ihrer Stirn , sie riß das Bändchen mit dem kleinen Kreuze , das ihr am Halse hing , mit heftiger Hand entzwei . Sie wollte sich nicht mehr schmücken . Es freute sie , daß die blauen Adern unter ihrer schlaffer gewordenen Haut , auf ihrer Stirn , in ihren Schläfen stärker als in jungen Tagen sichtbar waren . Es freute sie , daß die Linie , auf der sich Hals und Nacken einen , jetzt in bräunlicher Farbe scharf hervortrat . Renatus sollte es sehen , was sie um ihn gelitten hatte . Er sollte es sehen , daß er sie verblühen machen , daß er , er allein sie um Jugend und um Glück betrogen hatte . Und er mußte ja kein Mensch , er mußte nicht Renatus , nicht ihr Renatus , nicht ihr angebeteter Geliebter sein , wenn ihr Verfall ihn nicht rühren , wenn er nicht zu ihr wiederkehren sollte , ihr Jugend und Schönheit , Hoffnung , Glauben und Glück mit einem einzigen Liebesworte , mit seiner Liebe wiederzugeben . Sie verstummte in bittern Thränen , als sie auf weitem Wege wieder zu dem alten Ausgangspunkte gelangt war . Mitten in dem Weinen erhob sie sich aber , und noch einmal trat sie an ihren Spiegel heran . Sie erschrak vor ihrem eigenen Anblicke . So hatte sie , so zerstört hatte sie noch niemals ausgesehen . Den Schmerz konnte sie der Mutter , den Triumph konnte sie Vittoria nicht bereiten . Sie durfte , sie wollte sich nicht sinken lassen , sich nicht verloren geben . Sollte Vittoria die Genugthuung genießen , sie von dem Schlosse gehen zu sehen ? Sollte sie , sie selbst mit ihren armen , weinenden Augen , den Tag erleben , an welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus dem Schlosse , das derselben zu einer lieben Heimath geworden war , auf ' s Neue hinausziehen und sich in der kalten , fremden Welt eine neue Stätte bereiten solle ? - Das konnte , das durfte nicht geschehen . Um ihrer Mutter willen mußte sie ausharren und bleiben , mußte sie ihr eigenes Empfinden , ihr eigenes Bedürfen opfern . Und wenn es dann trotzdem geschah , wenn Renatus es vergessen konnte , was er ihr schuldig war , nun , so sollte sein die Schuld , sein ganz allein auch das Verbrechen sein , das er damit an ihrer armen Mutter , an der edelsten der Frauen , zu begehen sich nicht scheute . Daß sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer auf die Entfernung ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet hatte , so lange diese Plane noch auf ein ausschließliches Liebesglück begründet gewesen waren , daran freilich erinnerte Hildegard sich in dieser Stunde nicht . Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen Ritte eine Sorge um die Gedanken und um die Zweifel , mit welchen Cäciliens daheimgebliebene Schwester sich eben beschäftigte und quälte . Es war ein strahlend schöner Tag . Die drei Reiter hatten ihr Entzücken an demselben . Die frische Luft , die sonnebeleuchtete Ebene , die sich nach der einen Seite weit wie der Horizont , und nur von ihm begrenzt , vor ihnen öffnete , hatten für die Phantasie etwas Verlockendes , und sie ritten schnell und schneller , wie man das immer thut , wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist . In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte Renatus noch mit erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige Allee vor dem Schlosse vermißt , deren Verschwinden ihn einst so ergriffen hatte , als er in den russischen Krieg gegangen war . Jetzt war er schon völlig daran gewöhnt , das Schloß ohne seine Baumeszierde vor sich zu sehen , und selbst den Verfall an den Häusern und an den andern Baulichkeiten fand er doch nicht so arg , als er es nach Tremann ' s Darstellungen befürchtet hatte . Seine Feldzüge hatten ihn mit dem Anblicke so entsetzlicher Zerstörungen vertraut werden lassen , daß es ihm keinen bedenklichen Eindruck machte , wenn die Dächer der Scheunen und Ställe , denen einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt hatte , nur nothdürftig mit Stroh gedeckt waren , wo die Ziegel schadhaft geworden waren . Er hatte so viele Häuser ohne Thüre und ohne Fenster stehen sehen , daß eine eingesunkene Schwelle und schief hängende Thürflügel , daß Verschläge von Brettern statt der Fenster , besonders , wo es sich um die Wohnung von Leuten handelte , die im Grunde doch zufrieden waren , wenn sie unter Dach und Fach nur warm beisammen saßen , ihm nicht als ein Unglück erschienen . Und wie man in einer elenden Baracke bei rauchendem Feuer und auf hartem Boden , selbst wenn man an Nahrungsmitteln keinen Ueberfluß hatte , doch gesund und arbeitsfähig und selbst guten Muthes bleiben könne , das hatte er in seinen Feldzügen an sich selbst mehr als einmal erfahren . Heute nun vollends , wo die Sonne so herrlich schien und der frische Wind im Walde die Aeste der alten Bäume so lustig knarren machte , heute , wo die Lerche sang , als wisse sie , daß es mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der Furche sich in Kurzem wieder die grünen , weichen Halme schützend wölben würden , heute , wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem letzten Reste des Schnee ' s umherging , als wolle sie mit dem Schnabel ermessen , wie hoch er denn noch liege und wie lange die Sonne wohl noch zu thun habe , bis sie mit ihm fertig werden und die schöne Jahreszeit beginnen könne , heute erschien auch dem Freiherrn seine Lage bereits wieder in ganz anderem Lichte , als an dem Morgen , an welchem er in sein Schloß zurückgekehrt war . Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen , hatte überall selbst nachgehört , und mehr noch als bei diesen Ausflügen hatte er von den Leuten