. Er konnte sich nicht leugnen , daß er Ottilien hier zu sehen wünsche , daß er wünsche , sie hieher zu führen , zu locken , und was er sich sonst noch Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken nicht verwehrte . Dann schwankte seine Einbildungskraft in allen Möglichkeiten herum . Sollte er sie hier nicht besitzen , nicht rechtmäßig besitzen können , so wollte er ihr den Besitz des Gutes zueignen . Hier sollte sie still für sich , unabhängig leben ; sie sollte glücklich sein und , wenn ihn eine selbstquälerische Einbildungskraft noch weiter führte , vielleicht mit einem andern glücklich sein . So verflossen ihm seine Tage in einem ewigen Schwanken zwischen Hoffnung und Schmerz , zwischen Tränen und Heiterkeit , zwischen Vorsätzen , Vorbereitungen und Verzweiflung . Der Anblick Mittlers überraschte ihn nicht . Er hatte dessen Ankunft längst erwartet , und so war er ihm auch halb willkommen . Glaubte er ihn von Charlotten gesendet , so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen und Verzögerungen und sodann auf entscheidendere Vorschläge bereitet ; hoffte er nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen , so war ihm Mittler so lieb als ein himmlischer Bote . Verdrießlich daher und verstimmt war Eduard , als er vernahm , Mittler komme nicht von dorther , sondern aus eignem Antriebe . Sein Herz verschloß sich , und das Gespräch wollte sich anfangs nicht einleiten . Doch wußte Mittler nur zu gut , daß ein liebevoll beschäftigtes Gemüt das dringende Bedürfnis hat , sich zu äußern , das , was in ihm vorgeht , vor einem Freunde auszuschütten , und ließ sich daher gefallen , nach einigem Hin- und Widerreden diesmal aus seiner Rolle herauszugehen und statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen . Als er hiernach auf eine freundliche Weise Eduarden wegen seines einsamen Lebens tadelte , erwiderte dieser : » O , ich wüßte nicht , wie ich meine Zeit angenehmer zubringen sollte ! Immer bin ich mit ihr beschäftigt , immer in ihrer Nähe . Ich habe den unschätzbaren Vorteil , mir denken zu können , wo sich Ottilie befindet , wo sie geht , wo sie steht , wo sie ausruht . Ich sehe sie vor mir tun und handeln wie gewöhnlich , schaffen und vornehmen , freilich immer das , was mir am meisten schmeichelt . Dabei bleibt es aber nicht ; denn wie kann ich fern von ihr glücklich sein ! Nun arbeitet meine Phantasie durch , was Ottilie tun sollte , sich mir zu nähern . Ich schreibe süße , zutrauliche Briefe in ihrem Namen an mich , ich antworte ihr und verwahre die Blätter zusammen . Ich habe versprochen , keinen Schritt gegen sie zu tun , und das will ich halten . Aber was bindet sie , daß sie sich nicht zu mir wendet ? Hat etwa Charlotte die Grausamkeit gehabt , Versprechen und Schwur von ihr zu fordern , daß sie mir nicht schreiben , keine Nachricht von sich geben wolle ? Es ist natürlich , es ist wahrscheinlich , und doch finde ich es unerhört , unerträglich . Wenn sie mich liebt , wie ich glaube , wie ich weiß , warum entschließt sie sich nicht , warum wagt sie es nicht , zu fliehen und sich in meine Arme zu werfen ? Sie sollte das , denke ich manchmal , sie könnte das . Wenn sich etwas auf dem Vorsaale regt , sehe ich gegen die Türe . Sie soll hereintreten ! denk ich , hoff ich . Ach ! und da das Mögliche unmöglich ist , bilde ich mir ein , das Unmögliche müsse möglich werden . Nachts , wenn ich aufwache , die Lampe einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft , da sollte ihre Gestalt , ihr Geist , eine Ahnung von ihr vorüberschweben , herantreten , mich ergreifen , nur einen Augenblick , daß ich eine Art von Versicherung hätte , sie denke mein , sie sei mein . Eine einzige Freude bleibt mir noch . Da ich ihr nahe war , träumte ich nie von ihr ; jetzt aber , in der Ferne , sind wir im Traume zusammen , und sonderbar genug : seit ich andre liebenswürdige Personen hier in der Nachbarschaft kennengelernt , jetzt erst erscheint mir ihr Bild im Traum , als wenn sie mir sagen wollte : Siehe nur hin und her ! du findest doch nichts Schöneres und Lieberes als mich . Und so mischt sich ihr Bild in jeden meiner Träume . Alles , was mir mit ihr begegnet , schiebt sich durch- und übereinander . Bald unterschreiben wir einen Kontrakt ; da ist ihre Hand und die meinige , ihr Name und der meinige ; beide löschen einander aus , beide verschlingen sich . Auch nicht ohne Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie . Manchmal tut sie etwas , das die reine Idee beleidigt , die ich von ihr habe , dann fühl ich erst , wie sehr ich sie liebe , indem ich über alle Beschreibung geängstet bin . Manchmal neckt sie mich ganz gegen ihre Art und quält mich ; aber sogleich verändert sich ihr Bild , ihr schönes , rundes , himmlisches Gesichtchen verlängert sich : es ist eine andre . Aber ich bin doch gequält , unbefriedigt und zerrüttet . Lächeln Sie nicht , lieber Mittler , oder lächeln Sie auch ! O ich schäme mich nicht dieser Anhänglichkeit , dieser , wenn Sie wollen , törigen , rasenden Neigung . Nein , ich habe noch nie geliebt ; jetzt erfahre ich erst , was das heißt . Bisher war alles in meinem Leben nur Vorspiel , nur Hinhalten , nur Zeitvertreib , nur Zeitverderb , bis ich sie kennenlernte , bis ich sie liebte und ganz und eigentlich liebte . Man hat mir nicht gerade ins Gesicht , aber doch wohl im Rücken den Vorwurf gemacht : ich pfusche , ich stümpere nur in den meisten Dingen . Es mag sein