daß sie alles lesen konnte , was man ihr im Hochschlaf aus ihr Nervengeflecht legte ... Ob auch uneröffnete Briefe ? ... Versucht war es nicht ... Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit . Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart ' s überredende Geberde ab . Sie sagte schmerzerfüllt , doch entschieden : Gute Nacht , Armgart ! ... Misbrauche mein Unglück nicht ! ... Ich verbiete es dir ! ... Es muß ein Ende damit werden ... Gott wird mich erlösen ... Sei gut , Armgart ! ... Sei gut ! ... Und nun , gute Nacht ! Damit verschwand sie hinter dem Vorhang , den sie wieder fallen ließ , und schloß die Thür zu ihrem Schlafgemach ab ... Wieder tönte das Horn des Wächters ... Armgart ging zögernd auf ein Zimmer weiter zurück ... Sie hörte noch , daß sich Paula sogar einriegelte ... Dann trat sie durch eine Nebenthür auf den kalten Corridor ... Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Thurm ... An dem Zimmer der Tante ging sie vorüber , ohne daß sie es merkte . Ein äußerster Entschluß kämpfte in ihr , ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes Sein ... Krampfhaft preßte sie den Brief , den sie in ihr Busentuch gesteckt hatte ... Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt ... schon zuckte die Hand , es aufzureißen ... Sie dachte an den Beistand der Beichte , der sie leichter über die Folgen eines solchen Vergehens hinwegführen würde ... an Bonaventura ... an Benno ... Da verließ sie allmählich der wilde Muth ... Der Diener stand und harrte ihres Befehls ... Legt das - in Herrn von Terschka ' s - Zimmer ! hauchte sie . Es ist ein Brief für ihn , der - vergessen wurde ... Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka ' s zu . Armgart verschwand in ihrem Zimmer . 6. Drei Männer , in Mäntel gehüllt , schreiten in die Winternacht hinaus ... Nicht mondhell ist sie ; nur sternenlicht ... Und weithin über das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees ... Grabesstill rings die Welt ... Schlummernd alles Erdenloos ... Wer flüsterte sich nicht : Gibt es denn geheimnißvolle Kräfte , die schicksalsmächtig über Raum und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten ? Und wer antwortete nicht : Ihr stilles Hüten glaubt man jetzt zu hören ... Winterlandschaftsstille ist - Friedensmahnruf - Sehnsuchts- - Ahnungsweckruf ... Anfangs noch hallte zwischen Terschka , Benno und Thiebold der erlebte Tag und Abend nach . Man bewunderte die Kraft der Vision , die sich so in die Vorgänge des Leichenconductes hatte versetzen können . Benno mußte Thiebold zurückhalten , der eine natürliche Erklärung , die Terschka gab , nicht wollte gelten lassen . Terschka hatte gesagt : Wer die Gegend und die Verhältnisse kennt , würde sich die Scenen , die heute vorfallen konnten , auch ohne ein Wunder haben ausmalen können ! ... Aber die Unterbrechung ? entgegnete Thiebold ... Benno antwortete statt Terschka ' s : Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen . Aber ich glaube doch , daß wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr die Sinne abstumpfen , wie in leiblichen . Ein bis in sein Alter mit den einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich für jede Veränderung seiner Nahrung . Ebenso gewöhnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Kräfte die Feinfühligkeit des geistigen Spürsinns ab . Bei der Ankunft am Düsternbrook mußte die junge Gräfin etwas Unerwartetes voraussetzen ; sie dachte an die Eiche , sah sie und nahe lag das allen Bekannte . Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit - der Hasen gesprochen , deren Spuren sich an kleinen Eindrücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen ließen ... In Thiebold und Benno dämmerte die Ahnung , daß Terschka es war , um dessentwillen sie von Armgart vernachlässigt wurden ... Ja , beim Weidwerkgespräch wieder sah man Terschka ' s blendende Eigenschaften . Auch Benno und Thiebold verstanden sich darauf , aber nicht so , wie er , der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Lüttich . Von Terschka sah man täglich das Erstaunenerregende . Der schmächtige bleiche , immer bewegliche Fremdling war ein Reiter , der im Sturm dahinflog . Manches Roß , das den Koller hatte , bestieg er und bändigte es wie ein Beschwörer . Noch neulich , wie ein dem Grafen Münnich gehörendes Thier sich unter ihm schmiegte , wie es die mit seiner Linken mächtig geschwungene Reitgerte über den Kopf hinweg fühlte , sich krümmte bis zur Erde und den Kopf fast in den Schnee bohrte , dann wieder aufschnellte , mit beiden Hinterfüßen sich ebenso rasch auf die Kruppe setzte , dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit Scham , sich überwunden zu sehen - da war das ein Schauspiel voll Vernichtung für Benno und Thiebold ; Armgart stand dicht in der Nähe und sagte nur immer : Nein , nein , ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terschka ! ... Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht . Versteckt lag er unter Bäumen und Wallhecken . Eine Mühle , ein Tanzhaus , eine Kegelbahn , ringsum Nebengebäude ; ein großes Anwesen . Den Finkenmüller hatten Schank und Mehlsack reich gemacht inmitten mannichfachen Elends . Auf der Saline , bei den Kalköfen , in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient , ebenso schnell auch glitt es wieder weg und meist im Finkenhof , wo Sonntags die bekannte falschgestimmte Trompete ländlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr zu Tanz und Jubel zu locken nicht müde wurde . Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller , als man erwartete . Schon besorgte man , die gräfliche Jägerei nicht anzutreffen . Man hätte sie aufs Schloß rufen können . Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen ;