für die Schönheit , für die Gesundheit hegt , hatte sich auf Renatus und auf Cäcilie gewendet , in welchen sie dieselben verkörpert fanden , und die Leichtlebigkeit , welcher der junge Gutsherr sich halb mit Bewußtsein , halb aus Bequemlichkeit überließ , wo er es sich nicht schuldig zu sein glaubte , seine Würde besonders aufrecht zu erhalten , machte ihn vollends in den Dörfern und unter seinen Leuten beliebt . Wohin er kam , überall begegneten ihm freundliche Gesichter . Die Kinder blieben stehen und grüßten , die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen Anruf an ihm vorüber , und sahen ihn mit Cäcilien und dem Bruder niemals kommen , ohne in die Thüren zu treten und ihm lange nachzublicken . Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese Anhänglichkeit dem jungen Freiherrn mehr ins Herz . Er hatte bis dahin nur den Grund und Boden geliebt , auf dem er geboren war und der ihm gehörte ; jetzt begann er die Menschen zu lieben , unter denen er geboren war und die sich als zu ihm gehörend betrachteten . Er fand ein Vergnügen darin , ihre rauhen und doch so freundlichen Gesichter zu sehen , es war ihm eine Genugthuung , wenn er einen Bedrängten so weit als möglich erleichtert von sich entlassen konnte , und mit einem stolzen Selbstgefühle genoß er das Vertrauen , welches man ihm entgegenbrachte , noch ehe er es hatte verdienen können , als eines der schönsten Erbtheile , die er von seinen Vätern überkommen hatte . Er fand es ganz begreiflich , daß Paul Tremann und daß selbst sein Onkel mit so leichtem Sinne von dem Kaufe oder von dem Verkaufe eines Gutes sprechen mochten . Sie hatten beide kein Gut ererbt , das seit Jahrhunderten von dem Vater auf den Sohn , von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war ; sie wußten nicht , was es heißt , auf eigenem Grund und Boden leben , unter seinen Leuten heimisch sein . Die Bäume , die konnte man niederschlagen und entwurzeln lassen , wenn die Noth es heischte , wie sein Vater es gethan hatte . Sich selbst zu entwurzeln , sich loszureißen von seiner eigentlichen Heimath , das war noch etwas Anderes , und ehe Renatus sich dazu entschloß , mußte seine Lage schlimmer sein , als er sie jetzt vor Augen hatte , mußte er die Ueberzeugung gewonnen haben , daß ihm gar kein anderer Ausweg bleibe . Noch aber hegte er diese Ueberzeugung nicht , und er versprach sich , nichts zu übereilen , sondern sich zu genauem Kennenlernen und Prüfen , zu reiflicher Ueberlegung die Zeit zu gönnen . Viertes Capitel Darüber kam der Frühling siegreich in das Land . An allen Ecken und Enden begann das Treiben und das Blühen . Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im Schmucke der guten Jahreszeit gesehen . Die keimenden Saaten , die knospenden Bäume , die grünenden Büsche freuten ihn ganz anders , als je zuvor , jetzt , wo er sie mit dem Auge des Besitzers ansah . Wind und Wetter , Regen und Sonnenschein bekamen eine Bedeutung für ihn , und die Arbeiten wie die Hoffnungen des geringsten Mannes wurden ihm wichtig , weil sie mit seinen eigenen Nothwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen . Es gefiel ihm immer mehr , Grundbesitzer und Hausherr zu sein , er fand auch Behagen an dem Verkehr mit dem Adel der Gegend , mit welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war ; und da der Mensch so glücklich oder so unglücklich geartet ist , daß die Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt , was ihm Anfangs unertragbar erschienen ist , so war es nicht zu verwundern , wenn Renatus , dessen Natur ohnehin allem Gewaltsamen abhold war , in Bezug auf Hildegard die Dinge gehen ließ , wie sie eben gingen , und von der Zeit eine Entscheidung erwartete , die er zu treffen sich nicht entschließen mochte . Kam ihm dann doch bisweilen der Gedanke , daß diese Handlungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht redlich , daß es nicht männlich sei , so beschwichtigte er sich mit der Vorstellung , daß es bisweilen edler sei , den Schein der Schwäche und der Unredlichkeit über sich zu nehmen , als sich selbst mit einer Grausamkeit gegen einen Andern , und obenein gegen ein Weib , eine Genugthuung und einen Abschluß zu bereiten , und Hildegard irrte also in der Voraussetzung keineswegs , daß Renatus von ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte , weil er selber den Muth zu einer solchen nicht in sich fand . Mit der bestimmten Absicht , sich über die Gutsverwaltung zu unterrichten und aufzuklären , nahm er bei seinem Verkehr mit den benachbarten adeligen Gutsbesitzern jede Gelegenheit wahr , von der Landwirthschaft wie von den Aussichten für die Zukunft der Provinz zu sprechen , und alles , was er dabei hörte und erfuhr , stand mit den Ansichten und Maßnahmen , welche Tremann ihm als die einzige zweckmäßige Handlungsweise vorgezeichnet hatte , sehr im Widerspruche . Das hatte indessen seine guten Gründe . Es ist ein beschwerlicher Beruf , einem Manne unangenehme Wahrheiten zu sagen , und vollends Jemanden zu entmuthigen , der für sein Wünschen und Hoffen Zuspruch von uns erwartet , ist eine unerfreuliche Sache . Die älteren Edelleute , die Lebensgenossen und Freunde seines Vaters , bei denen der junge Freiherr sich wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rath zu holen suchte , gaben ihm zu verstehen , daß die Zeiten für den grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert und nicht zum Vortheil verändert wären , seit jeder im Schacher reich gewordene Bürger Besitzer der alten adeligen Güter werden könne . Grade darum aber sei es Pflicht , wenn irgend möglich , den adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern . Ehe man die Güter an Schlächter und Brauer , an Branntweinbrenner und Fabrikanten übergehen lasse , müsse man diese Gewerbe lieber auf den Gütern selbst betreiben und mit neuem Erwerbe die alten Familien aufrecht zu erhalten suchen , bis