dämmerung die stets in dieser Kirche herrscht ; es war unmöglich auch nur einen Zug seines Antlitzes zu erkennen .