auf die Lippen . So war es auch in unserm Hause , und in jedem Herzen war noch das Weh über den unwürdigen , unheiligen Streit vom letzten Sonntag , der die eiternde Beule zur Reife gebracht und aufgebrochen . Um so weicher war eines jeden Stimmung , um so inniger war ihr Sinnen an den heiligen Tag , um so inbrünstiger eines jeden übliche Gebete , um so freundlicher und weicher ihr Begegnen . Ihre Gefühle taten sich nicht durch besondere Gebärden kund , sie traten kaum ins Auge ; aber im Tone der Stimme gaben sie sich zu erkennen , im Zuvortun bei allen Geschäften , in der Teilnahme , mit welcher jedes Wort aufgenommen wurde , im Zueinanderstehen , ohne daß man sich eben etwas zu sagen hatte . Selbst Annelisi war innig bewegt und dachte nicht ans neue Tschöpli , als es das alte anzog , war früh fertig , sorgte der Mutter für einen schönen Rosmarinstengel und wollte den Brüdern auch welche geben , aber diese sagten , sie begehrten heute keine . Alle warteten der Mutter vor der Türe , die noch die Jungfrauen zu brichten hatte über ihre Pflichten und wie sie zu allem zu sehen hätten , damit das Essen nicht verdorben , das Haus nicht verwahrloset würde . Sie ließ zwar hinaussagen , man solle ihr doch recht nicht warten , aber ohne Mutter wäre Keines vom Hause gegangen , und Keines ward ungeduldig , und Keines rief ins Haus hinein : » Mutter , kömmst nicht bald ! « Als sie kam , sich entschuldigend , sagte Christen : » Wir hätten dir noch lange gewartet , säumtest du dich ja um unseretwillen ; es hatte jedes von uns nur für sich selbst zu sorgen , du aber für alle « . So war keine Ungeduld in keinem Herzen , und eines Sinnes , ohne viele Worte , in stiller Andacht zogen sie dem Hause des Herrn zu . Es ist doch schön , wenn so eine ganze Familie eines Glaubens , eines Sinnes zum Hause des Herrn zieht , Keines vornehmer im Geiste als das Andere , jedes gläubig wie das Andere , vom gleichen Gott sein Heil erwartend , den gleichen Weg vor Augen , nach dem gleichen Himmel trachtend . Es ist doch schön , wenn Eltern mit ihren erwachsenen Kindern zur Kirche ziehen können , wo sie dieselben taufen ließen , und nicht nur sagen können : Siehe , Herr , hier sind die , die du mir gegeben hast , und Keines ist verloren gegangen , sondern noch danken können , daß der Herr durch die Kinder die Eltern geheiliget und die Kinder Stützen geworden seien , nicht nur für den Leib in den alten Tagen , sondern auch für den Geist auf dem Wege der Heiligung . Wenn so eine ganze Familie zum Mahle des Herrn geht als wie zum letzten Mahle und doch im gläubigen Vertrauen , daß der Herr nicht scheiden werde , was sich hier gefunden , daß wenn schon der Tod als wie ein Schatten vor das Eine oder das Andere sich stellt , dieser Schatten über Kurzem wieder schwinden werde im Lichte des ewigen Lebens , es ist doch schön . Es wehet in einer solchen Familie eine Kraft des Vertrauens , des Glaubens , der Liebe , welche die Welt nicht gibt , welche die Welt nicht kennt . Bald waren sie nicht mehr alleine ; hieher kamen Leute und dorther , freundliche Grüße wechselten , die Einen hemmten ihren Schritt , die Andern beschleunigten ihn , ein jedes richtete seinen Schritt nach der Andern Schritt , weil es nicht alleine wallen wollte auf dem Wege zur Kirche , sondern in Gemeinschaft mit den Andern . Warum aber nur auf dem Kirchwege seinen Schritt modeln nach der Andern Schritt , warum nicht auch auf dem Lebenswege ? Nur eine kleine Anstrengung , nur ein klein weniger Eigensinn , nur einiger Tage leichte Übung , und einmütig und gleichen Schrittes , eine Gemeinschaft der Heiligen , würde durchs Leben wallen , was auf ewig auseinandergeht , weil das Eine seinen Schritt noch kürzt , während das Andere den seinigen verlängert . Die Leute sahen mit Verwundern die Fünfe so einträchtig zusammen gehen , drückten aber die Verwunderung nicht einmal mit den Augen aus , geschweige daß jemand nach der Veranlassung des nach der bekannten Spaltung um so auffallenderen gemeinsamen Kirchganges gefragt hätte . Jeder machte seine Mutmaßungen und behielt sich vor , dieselben daheim beim Mittagessen vorzubringen , und fast in allen Häusern war dies das Tischgespräch . Vermutungen aller Art wurden laut , und allerdings war die Bewegung Ännelis am vorigen Sonntag in der Kirche nicht unbemerkt geblieben , aber das Rechte erriet doch so recht niemand , von wegen wenn man etwas begreifen will , so muß man den Sinn , aus welchem es hervorgegangen , selbst in seiner Brust tragen . Das wissen aber die wenigsten Leute , darum so viele Mißverständnisse , darum werweisen die Meisten so dummes Zeug , wenn sie von einer guten , uneigennützigen Tat hören ; sie tragen halt den Sinn dazu nicht in ihrer Brust . Hingegen weiß so Mancher , daß er selbst für die schlechtesten , eigennützigsten Absichten die schönsten Gründe hat . Mancher vermag zum Beispiel Amt , Stellung , Staat auf die schändlichste Weise zu mißbrauchen zur Sättigung seiner Lust oder seines Geldsäckels , während er von lauter System , Gemeinwohl und Volksinteresse überfließt . Die Leute strömten immer zahlreicher , je näher man der Kirche kam , denn an Pfingsten , wenn die Sonne schön warm scheinet , wagt so manches alte Mütterli , das durch Kalte und Kot nicht mehr kam , noch so gerne einen Kirchgang und labet seine Seele , die auch gerne da oben wäre an des Herrn Mahl ; es weiß nicht , was der Herr im nächsten Winter mir ihm vorhat , es sucht , wo es kann ,