ich bei den Tönen einer sanften Harmonie erwachte , die anfänglich wie ein Engelchor in der Luft zu verfließen schienen , bis ich , völlig vom Schlaf ermuntert , Miß Mortimers fromme Stimme erkannte , die ihr Abendlied sang . Keine andre Stimme hätte die kindliche Dankbarkeit , die siegreiche Freudigkeit ihrer Seele so ausdrücken können , wie die ihre , und so wenig ich seit dem Umsturz meines Glücks fähig war , Dinge außer mir zu beobachten , zog doch diese Stimme , wie sie , auf der mildesten Abendluft getragen , zu mir herauftönte , meine Aufmerksamkeit an . Welchen Schatz besitzt sie denn , dachte ich bei mir selbst , der sie vor Andern so froh macht ? Heute früh hörte ich sie ihren Morgen mit einem Lobgesang beginnen , und nach einem für Andrer Wohl in Mühe verlebten Tag geht sie unter Dankgebet der Nacht entgegen . Gewiß , ihr ist diese glückliche Stimmung angeboren , und außerdem - sie kannte ja nie eine beßre Lage , sie verlor nichts . Wohl ihr , daß Armuth und Beschränkung sie vor dem Betrug und der Härte der Menschen bewahrte ! - Der Gesang war beendet , die Stille um mich her überließ mich von neuem meinen quälenden Betrachtungen , und um ihnen zu entgehen , griff ich nach einem Buche , das neben mir auf dem Tische lag . Es war meiner Mutter Bibel . Vornan stand ihr Name , von ihrer eignen Hand geschrieben , dann der Tag meiner Geburt , endlich wurde mein Tauftag mit folgenden Worten erwähnt : » Diesen 11. Jenner 1775 habe ich Gott mein theures Kind gewidmet . Möge er dieses Opfer annehmen und reinigen , wenn es auch mit Feuer seyn müßte ! « - Diese Worte erinnerten mich an die nie ganz vergessnen von meiner Mutter letztem Segen , und ich rief mit innigem Schmerz : » O Mutter , hättest du vorausgesehen , wie verzehrend das Feuer seyn sollte , das du zu meiner Reinigung herabbetetest , du hättest nicht so geschrieben , denn dein Herz war mild gegen einen Jeden , es hätte sich ja meiner erbarmt . « - Nun schlug ich eine andre Seite des Buchs auf , welche , wie das Blatt zeigte , oft umgewendet seyn mußte ; mein Auge erblickte die unterstrichne Stelle : » Könnte wohl eine Mutter ihren Säugling , den Sohn ihres Schooses vergessen ? Ja sie kann es ; doch nie vergesse ich deiner . « - Ich erinnerte mich dunkel , diese Worte von meiner Mutter im Gebet oft gehört zu haben ; damals verband ich keinen Sinn mit ihnen , jetzt fielen sie mir auf , ich dachte nach , ob denn wohl ein so trostvoller Gedanke , den so viele Tausende der Millionen für wahr annähmen , der meiner Mutter Aufrichtung und Freudigkeit gegeben , ganz ohne Grund seyn könnte . Wenn er aber gegründet wäre , so würde ich ja nicht verlassen seyn ; warum denn mußte ich erfahren , was nur den Verlassensten bestimmt seyn konnte ? Diese Betrachtungen beschäftigten mich durch die ganze schlaflose Nacht . Nach und nach erzeugten sie aber die Frage in mir : warum , wenn eine väterliche Macht unser Schicksal ordnet , auch wenn es uns mit Unglück niederdrückt , dennoch ordnet , warum habe ich nicht gesucht mich dieser Macht gefällig zu machen ? warum gedachte ich ihrer nie , da doch mein ganzes Wohl in ihren Händen ruhte ? - Sobald der Tag anbrach , griff ich wieder nach dem Buch , das meine Mutter getröstet , und suchte eine Antwort auf meine Frage und eine Entschuldigung meines Thuns . Die erste fand ich , je mehr ich las . Ich gewahrte , daß mein Leben den Bedingungen , unter welchen Gottes Friede verheißen wird , ganz entgegen gewesen sey ; dieses Buch gebot Entsagung für sich und Bemühung für Andre ; ich hatte einzig nach Genüssen gestrebt und für Andre nie das Geringste gethan . Mein leichtsinniger Verstand fragte ein paar Mal : was verbürgt dir denn , ob diese Vorschriften wirklich den Frieden Gottes versichern ? daß Gott wirklich dein Vater seyn wird , wenn du sein Kind bist ? Aber da sprach eine laute Stimme in mir und deutete auf die Schriftstellen , die meine Mutter getröstet , und auf die Freudigkeit , mit der meine fromme Retterin über Armuth , Schmerz und Ansicht des nahen Todes siegte . Sie sagte , daß der jetzige Zustand meiner Seele in seinem unermeßlichen Jammer mir Ahnungen höheren Glückes gewähre , als ich im Rausche meiner ehemaligen Freuden niemals gekannt hatte . Ich las fort und dachte nach und befragte Miß Mortimer , die , ohne mich in dem Gang meiner Seelen-Entwicklung zu stören , nur antwortete , nie den nothwendig erfolgenden Fortschritten meines Nachdenkens vorgriff . Doch Ruhe fand ich noch nicht . Mein Verstand war zu ungeübt , und die Erinnerungen an mein vergangnes Leben zu demüthigend , um mich ohne Kampf zu einer klaren Ansicht meiner selbst kommen zu lassen . Wie ich die Thorheit meines bisherigen Lebens zuerst einsehen lernte , wollte ich meine Selbstvorwürfe durch Scheingründe entkräften ; deren Ohnmacht im Innern empfindend , leitete ich oft Gespräche mit Miß Mortimer ein , welche einzelne Puncte meiner Zweifel erhellen sollten ; sie hörte mit unbeschränkter Geduld meine seichten und aus Widerstreben gegen eine bessere Ueberzeugung oft wiederholten Einwürfe an und achtete nicht auf die Unvernunft einer trostlosen Behauptung , mit der ich jeden Streit , in dem ich mir den Sieg nicht zuschreiben durfte , beschloß . Mein Dünkel mußte endlich unbedingt eingestehen , daß ich bisher ein unwürdiges , gedankenloses Daseyn geführt hatte , und daß es wohl Gottes Vaterliebe sey , die mir das Leben erhielt , um mir Zeit zu besserer Erkenntniß zu geben , und mir durch meine Freundin Mittel und Beispiel zu ihrer Erlangung zusendete . Dem trotzigen Untersuchen folgte ängstliche Anerkennung - ich wußte