als ich zu sagen im Stande bin - denn es gilt hier nicht Geld , oder Geldeswerth , sondern Grundsätze und Gefühle , deren Unterdrückung mein innerstes Leben angreift - habe ich einen Sclaven auf unserm Landgute , gewonnen , der sich endlich erboten hat , dir diesen Brief zu bringen . Allmächtige Götter ! Zu welchen Erniedrigungen zwingt mich die verächtliche Gesinnung Anderer , und die Nothwehr , die ja auch dem schwächsten Wurm gegen seinen Peiniger erlaubt ist ! Bestechung , Verlockung von der dem Gebieter geschworenen Treue muß ich mir zu Schulden kommen lassen . Ich , die ich jeden Winkelzug , jede Unredlichkeit , als meiner Natur widernd , hasse , ich muß die Betrüger überlisten , weil ich sonst - o Götter , Götter ! welche Lage ! - weil ich sonst verzweifeln müßte . Sterben ? Kleinigkeit ! Tag und Nacht sind die Pforten des Todes geöffnet , und wer zu sterben weiß , braucht nicht zu dienen . - Aber sterben wollen , und keines Augenblicks , keiner Bewegung Herr seyn , sich auf jedem Schritt beobachtet , bei jedem Laut behorcht fühlen , zu wissen , daß alle Schränke und Kisten durchsucht , und alle Mittel zur Flucht nicht allein aus diesem Aufenthalte , sondern auch aus dem Leben genommen sind ; das zu wissen , und mit der Wuth der Ohnmacht seine Ketten zu schütteln , ohne sie zerreißen zu können : das ist die schrecklichste Lage , in der ein Sterblicher sich befinden kann ! Man hat in Rom erkundschaftet , daß ich durch dich Briefe aus Asien bekam , daß jene unselige Verbindung durch die vorigen Maßregeln noch nicht abgebrochen war , und man schritt nun zum Aeußersten . Man schleppte mich in diese Einsamkeit , man hält mich wie eine Verbrecherin , und man macht sich ein Geschäft daraus , mir das Leben zu verbittern . Ja , was der Mensch dem Menschen thun kann , ist das Höchste und Niedrigste . Die größte Erdenseligkeit und die schrecklichste Verzweiflung häuft er auf seines Gleichen . Ja , die höchste Erdenseligkeit und die tiefste Verzweiflung ! Vom Schicksal verfolgt , gemißhandelt , flüchtet das zerrissene Herz an den Busen der Liebe , und dort , in ihren weichen Armen , von ihren Thränen benetzt , von ihrem Hauche neu belebt , weiß es nichts mehr von den Tücken des Schicksals , und ist selig in dem Gedanken , treu und wahrhaft geliebt zu seyn . Nein , der Sterbliche ist nicht zu beklagen , der ein geliebtes Herz ganz besitzt , und in dem seligen Bewußtseyn ruht , was auch sein Loos sey , wie weit Zeit und Raum ihn von diesem Herzen scheiden , es fühlt für ihn , es schlägt nur für ihn , es achtet kein Opfer , keine Gefahr , um den Geliebten glücklich zu machen . Laß dann die ganze Natur , laß die Götter sich wider ihn verschwören , er achtet ihrer Wuth nicht , er liebt - und wird geliebt . O , ich Rasende ! daß ich damals klagte , da nichts als eine Verkettung von Umständen ein geliebtes Wesen schuldlos aus meinen Armen riß ! Damals wähnte ich unglücklich zu seyn , und was hin ich jetzt ? Sie war Frevel , diese unzeitige , unmäßige Klage ; Kleinigkeit , Spiel waren die Leiden , die ich damals fühlte , gegen die Martern , die mich jetzt verzehren . Damals war ich geliebt , damals schlug ein Herz treu und ausschließend für mich . O ihr Götter ! Nehmt , nehmt mir Alles , was noch an meinem Loose wünschenswerth seyn mag , und gebt mir jene Schmerzen wieder ! Gebt mir sie wieder , die Zeit , wo ich euch durch voreilige Bitten bestürmte , ich fordere euch heraus , mich unglücklich zu machen , so lange ich geliebt bin . Aber ich bin nicht geliebt , ich bin nicht geliebt ! O mit brennendem Schmerz reißt dieser Gedanke an meinem Herzen : ich bin nicht geliebt ! Was in diesen Worten liegt , drückt keine Sprache aus , nur die Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fühlt die Qualen , die sie enthalten . Zwei Tage trug sich dies Herz mit täuschenden Hoffnungen , jene Nachrichten könnten Verleumdung seyn , eine wohlausgesonnene List meiner Peiniger . Die bitterste Erfahrung , ganz unzweifelhafte Beweise haben mir gezeigt , daß Alles , was man mir sagte , Wahrheit , und mein Unglück entschieden sey . Ein gewisser Marcius Alpinus aus Nikomedien , eines von jenen kaltvernünftigen Wesen , die nichts tiefer verachten und bespötteln als Gefühl , hat an einen seiner Freunde geschrieben , und von diesem erhielt mein Bruder Septimius den Brief . Asiatische Hetären , zwar verheirathete Matronen und vom ersten Range , nichts desto weniger aber an Gesinnung und Betragen den Verworfensten ihres Geschlechtes gleich , theilen sich in ein Herz , das ich einst in einem dunkeln verworrenen Traume mein zu nennen wähnte . Treue , Schwur , Ehre , Ruhm und Thron verschwinden aus den verblendeten Augen , die nur mit wollüstiger Trunkenheit an schönen Formen hangen ; und gleichgültig opfert man das Glück eines längst vergessenen Herzens am Altare einer frechen Schönheit . O wer gibt mir Dumpfheit , Wahnsinn , Vernichtung ! Ich will ja nicht leben , ich will ja ein zweckloses Daseyn nicht länger hinschleppen . Liebst du mich , Calpurnia ! hast du in der großen Welt nicht auch jede bessere Empfindung verlernt , so besorge mir nur einen einzigen wohlthätigen Tropfen , nur Einen , der genug ist , mein Leben auszulöschen ! 27. Agathokles an Calpurnien . Nisibis , im Oct . 301 . Dein Brief , meine edle Freundin ! hat mir ein wahrhaft großes und ein dreifaches Vergnügen gemacht . Er hat mich wieder in die schöne Zeit zurückgezaubert , wo ich in Rom in deines Vaters Hause mit dir und den Deinigen so angenehme Tage