man wieder so weit gekommen sein werde , die Oberhand zu haben und die Dinge auf den guten , alten Standpunkt zurückführen zu können . Vom Hofe aus werde dieses Verhalten ganz und gar gebilligt ; man könne sich von dort her jeder Förderung getrösten , und wenn der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher Landwirth gewesen und vielleicht , ohne streng zu rechnen , ein wenig stark ins Zeug gegangen sei , nun , so sei Renatus nicht der erste Sohn , der solche kleine väterliche Unterlassungssünden ausgleichen müsse . Der und Jener - man nannte die Namen angesehener Grundbesitzer - habe sich in ganz gleicher Lage befunden und sich mit einem tüchtigen Inspector oder Amtmann wieder ganz und gar herausgearbeitet . Es komme also hauptsächlich darauf an , ob Renatus sich auf seinen Amtmann verlassen könne , und das werde er ja wissen . Die jüngeren Edelleute faßten die Sachlage noch anders auf . Sie hatten davon gehört , daß Angebote auf Neudorf und auf Rothenfeld geschehen wären , daß eine fabrikmäßige Ausbeutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht genommen sei ; indeß sie hegten , wie sie sagten , zu Renatus das feste Vertrauen , daß er nicht verkaufen werde . Sie läugneten nicht , daß die Güter nicht im besten Stande wären , aber das gäbe doch noch keinen Grund , sie loszuschlagen . Wenn Andere sie kaufen wollten , so sei das nur ein Zeichen , daß sie sich große Vortheile davon versprächen , und es sei thöricht , ihnen aus hastiger Muthlosigkeit in den Schooß zu werfen , was man mit einiger Geduld selbst ernten könne . Diejenigen , welche während des Krieges oder gleich nach demselben ihre Güter verkauft hätten , bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen die Ihrigen , und es werde sicherlich Keinem anders damit ergehen . Wenn man zugebe , daß die Krämer und die Juden sich hier im Lande auf den Gütern einnisten dürften , so werde dem Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben , als das flache Land ganz und gar aufzugeben und in die Städte zu ziehen ; denn Umgang , Gesellschaft wolle der Mensch doch haben , und mit solchem Volke könne man doch nicht leben , könne man doch seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen . In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen solchen Ansichten und Gesprächen dasjenige haften , was seinen persönlichen Wünschen am meisten diente , und es lag nicht im Vortheile seines Amtmannes , ihn anderen Sinnes werden zu lassen . Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen Möglichkeiten den neuen Contract mit dem Amtmanne der Art gemacht , daß der Freiherr nach seiner Heimkehr darüber entscheiden konnte , ob der Contract , wie bisher , immer auf drei neue Jahre oder , wie es eben jetzt geschehen war , nur auf ein Jahr verlängert werden solle , und der junge Gutsherr hatte seine Entschließung endlich bis zum letzten Tage hinausgeschoben , auf welchen man die Zulässigkeit einer solchen für ihn festgesetzt hatte . Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht auf seinen Gütern angelangt ; indeß eben weil ihm eine gründliche Kenntniß der Wirthschaft abging , war er leicht dahin gekommen , sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen von den Dingen sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge , auf seinen natürlichen Blick , auf seinen gesunden Verstand , mit Einem Worte , auf alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen , in deren Besitz die Unkenntniß sich beruhigt fühlt und die sich immer als unzulänglich erweisen , wo ein umsichtiges Wissen und ein folgerechtes , auf genaue Einsicht und Erfahrung begründetes Handeln vonnöthen sind . Trotzdem konnte Renatus in der Nacht , welche dem entscheidenden Morgen voranging , keine Ruhe finden . Alles , was er erlebt hatte , seit er den deutschen Boden wieder betreten , alles , was er innerlich erfahren hatte , seit er wieder in seinem Schlosse weilte , zog in seinem Geiste an ihm vorüber , und wie er sich nun von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand , mit sich ins Klare zu kommen , sah er deutlich ein , daß die Maßregel , welche er jetzt unabweislich treffen mußte , ihn zu einer Erklärung gegen Hildegard nöthigen , ihn zwingen würde , auch mit ihr zu einem Abschlusse zu gelangen , und sie erleichterte ihm dieses nicht . Wenn er die drei Güter , dieses alte Erbe seines Hauses , zusammen zu erhalten suchte , wenn er in Richten blieb , und die Wirthschaft mit Hülfe eines den Ansprüchen der neuen Zeit gewachsenen Inspektors , der freilich erst noch gefunden werden mußte und bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte , selbst zu führen übernahm , so fehlte ihm jeder Grund , seine Verheirathung hinauszuschieben . Hildegard war seine Verlobte , der Adel der Umgegend erwartete mit Recht täglich die öffentliche Erklärung seiner Verlobung , die Gräfin sprach beständig von der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares , nur Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht , und der Verkehr der beiden war allmählich ein ganz besonderer geworden . Hildegard hatte sich nicht vortheilhaft entwickelt , indeß der Grund ihres Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen , und wo sie fehlte und irrte , geschah es in der Regel durch Uebertreibung eines an sich Guten und Lobenswerthen . Sie besaß in hohem Grade jenes Schamgefühl , das der verschmähten Liebe eigen ist , und jene Selbstachtung , die sich im Unglücke zu bescheiden weiß . Seit dem Tage aber , an welchem sie es sich zum ersten Male deutlich gemacht hatte , daß die Zeit ihrer Jugend vorüber sei , daß Renatus sie nicht liebe , daß er daran denken könne , sie zu verlassen , war eine jener Wandlungen mit ihr vorgegangen , die sich in religiösen Frauennaturen oft mit einer unerwarteten Plötzlichkeit vollziehen . Sie hatte es aufgegeben , ihr Schicksal selbst bestimmen und gestalten zu wollen , und