vorüber ... milderes Wetter stellte sich ein und endlich schlug es neun , wo man auf dem Lande schon an die Nachtruhe denkt ... Der Onkel erhob sich zuerst und erklärte wiederholt , noch arbeiten zu müssen ... Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den Exercitien , die Pfarrer Müllenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren sollte ... Der Onkel erwiderte : Aber der rauhe Mann eignet sich doch gar nicht zu dergleichen ! Die indischen Fakirs sind keine Braminen ! Im Ganges gibt es mancherlei Bäder ! Ich hoffe , daß er nichts unternimmt ohne den Domherrn , seinen Vorgesetzten ... Die Tante , mit dem unendlichsten Bedürfniß nach Einverständniß , stimmte vollkommen diesen Aeußerungen bei . Auch sie fand Müllenhoff ' s Weise so übertrieben , so aufreizend , daß es für die Religion selbst Gefahr brächte ... Und der Onkel fiel ein : Wie ich immer gesagt habe ... Wie Sie immer gesagt haben ... bestätigte die Tante ... Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen ... Den kann man ihnen nicht nehmen ... Man macht dem Mann alles nach Wunsch ... Und doch ist ihm nichts recht ... Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb ' ich ihm auf keinen Fall ... Wie werden Sie denn ! ... Seine Manieren sind unglaublich ! Mitten in der heiligen Messe putzt er an den Leuchtern und schüttelt den Kopf über den alten Tübbicke ... Den guten alten Tübbicke ... Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe , die der Onkel , die Tante und Paula bildeten , mit hinüber ... Die Schulkinder , fuhr der Onkel fort , läßt er eine Stunde lang knieen , um ihnen seine sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben ! Zu Lichtmeß will er Unterricht geben im richtigen Tempo des Rosenkranzgebetes ! Diese Harmonie braucht der Himmel nicht , wenn ' s nur in unsern Herzen keine Dissonanzen gibt ! Wer jetzt ein Blumenstöckchen in eine Kapelle stiftet , von dem will er vorher die Anzeige haben , ob er auch keine Alfanzereien bringt ! Und ich denke , wenn ein liebend Gemüth einen Tannenzweig brächte oder ein thönernes Lämmchen ... Es ist das gewiß auch eine kindliche Gabe ! Ei , es hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen Mythus , der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten war zu manchem heiligen spätern Gebrauch ! Die Tante gähnte nun zwar , sagte aber : O Sie sollten ihm das alles einmal auseinandersetzen , lieber Hülleshoven ! Der Onkel küßte jetzt Armgart ... Das süßeste Einverständniß schien hergestellt ... Nur Eines fehlte noch , daß auch die Tante mit Armgart sich ausdrücklich aussöhnte ... Aber dieser feierliche Moment blieb nach der Entfernung des Onkels aus ... Paula ging ... Die Diener waren schon zugegen ... Armgart sprang sofort hinter Paula her und schloß sich ihr an ... Die Tante blieb allein ... Sie blieb es einige Minuten ... Niemand kam zu ihr zurück ... Thränen traten der alten Jungfrau in die Augen und mit einem Gefühl des Vorwurfs , das ihr über diese und ähnliche Dinge sagte : Deine Strafe das für die alte Zeit ! ging sie auf ihr Zimmer . Armgart ! sagte inzwischen Paula , als sich diese ihr anschloß und ihre schlanke Hüfte krampfhaft umfaßte . Du solltest bei der Tante bleiben ! Wenn ich in meinen Thurm gehe , poch ' ich noch einmal bei ihr an und sag ' ihr gute Nacht ! flüsterte Armgart ... Sie ließ den Diener , der leuchtete , vorangehen ... Armgart durfte nicht mehr in Paula ' s unmittelbarer Nähe schlafen wie sonst . Seit ihrer Rückkehr von Lindenwerth hatte beide die Tante getrennt ... Aber Abends noch eine Weile mit Paula , wenn diese sich wohl fühlte , zu plaudern , ließ sie sich , so oft sie in Westerhof verweilte , nicht nehmen ... Die Vorhänge des Schlafzimmers Paula ' s waren schon zurückgelehnt ... Im Vorgemach , wo ein kleiner Ofen stand , der geheizt wurde , half Armgart die geliebte Freundin entkleiden ... Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen Dinge , die » einer andern Welt angehörten « ... Dann brachte sie Armgart zur Ruhe , rief einem Kammermädchen , das in der Nähe schlief , und trennte sich nicht eher von beiden , als bis Paula in völligen Schlummer versunken war ... Heute leuchteten Paula ' s Augen hell auf ... Eine stille Sehnsucht lag in ihnen ... eine Sehnsucht , die Armgart vollkommen verstand ... Stürmisch warf sich Armgart der Freundin , die zu ihr herniederblickte , an die Brust und rief mit erstickter Stimme : Ach ! Ach ! Was sind wir doch unglücklich ! Meine gute Armgart ! erwiderte , dies Wort ablehnend , die ältere Freundin . Warum unglücklich ? ... Paula ' s Leben war ja ein einziges Schmerz- , oder ein einziges Wohlgefühl , sie wußte es selbst nicht zu unterscheiden ... Sie liebte einen Priester ; sie hatte auch das sichere Gefühl , wieder geliebt zu sein ... Geständnisse hatte es früher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben ... Vor Armgart aber war alles das nicht mehr geheim ... Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hätte zu sagen : Du liebst den Domherrn ! stand es doch schon lange ohne Worte zwischen ihnen fest ... Selbst das stand fest , daß sogar Paula ' s etwaiger Eintritt in ein Kloster eine Art höherer Vermählung mit Bonaventura sein konnte ... So flossen noch die reinen Gedanken , die Jungfrauenseelen mit der Liebe verbinden , gleichviel , ob zu Besitz oder zu Entsagung , bei beiden mit ihrem religiösen Pflichtgefühl ineinander ... Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmlosen Träumens heraus ... Lag das an der Flucht aus der Pension in Lindenwerth ? ... Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedürftigen jungen und alten Mädchen im Stift ? ...