mehr Recht und Macht über mich einzuräumen , als ich ihm entweder freiwillig zu überlassen geneigt , oder jedem andern zuzugestehen schuldig bin . Ich kam als ein schon ziemlich gebildeter und keineswegs unwissender Jüngling nach Athen , und machte mir die Erlaubniß , welche Sokrates allen gutartigen und lehrbegierigen jungen Leuten gibt , ihn zu besuchen und um ihn zu seyn , so viel zu Nutze , als mir zu der Absicht , weiser und klüger in seinem Umgange zu werden , nöthig schien ; ohne darum andern nützlichen und angenehmen Verhältnissen auszuweichen , in welche ein junger Fremdling meiner Art in einer Stadt wie Athen zu kommen so viele Gelegenheit findet . Nach einem zweijährigen ununterbrochnen Aufenthalt in dieser ehmaligen Hauptstadt der gesitteten Welt , lockt mich das Bedürfniß einer kleinen Veränderung nach Aegina . Zufälligerweise treffe ich da eine junge Frau an , mit welcher ich schon vor zwei Jahren zu Korinth bekannt geworden war ; eine Frau , deren geringster Vorzug ist , daß Griechenland nie eine schönere gesehen hat . Sie ist die nächste Nachbarin des Landhauses , wo ich wohne . Sie versammelt öfters auserlesene Gesellschaft in dem ihrigen , und sie selbst ist die unterhaltendste Gesellschaft , die sich ein Mann , und wenn er Sokrates selbst wäre , nur immer wünschen könnte . Wir finden Geschmack an einander , wir sehen uns öfters , wir werden Freunde . Wohlgebrauchte Zeit fliegt schnell dahin . Eurybates , von dringenden Geschäften gerufen , geht nach Athen zurück ; Aristipp , der keine dringenden Geschäfte hat , bleibt zu Aegina . Was ist in diesem allen Anstößiges ? oder Aristipps , Aritades Sohns von Cyrene und Gesellschafters des weisen Sokrates , Unwürdiges ? - » Aber diese schöne Dame , die so viel Geschmack an dir gefunden hat , und für deren Freund du dich erklärst , ist eine Hetäre . « Nun ja , wie Korinne , wie Sappho , wie Aspasia von Milet , bevor Perikles sie zu seiner Gemahlin machte , eine Hetäre war ; eine Gesellschafterin ( das ist doch die Bedeutung des Wortes ? ) , mit welcher euer Solon selbst , der Erfinder des Namens , den Rest seines Lebens mit Freuden ausgelebt hätte . Was kümmern mich eure Namen ? Für mich ist sie das , wozu Natur und Ausbildung , und die verschwenderische Gunst aller Musen und Grazien sie gemacht haben . Ihresgleichen wird selbst in dem schönen Lande , wo sie das Licht zuerst erblickte , nur alle tausend Jahre geboren . Und ich , dessen einziges Geschäft ist , die Menschen und sich selbst in allen Verhältnissen , die er zu ihnen und sie zu ihm haben können , zu studiren , ich sollte eine solche Gelegenheit nicht benutzen ? Entschuldiget mich , lieben Freunde , wenn ich dießmal viel mehr meinem Genius folge , als euerm Urtheil oder Vorurtheil ! Es wird vermuthlich nicht das letztemal seyn . - Vor der Gefahr , daß mich diese Circe unauflöslich an sich fesseln , oder gar in - einen Gefährten des Ulysses verwandeln werde , seyd ohne Sorgen . In drei Tagen geht die schöne Lais nach Korinth zurück , und Aristipp tritt seine Reise nach den Cykladen an . 18. Antwort des Antisthenes . Nach Empfang deines Briefes , mein junger Freund , glaubte ich nicht besser thun zu können , als wenn ich ihn dem Sokrates selbst zu lesen gäbe , für welchen er doch eigentlich geschrieben zu seyn schien . Nachdem er ihn , bei einigen Stellen lächelnd , bei andern den Kopf ein wenig wiegend , überlesen hatte , sagte er , indem er mir den Brief zurückgab : unser Freund Aristipp ist erstarkt , und kennt den Weg , den er gehen will , so gut , daß er weder eines Führers noch Wegweisers bedarf . Wenn Cyrene keine Ansprüche an ihn macht , wie sie wohl schwerlich machen wird , so sehe ich nicht , warum er nicht eben so wohl als ein Weltbürger sollte leben können , wie irgend ein Vogel in der Luft , der sich auf welchen Baum er will setzt , und sich übrigens nur vor Leimruthen und Schlingen in Acht zu nehmen hat . Mit uns Athenern ist es ein anderes . Wir andern sind zu Bürgern von Athen geboren , und hangen nur als Athenische Bürger mit der übrigen Welt zusammen . Oder was meinst du , Kritobul , ( fuhr er fort , sich auf einmal an diesen wendend ) , hältst du es für so leicht , dich von der Pflicht gegen Athen loszusagen ? Das kann und darf ich nicht , antwortete Kritobul , so lange ich in Athen lebe und Gutes von Athen empfange und erwarte . Sokrates . Solltest du nicht Pflichten gegen Athen haben , die dir gar nicht erlauben , ohne den Willen der Athener anderswo zu leben ? Kritobul ( stutzte und antwortete nach einigem Zögern ) : Wenn ich Vermögen genug hätte zu leben wo es mir am besten gefiele , und es gefiele mir an einem andern Orte besser , warum sollte ich an Athen gebunden seyn ? Sokrates . Von wem hast du dein Vermögen ? Kritobul . Das meiste ist von meinen Voreltern erworben ; einen Theil hab ' ich vielleicht mir selbst zu danken . Sokrates . Wie kommt es , daß die mißgünstigen und ungerechten Menschen , deren es so viele in der Welt gibt , Diebe , Straßenräuber oder andere Feinde , so gutherzig waren , deinen Voreltern und dir Zeit und Mittel zum Erwerben zu lassen , und , wenn ihr etwas erworben hattet , es euch nicht wegzunehmen ? Kritobul . Davor schützten uns die Gesetze und die bewaffnete Macht von Athen . Sokrates . Diesen hättet ihr also die Möglichkeit des Erwerbs und die Erhaltung eures Vermögens zu danken ? Kritobul . So scheint es . Sokrates . Nun möcht ' ich wohl wissen , was