erfahren und gelernt , die , weil er ihnen das gestattet hatte , zu ihm gekommen waren , ihm ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen . Sie hatten allerdings geklagt , aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei seinem Dienste , und dann vollends im Kriege , mit dem gemeinen Manne verkehren lernen . Er wußte , daß derselbe immer klage und daß er leicht zu trösten , daß er mit dem geringsten Zugeständnisse für den Augenblick zu beschwichtigen , ja , zufrieden zu stellen und zu geduldigem Warten wie zu muthigem Hoffen leicht zu bewegen sei . Der Amtmann war wirklich ein harter Mann , der Justitiarius konnte nichts bewilligen , der verstorbene Freiherr hatte mit den Leuten , deren schwerfällig langsames Wesen ihn belästigte , deren Kleider , selbst wenn sie in ihrem besten Anzuge vor ihm erschienen , nach ihren schlecht gelüfteten Wohnungen übel rochen , nichts zu thun haben mögen . Er war ihnen , namentlich in den späteren Jahren seines Lebens , als der Bau der katholischen Kirche , die Entlassung des Neudorfer protestantischen Pfarrers , und der Todtschlag der französischen Kammerjungfer böses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten erzeugt hatte , nur noch eine Schreckgestalt gewesen , und sie hatten mit ihm gar nichts gemein gehabt . Erst hatte er , wie sie sich ' s noch jetzt erzählten , die kleine französische Herzogin und den hasenfüßigen Marquis in ' s Land gebracht , vor dem kein Frauenzimmer Ruhe gehabt ; nachher hatte er sich die schwarze Italienerin geholt , mit der auch kein Christenmensch im Lande in seiner Muttersprache reden konnte , und wenn das auch Niemand laut zu sagen wagte , im Stillen waren die Leute sammt und sonders doch der Meinung , daß der alte Freiherr es heimlich mit den Franzosen gehalten habe und nicht dawider gewesen wäre , wenn sie heute hier noch im Lande ihr Wesen getrieben hätten . Er hatte ja im Schlosse auch meistens nur Französisch parlirt mit Frau und Kind . Jetzt mit dem jungen Freiherrn war das , wie die Leute sagten , ganz was Anderes . Man brauchte ihn nur anzusehen : die helle Ehrlichkeit sah ihm aus seinen großen , blauen Augen . Der hatte seine Knochen und sein Leben nicht geschont . Der war mitgegangen wie der gemeine Mann , als es noth gethan hatte . Der hatte sein Blut ehrlich vergossen für Gott , für König und für ' s Vaterland , wie der gemeine Mann . Mit dem Wilhelm , mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem , war er zusammen in Leipzig im Hospital gewesen , und als der Freiherr , dessen Wunde rascher geheilt war , als des Wilhelm ' s Bein , dann aus dem Lazarethe abgegangen war , hatte er dem Wilhelm noch eine Flasche Alten und zwei harte Thaler zurückgelassen , daß er sich pflegen und recht zu Kräften bringen solle , ehe er wieder zum Regimente käme . Und nun hier zu Hause ! Das war ein ganz anderes Wesen . Der junge Herr hatte es im Kriege gelernt , daß ein Mensch des andern Menschen Kamerad und Bruder sei . Keinen , auch den ärmsten Einlieger nicht , behandelte er , wie der Alte es gethan hatte . Er sagte zu Niemandem Er , er nannte Jedweden Du , und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen war , da hatte er den Wilhelm eigens rufen lassen , hatte ihn gefragt : Nun , Kriegskamerad , wie geht ' s Dir ? Und wie er danach weggeritten war , hatte er dem Wilhelm die Hand gegeben und geschüttelt . Jeder Mensch konnte zu ihm kommen , und nicht bloß auf die eine bestimmte Stunde , wie zum Alten , sondern wann er wollte . Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben lassen , die er zum Verschlage hatte haben wollen , und der Backofen war auch in Stand gesetzt , mit dem die Frauen sich alle die Jahre her so hatten quälen müssen . Der Amtmann , der ließ jetzt freilich den Kopf hangen , nun der Herr über ihn gekommen war ; aber das war dem hartherzigen Geizhalse recht gesund ; und wenn es nun wahr wäre , daß sie den Bonaparte fest in Sicherheit gebracht hätten und daß man den Frieden behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte , dann mußte Alles noch ganz anders werden . Dann schaffte der Herr den Amtmann ab , dann fing er selber zu wirthschaften an ; und daß der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein Schloß führen , sondern eine Frau von hier zu Lande nehmen würde , daran war gar kein Zweifel . Man brauchte ja nur zu sehen , wie der junge Herr und die junge Gräfin einander Augen machten ! Die im Schlosse behaupteten zwar , es sei die blasse Gräfin , gegen die man freilich auch nichts sagen konnte , denn gut und barmherzig und mitleidig mit den Kranken war sie auch ; aber so ein schöner , junger Herr wie der Freiherr , der brauchte ja keine Krankenwärterin . Der brauchte ein frisches , junges Weib , und der jüngsten Gräfin lachte das Leben aus den Augen und platzte die Gesundheit fast aus den rothen Backen heraus . Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dörfern , wie der Freiherr und die rothe Gräfin sich mit dem Junker am Sonntage auf der Terrasse lustig mit Schneeballen geworfen hätten , und als sie neulich einmal beim Reiten zu Dreien das Lied gesungen hatten , das der Wilhelm auch immer sang , der es aus dem Felde mitgebracht , da hatte das lustige » Juchheirassassa und die Preußen sind da ! « so durch die Luft geschmettert , daß denen im Walde beim Holzfällen sich das Herz in der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte . Die ganze Vorliebe , welche das Volk , und mit Recht , für die Jugend ,