die empfänglichen , die sogenannten Leute von Geschmack , Bildung und Erziehung für das Mittlere zwischen beiden , für die Wahrscheinlichkeit . Und so ist es noch . Bei jeder neuen Dichtung fragen die einen : » Wo geschah dies ? « , die andern : » Sollte dies geschehen können ? « Nur die freien Gemüter entscheiden , ohne zu fragen , weil sie es fühlen , daß das , was nicht geschieht , immer noch wahr ist , selbst wenn es nicht geschehen kann . Alles , was die Wirklichkeit kopiert , ist für die Masse . Diese Gattung der Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genremalerei bis zu den Romanen von Walter Scott und Bulwer , bis zu den Dramen Ifflands und Kotzebues . Nur hell , blank und geschliffen muß diese Literatur sein , weil sie der Wirklichkeit gegenüber ein Spiegel ist , der sie treu auffäßt und wiedergibt . Für die schalen Gemüter ist nichts genialer , als sie selbst zu zeichnen , wie sie sind : ihre Tante , ihre Katze , ihren Schal , ihre kleinen Sympathien , ihre Schwachheiten . Was haben wir von euern Grillen , von euern Erfindungen , die in der Luft schweben ? Gebt uns uns selbst , dem Egoismus den Egoismus ! Es gibt Kritiker und Literatoren , die sich nur für das Kopieren der Wirklichkeit enthusiasmieren können . Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Konzession . England hat von jeher diese Art der poetischen Darstellung bevorzugt , Deutschland ist systematisch genug bearbeitet worden , hierin nachfolgen zu müssen . Die alte Literatur steht bei uns versteinert da in Tempeln und in Walhallen , die mittlere war keines Schusses Pulver wert , die neue hat nur noch ein schwankendes und kaltes , von Politik und spekulativer Trägheit ganz darniedergehaltenes Publikum . Darauf kömmt alles zurück : Man will von der Literatur keine Anstrengung haben ; die Literatur soll niemanden mehr eine unruhige Nacht machen , sie schildert , sie porträtiert , sie stillt die Leselust mit Historie und Bulwer . Die Poesie ist jetzt Selbstbefruchtung . Die Wirklichkeit nährt sich von ihrem eignen bürgerlichen , überquellenden Fette . Menschen , die schon eine Stufe höher stehen , sind mit der Wahrscheinlichkeit zufrieden . Sie wollen nur einige Voraussetzungen , die den Boden der Wirklichkeit berühren ; das übrige überlassen sie der Combination und Phantasie . Dies sind die gemütlichen Leser , die sich durch poetische Schöpfungen in einen sanften Halbschlummer wiegen lassen , die die Bücher nach der Elle konsumieren . Es muß ihnen nichts zu nahe und nichts zu ferne liegen . Schwebend zwischen Himmel und Erde , ganz willenlos hingegeben den Capricen des Dichters , freuen sie sich zuletzt , daß nun alles , was sie gelesen haben , doch entweder nicht wahr ist oder im entgegengesetzten Falle immer sehr wahrscheinlich bleibe . Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem , was wirklich ist . Die poetische Wahrheit ist schöpferisch . Sie baut mit den geheimsten Fäden der menschlichen Seele , sie combiniert nicht , wie der Staat , die Familie , die Religion , die Sitten und das Herkommen combinieren , sondern revolutionär . Die poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius . Dieser lauscht niedergestreckt auf den Boden der Wirklichkeit und hört , wie in den innersten Getrieben der Gemüter eine embryonische Welt mit keimendem Bewußtsein wächst . Wer auf seine Entwickelung lauscht , muß sich oft gestehen , daß ganze Gedichte in ihm sich zusammenreimen aus Motiven , welche die Außenwelt niemals anerkennen würde . Dies sollte nicht auch Wahrheit sein ? Dies sollte den Dichter nicht entzücken ? Die Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht : aber die Modernen werden es . Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte , sondern die Ideen , die im Schoße der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlummern . Die Welt , wie sie ist , wird ihren Gebilden nicht entsprechen ; diese werden dem nüchternen Vorwurfe der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt sein . Aber noch immer ging das Genie seinem Jahrhunderte voraus . Zwei Tatsachen möcht ' ich aus obigem folgern : die beide weniger literarisch als historisch sind . Wenn man in Anschlag bringt , daß entschieden schon in der französischen Literatur , ohne alle Widerrede auch bei uns allmählich eine Poesie der ideellen Wahrheit und reellen Unwirklichkeit sich zu entfalten beginnt , wenn man diese Frauengebilde betrachtet , welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter erfindet , diese originellen Situationen und allem Herkommen widersprechenden Sitten ; sollte man diese Erscheinung nicht für beziehungsreich halten für unser zukünftiges Leben , für die Existenz in der Wirklichkeit , für die weite Unterlage der Masse und des allgemeinen Glaubens ? Es ist wahr , die Dichter fangen an , auf immer luftigeren Bahnen zu wandeln : sie schaffen sich ihre eignen Welten mit Thronen , die ihre Phantasie erbaute , mit Richterstühlen , die ihre eigne Gesetzgebung haben , mit einem Gottesdienst , dessen Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist . Es baut sich eine Wahrheit der Dichtung auf , der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht , eine ideelle Opposition , ein dichterisches Gegenteil unsrer Zeit , das einen zweifachen Kampf wird zu bestehen haben , einmal einen gegen die Wirklichkeit selbst als konstituierte Macht mit physischer Autorität , sodann einen gegen die Poesie der Wirklichkeit , welche so viel Dichter und so viel Kritiker für sich hat . Dies ist ein Symptom unsrer Zeit , aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern Schluß ziehen wollen als einen , der vielleicht außerhalb der Literatur liegt , den ich aber nicht verschweigen will , weil jedes , was die Menschheit ehrt , auf den Lippen des Enthusiasten brennt . Man verwirft mit Recht das Experimentieren mit der Menschheit , aber man geht darin weiter , als man darf , ohne die Menschheit zu beleidigen . Wir fürchten uns , den Zeitgenossen