Zudem war ein Gemeindsgesetz : es konnte Keiner heirathen , als der , welcher sich außer der Armenanstalt , ohne Hülfe der Gemeinde , ernähren konnte . Das Beste , was man noch rühmen mußte , war die Gottesfurcht , welche allmälig bei diesen einst verwilderten Leuten immer mehr Eingang fand . Und auch das war ein Verdienst des Herrn Pfarrers . Denn alle Wochen hielt er einigemal mit den Spittlern die Abendandacht ; dazu kamen auch die Häusler . Da sprach er dann viel Heilsames und Lehrreiches über ihren Seelenzustand , und zeigte ihnen , wie durch Gottes- und Menschenliebe in der Welt , wie in der Ewigkeit , das reinste Glück des Herzens gefunden werde . Diese Erbauungsstunden fruchteten zur Besserung weit mehr noch , als die Drohungen und Strafen der Obrigkeit . Uebrigens stand jedem Spittler und Häusler vollkommen frei , die Anstalten zu verlassen , wenn er wollte . Er mußte nur zeigen , wie er sich selbstständig und auf ehrliche Weise durch die Welt bringen könne und wolle . Und es war Gesetz , daß , wenn Jemand die Anstalt verlassen und sich über ein Jahr lang ohne Bettelei , ohne fremde Unterstützung , durch eigenen , häuslichen Fleiß erhalten und gutes Lob und Zeugniß erworben hatte , daß er sodann den freien Gebrauch seines kleinen , in der Ersparnißkasse befindlichen Vermögens empfing . Natürlich hatte er dann auch keinen Vogt mehr , und war gehalten wie jeder andere Bürger . Was die Goldenthaler Armenanstalten vorzüglich von andern dergleichen ruhmvoll und segensvoll unterschied , war : daß die armen Leute gezwungen wurden , Alles , was sie zur Nahrung , Kleidung und Bequemlichkeit gebrauchten , durchaus selbst zu machen . Es sorgte Niemand für sie ; sie mußten für sich selbst sorgen und arbeiten . Hier war keine stillsitzende Lebensart , hier keine ungewisse , leichte Fabrikarbeit , wodurch arme Leute zu schwerer Arbeit nachher untauglich werden , hier gab es keinen leichten Verdienst , wo junge Mädchen und Knaben bald eben so viel Geld gewinnen können , als die Alten , was dann zur Ueppigkeit , zu frühen Heirathen und zur Vermehrung des Lumpengesindels beiträgt . Hier mußte Jeder seine Kraft für das anstrengen , was ihm lebenslänglich wohlthat , wenn er es konnte ; er mußte graben , hacken , säen , pflanzen , dreschen , zimmern , hobeln , spinnen , weben , schneidern . 28. Probieren geht über Studieren . Es war auch in Goldenthal , wie an andern Orten . Sobald irgend ein verständiger Mann etwas Neues auf die Bahn brachte , um damit etwas offenbar Schädliches abzuschaffen , machte sich Jeder ein Geschäft daraus , es zu verhindern . Dann ward Jeder ein Bedenklichkeitskrämer und hatte Zweifel feil ; dann schüttelte Jeder den Kopf , zuckte die Achseln und sang das berühmte Lied aller feigen und trägen Memmen : Laß es sein , es ist zu schwer ; Es geht nun und nimmermehr . Oswald wußte das wohl , und war aus Erfahrung und Schaden klug geworden Hätte er seinen Goldenthalern den ganzen langen Plan von den Armenanstalten , wie er sie im Sinn hatte , vorher bekannt gemacht , so würde Jedermann erschrocken gewesen sein , sich in der Betrachtung desselben verwirrt , ihn geradezu verworfen und dabei gerufen haben : Laß es sein , es ist zu schwer ; Es geht nun und nimmermehr . Oswald aber dachte : Probieren geht über Studieren . Er hatte selbst seinen ehrsamen Beisitzern nichts vom ganzen Umfang des Plans erzählt ; denn es waren zwar wohlwollende , brave Männer , aber ängstliche , schüchterne Leute . Darum sagte er nie mehr , als immer stückweis etwas , das eben ausgeführt werden sollte . Erst wurden die Armen und Bettler mit ihren Kindern aufgezeichnet und in Häusler und Spittler eingetheilt . Nun das ging . Dann wurde für jede Familie ein Vogt ernannt , und ihm vom Herrn Pfarrer erklärt , was er zu thun habe . Das kam endlich auch zu Stande . Dann schaffte man Hobel , Aexte , Sägen , auch Spinn-und Spulräder , Wollenkarden und ein paar Webstühle aus dem Armengut an . Das war keine Hexerei ; eben so wenig der Ankauf von Wolle , das Hanf- und Flachssäen , das Einführen der Spinnerei und die Einrichtung der Spitalküche . So ward allmälig Eins ums Andere ins Werk gesetzt ; man fand jedes Einzelne nicht zu schwer ; so kam das Ganze zu Stande , und die hohe Regierung genehmigte den Plan mit großermunterndem Lobe . Man hat hintennach erfahren , daß selbst in der Regierung einige Herren den Plan für unausführbar gehalten und bespöttelt hatten , da derselbe schon , ohne daß sie es wußten , ins Werk gesetzt war . Die meisten Sprünge machten anfangs die Spittler ; sie wollten nicht in den engen Zellen schlafen . Man sagte ihnen aber : Arbeitet fleißig , so könnet ihr euch Wohnungen miethen oder Häuser bauen . Sie wollten aber nicht arbeiten , da kamen sie tagelang ins finstere Loch bei kalter , schmaler Kost . Das gefiel ihnen noch weniger . Einige versuchten , ihr Loos durch Gehorsam zu verbessern , und ergaben sich in ihr Schicksal , zumal in den Wintertagen , wo es auf der Landstraße auch nicht angenehm zu reisen und zu schlafen war . Als sie einmal bessere Kost und bessere Behandlung genossen und die Arbeit gelernt hatten , und als sie schon in der Ersparnißkasse einige Gulden Eigenthum für ihre alten Tage oder für ihre Kinder besaßen , blieben sie gern da . Denn sie wollten das kleine an Zins gelegte Vermögen nicht im Stich lassen , und wurden begierig , es zu vermehren . - Andere aber liefen davon und in die weite Welt hinaus , um müßig zu gehen und zu betteln . Nun , dann war ' s ihr eigener Schade ; die Gemeinde hatte nur den Nutzen , sie nicht mehr erhalten zu müssen . Einige