. « » Die Emanzipation des Fleisches , wie das Modewort heißt , welches jetzt gepredigt wird - entspricht also wol ganz Ihren Wünschen ? « » Unsinn , lieber Graf , kläglicher Unsinn , wie er von Leuten mit fixen Ideen nicht anders zu erwarten ist . All diese Prediger sind mit der Monomanie der Gleichheit behaftet , die sich durch eine Art von Berserkerwuth gegen Alles , was bisher dominirt und primirt hat , äußert . Die aristokratische Institution , daß Vernunft , Verstand , Wille den Plebs der Sinne beherrsche , soll nicht mehr gelten , nicht - weil sie nicht gut und nützlich wäre ; sondern tout bonnement , weil etwas Hochadliges darin liegt , rohes , ungebildetes Volk - gehorchen zu lassen . Im Mittelalter verliehen die Städte an Ritter und Herren das Bürgerrecht , und das war eine große Ehre , denn sie traten dadurch in eine ehrenwerthe Verbindung . Jetzt , wo alles Zünftige , als der Gleichheit und Freiheit widersprechend - abgeschafft wird , taucht plötzlich eine Zunft von Literaten auf , welche das Bestialitätsrecht verleihen möchte . Aber ich denke , sie werden es wol für sich behalten dürfen . - So . Nun bin ich mit der Anlage fertig . Jetzt sollen Sie die bewußten Bäume sehen . « Sie erhob sich , stellte ein Gemälde auf die Staffelei , und sprach zu Mario : » Setzen Sie sich davor hin . « Es war ein schroffer Felsenabhang über dem Meer . Eine Tanne und eine Birke , mit seltsam verschlungenen Zweigen , standen am äußersten Rande dieses Abhangs und bildeten den Vorgrund . Die Birke war ganz unbelaubt ; ihr weißer Stamm , die schlanken Zweige schienen zu zittern und zu frieren im Sturm . Die Tanne breitete ihre Aeste , worauf einzelne Schneeflocken gestreut waren , schützend aus , gleich starken Armen . Der Himmel war winterlich hart , eisgrau , im Westen kupferroth . Tief unten dämmerte das Meer . Nach einiger Zeit stellte Faustine ein zweites Gemälde auf die Staffelei : ganz derselbe Gegenstand , aber im Frühling und im Morgenlicht . Die Birke , frisch und sonnenglänzend , schmückte die Tanne mit ihrem wehenden , schwebenden Laube , wie mit festlichen Guirlanden . » Gefallen Ihnen die Bäume ? « unterbrach Faustine endlich das Schweigen . » Sie verstehen zu malen ! « entgegnete Mario . » Sie verstehen die Dinge aufzufassen , und ihnen mit dem Pinsel ein poetischwahres Gewand umzuhängen . Aber wundern dürfen Sie sich nicht , daß Feldern , und vielleicht hundert Andere , nur eine schöne Landschaft in diesem Bilde sehen . Bilderschrift ist ein tiefsinniges Studium , wozu mehr gehört als des Kunstkenners Geschmack und Urtheil . Sie ist ein Sanskrit , nur von Wenigen verstanden . « In demselben Augenblick trat Clemens ein und sagte : » Verzeihung ! ich bin vom Diener hergewiesen . « Dann rasch hinter Mario tretend und das Gemälde betrachtend , rief er hocherfreut : » Die Tanne kenne ich ! Sie haben sie einmal auf einem Spaziergang in Oberwalldorf flüchtig gezeichnet : dabei habe ich sie mir eingeprägt . Es freut mich , daß Sie an etwas aus jener Zeit gedacht , wenn nicht an Menschen , doch an den Baum ! « » Ich denke an Alles , was der Erinnerung werth ist , « sagte Faustine . » Oder der Hoffnung ! « rief Clemens . » Ja ; und lieber noch ! « entgegnete sie , und machte eine Bewegung , welche die Herren einlud , mit ihr das Atelier zu verlassen . Schürze und Häubchen blieben darin zurück . Mario und Clemens mißfielen sich ungemein - gegenseitig , wie das gewöhnlich der Fall ist . Seltsam , daß nichts auf der Welt zwei Menschen , die sich einander völlig fremd sind , herzlicher verbindet oder feindlicher entzweit , als die Liebe für eine dritte Person - je nach der Beschaffenheit , dem Colorit , der Temperatur dieser Liebe . Der Freund , der Bruder der Geliebten wird unser Bruder , unser Freund ; wer aber Miene macht , sie auf unsere Weise anzubeten , ist unser Erzfeind . Clemens haßte Mario , weil er eifersüchtig auf ihn war . Er fühlte , daß Mario Faustinen besser als er gefallen könne , denn er war unbeholfen und sie hatte die gewandten Menschen so gern : » die Menschen , welche ihr zartes Händchen nur mit einem weißen Glacé- Handschuh anfassen - murmelte Clemens - und davon bin ich kein Liebhaber , obgleich ich , ihr zu Gefallen , auch recht gern weiße oder himmelblaue oder maigrüne Handschuhe anziehen würde . « - Mario hatte Clemens einen Augenblick mit dem unverhohlenen Erstaunen betrachtet , welches durch dessen brüskes Auftreten überall , wo man an bessere Manieren gewöhnt war , hervorgerufen werden mußte . Dann aber beachtete er ihn gar nicht mehr als ein selbständiges Wesen , sondern nur dann , wenn Jener auf irgend eine Weise gegen Faustine anstieß . Sie selbst litt gar nicht durch das unvortheilhafte Licht , worin Clemens sich zeigte . » Es ist den jungen Leuten sehr heilsam , wenn sie merken , was und wie viel ihnen fehlt , um in der Gesellschaft angenehm zu sein « - sagte sie einst . » Wenn sie von der Universität kommen , sind sie so aufgeblasen wie eine Mongolfiere , und gleich dieser , ihrer Himmelfahrt und des bewundernden Staunens des versammelten Volks gewiß . Warum so aufgeblasen ? entweder haben sie sich brav herumgehauen , oder sie haben enorm getrunken , oder der Himmel hat sie mit einem pompösen Bart erfreut , oder sie haben in irgend einem Examen sich nicht verblüffen lassen - « Clemens , der anspruchloseste Mensch unter der Sonne , war nur auf seinen Bart eitel ; deshalb unterbrach er gereizt Faustine und rief , weil er doch nicht die Bart-Stolzen vertheidigen konnte : » Sie haben gut reden , spöttisch