Nähe kein Anker . Hoffnungslos , grundlos . Doch still davon , Freund ! Laß uns gar nicht mehr daran denken , wie unglücklich ich bin . Nur zwei Minuten lang , zwei schöne Minuten lang laß mich noch an Deiner Schulter ohne Gedanken ruhen . Ich bin matt , ich bin wundgejagt , ich will an gar nichts denken . Nur still , still ! Ganz still ! Laß mich genug haben an diesem einzigen Augenblick Deiner Gegenwart , wenn mich auch mein Schicksal bald zum Aufbruch mahnt . Ich meine , dieser Augenblick sei mein ganzes Leben , und weiter brauche ich nicht . Höre , laß mich auch an mein Schicksal nicht denken . Laß mich an gar nichts denken . Nur still , still ! Ganz still ! Und weißt Du denn , wie sehr ich Dir Freund bin ? Doch still ! Ach , vom Kinderherzen ging es in das größer werdende Mädchenherz über , wie lieb Du mir bist . O still , still ! Lieb in Gestalt und Wesen , im Sinnen und Handeln , im Reden und im Schweigen . Laß mich bei Dir bleiben , bei Dir und Deinen Büchern . Sprich nicht von liebesarmer Einsamkeit . Hier ist es gut . Still will ich an Dir ruhen . Still , still , still ! So plauderte ich zu ihm hin , meinen Schmerz ersterben lassend in süßer Sehnsucht . Er sagte , ihm sei das Glück wie eine Königin der Nacht aufgeblüht . Wer könne ihn schelten , wenn er an das Wunder ihrer Blüthe glaube . Denn in der Liebe sei seine Seele wundergläubig . Er frage nicht , wie es dauern werde und ob . Er liebe mit seiner ganzen Seele , mit seinem ganzen Glauben , mit seinem ganzen Ernst und seinem ganzen Leichtsinn . Nie habe er zu träumen gewagt , was jetzt Leben geworden . Und zum Leben fühle er sich erwacht , nachdem er es lange an todtes Wissen verloren . Nachdem er lange kaum um sich hergeblickt in der Welt , habe sie sich ihm plötzlich bevölkert , und ein Liebesauge zu ihm aufgeschlagen . Er sei unbegreiflich beglückt . Es war das erste Mal , daß ich ihn so glühend reden hörte , und das bewegte mich tief . Ich sah ihn mit meinen besten und zärtlichsten Blicken an , und aus der selbstvergessenen Ruhe , in die ich mich noch eben in halber Verzweiflung eingewiegt , begann wieder eine heiße Unruhe in meiner Brust zu entlodern . Er spielte mit seiner Hand in meinen aufgebundenen Haarflechten . Doch war er schüchtern und zart , kindlich und zurückhaltend , daß ich mich vor ihm schämte . Ich fühlte eine solche Wallung bis in die Stirn , daß es mich nicht mehr an seiner Seite ließ . Es war mir , als hörte ich seinen auf und niedergehenden Athem inwendig in meinem Herzen zum zweiten Mal schlagen , und als drücke sich die Nähe seiner Gestalt so fest und unwiderstehlich in mich ein , daß ich mich selbst darüber ganz und gar verlieren müßte . Da wurde mir ängstlich , ich sprang auf , und durchmaß , von einer wilden Hast getrieben , mit raschen Schritten das Zimmer . Er blieb sitzen , und sah mir tief sinnend nach , als kämpfe er noch mit Wirklichkeit oder Traum unserer Scene . Auf dem Fußboden standen und lagen viele Bücher umher , es waren die stillen Mitbewohner des kleinen Gemaches . Ein großer , breiter Foliant erhob sich dicht neben dem Arbeitstisch , und ich setzte mich endlich , um auszuruhen , auf die starke , feststehende Schaale des Buches . So saßen wir uns lächelnd gegenüber , ich fern von ihm , nur mit den Blicken einander erreichbar . Wir sprachen nichts , eine große Stille herrschte rings um uns her . Draußen die späte Mitternachtstunde , die vom Thurm erklang , hatte uns nichts zu sagen , wir waren nur vertieft in den Moment unsres Beisammenseins . Ich hätte gern wieder neben ihm gesessen . Ich sehnte mich nach ihm . Das Roth auf meiner Wange mochte sich noch röther entflammen . Da ergriff ich ein Buch , das neben mir auf der Erde lag , und blätterte , um mein Gesicht darin zu verbergen . Nachher bemerkte ich erst , daß es Hebräisch war , was ich so dicht an meine Wange hielt . Schnell schleuderte ich es wieder von mir , wie aus Gespensterfurcht vor diesen entsetzlichen Schriftzeichen , und sprang dann lachend auf , und stellte mich wieder vor den guten theuern Freund hin , mit übereinandergeschlagenen Armen , die Hand nachdenklich betrachtend an das Kinn gelehnt . Unsere Augen trafen mit einem kühner sich begegnenden Feuer zusammen , und ließen sich nicht wieder los . Er hatte mich leise an seine Brust gezogen . Auf dem Tisch verlosch das Licht , das sonst nur vor dem arbeitsamen Fleiß niederbrannte . Heut verlosch es - - Doch nichts will und darf ich mehr sagen . Erst spät schlich ich mich , halb bewußtlos , wieder fort , um mein eignes Zimmer zu erreichen . Es gelang mir , und ohne mich vor Erschöpfung aller meiner Sinne auskleiden zu können , sank ich dem tiefsten Schlaf in die Arme . Als ich am andern Morgen erwachte , schien bereits die helle Sonne auf mein Bett . Alles war still um mich her , und indem ich mich nachsinnend aufrichtete , war es mir , als hätte ich mein ganzes Gedächtniß für den gestrigen Tag verloren . Ich sprang rasch auf , mir war wunderbar wohl zu Muthe , bis in mein innerstes Wesen hinein . In allen Theilen meiner Natur fühlte ich mich erquickt und gehoben , und mich dünkte , als riesele in mir ein frischer Strom von Leben durch jede Ader hin . Ich kam mir auf Einmal aufgeblühter , entwickelter vor , voller in meinen Formen und