Barmherzigkeit wird es nicht zugeben , daß mein Gedächtniß fehle ! Es muß da sein ! Jetzt erst gewahrte ich etwas in dem tiefblauen Spalt , es schimmerte roth , es war das Futter seines Mantels . Ich sah hinab , daß mir die Augäpfel schier verglasten : es regte sich nicht ! Was ich von da an gethan , weiß ich nicht ; sie hatten Hacken , Schaufeln , Stricke geholt ; wie Jacquelin hinabgestiegen , wie sie ihn heraufgewunden , ich weiß es nicht . Ich war die Erste , fuhr sie nach einer Pause fort , die seine Hand ergriff , als er nun vor uns auf dem Eise lag ; sie war noch warm . Nach einigen Secunden schlug er die Augen auf und - erkannte mich . Das Andre weiß ich , du herzig Mädchen ! rief Leontine , indem sie dem Vrenely mit thränenüberströmtem Gesicht in die Arme fiel . Ich weiß , wie du , als er heraufgezogen ward , immer noch besonnen jede Handreichung thatest ; ich weiß , wie du voranliefst mit größter Gefahr und den alten Mann holtest , der ihn verband und seinen Arm schiente , wie du die ganze Nacht bei ihm wachtest , bis endlich am Morgen Duguet kam und euch alles Nöthige brachte , noch eh ' dein Bote abgegangen . O Vrenely ! rief sie immer heftiger weinend , jetzt muß er dein werden ! Verlörst du ihn jetzt , du müßtest ja daran sterben ! Jetzt ? O nein ! sagte kopfschüttelnd das Mädchen , das Vrenely hat ja nun ein Glück für ' s ganze Leben ! O Fräulein , Fräulein ! fühlen Sie es denn nicht ? Ich , ich habe ihn gerettet ! Wenn er nun fort durch die Welt zieht , setzte sie träumerisch und tiefernst hinzu , in weit , weit entlegene fremde Länder und alle die großen Studien und Entdeckungen macht , von denen er manchmal so schön sprach , und wenn er immer berühmter wird und allen Menschen ein Gottessegen - das Vrenely hat ihm ja das Leben erhalten , mit dem er das alles thut ! - Und - sie erröthete tief und schlug die Augen nieder - jetzt schäme ich mich auch gar nicht mehr , daß Sie - und er , und so viel andre Leute es wissen , daß ich ihn so lieb habe , ihm so ganz unaussprechlich gut bin , wie gar keinem andern Mann auf Erden ; denn sehen Sie - sie heftete den klaren Blick auf Leontinen - das Vrenely will ja nun gar nichts weiter in der Welt . Darum lassen Sie ihn nur ruhig seine Straße ziehen , und wenn er auch das arme Schweizermaidly oft Jahrelang vergißt , manchmal wird er doch daran denken . Das ist mein Segen bis an den Tod . Mit immer gleich heiterer Kraft stand das Mädchen Annen bei , als Otto nun schwer erkrankte . Mit unerschütterlicher Ausdauer pflegten ihn die Frauen , dazwischen mußte Vrenely noch für den alten Vater sorgen und im Institut ihre Stunden geben . Otto ' s Zustand blieb mehre Tage bedenklich , er hatte eine starke Contusion am Hinterkopf und man fürchtete eine Hirnentzündung . Es war graulich , mit welcher wirbelnden Hast die Gedanken in seinem Kopfe sich drängten , welch entsetzliche Lebendigkeit und Unruhe aus allen seinen Zügen sprach . Oft rief er halbe Stunden lang Anna ' s Namen . Vrenely saß still neben ihm , ihre Hand reichte ihm den kühlenden Trank und ihr liebes Gesicht behielt den freundlichen gütigen Ausdruck ; keine Thräne trat in ihr Auge , das , nur jedes seiner kleinen Bedürfnisse zu entdecken bemüht , für nichts Anderes einen Blick hatte . Allmälig legte sich der nervöse Zustand , er kam zur Besinnung , zur Erinnerung dessen , was geschehen . Als er kräftiger ward und die Frauen ihn mitunter ein paar Stunden lang sich oder Sophiens geübter Pflege überließen , saß Gotthard viel bei ihm . Die beiden jungen Männer kamen einander näher und ein Bandtiefer gegenseitiger Achtung schlang sich um beider Seelen . Lieben konnte Otto Gotthard nicht , er war ihm nur dankbar . Das Herz hat Fühlfäden , die unendlich weiter reichen , als das Erkennen des klarsten Geistes . Als Otto wieder auf zu sein vermochte , ließ er sich von Duguet zu Annen geleiten . Mit welcher Freude flog sie ihm entgegen ! wie sorgsam rückte sie dem Freunde den Sessel in den jetzt selten gewordenen Sonnenstrahl ! Wie suchte sie , gleich einer liebenden Schwester , ihm alles recht bequem zu machen ! Sie war überglücklich , daß er lebe und genese . Otto sah sie mit unaussprechlich inniger Wehmuth an , dann reichte er ihr die Hand : Ach ! sagte er , du meinst es gut , unendlich gut , und doch , Anna , wie weh ' - er vollendete nicht . Wunderlich verschieden schien Otto ' s Leiden auf die drei Freundinnen gewirkt zu haben , was sich am deutlichsten in der Art ihrer Krankenwartung aussprach . Leontine war an fast geister- oder elfenstiller Pflege kaum zu erreichen , sie flog mehr , als sie ging , und doch wie in unhörbar leisem Fluge . Sie saß oft viele Stunden bei ihm , meist unbemerkt , hinter dem Vorhang seines Bettes ; war er trübe , schaute sie hervor und erzählte ihm , sang ihm mit halber Stimme seine Lieblingslieder , oder sie las ihm ihre Gedichte vor , sie zeichnete bei ihm lauter närrisch-possenhaftes Zeug , das ihn lachen machte , so daß er seinen Schmerz vergaß . Anna war sich immer gleich , weich und ernst , errieth sie immer seine Seele . Sie schrieb für ihn nach Basel und an seinen noch in Freiberg lebenden Vater . Sie that eigentlich weniger , als die Andern , beschwichtigte aber mehr und regte ihn weniger durch äußere Dinge auf , nur daß eben