wieder scherzend hatte er sie Schritt für Schritt von dem Boden zurückgewiesen , auf dem sie sich in bester Absicht heimisch gemacht hatte . Was sie ihm leisten , ihm sein konnte und wollte , das begehrte er von ihr nicht ; was er in ihr zu finden wünschte , den fröhlichen , ihn stets belustigenden Sinn ihrer um mehr als sechs Jahre jüngeren Schwester , den besaß sie nicht . Sie war nicht jung genug dazu , sie war überhaupt nicht mehr jung . Das war es , was ihr heute so weh im Herzen that , was ihr das erste Frühlingsahnen in der Luft so schmerzlich machte , und ihr die Thränen in die Augen preßte . Der Frühling war jetzt nahe am Wiederkehren , aber ihre Jugend war dahin und kehrte niemals wieder - niemals wieder ! Heute , bei dem ersten hellen Sonnenscheine , hatte sie es gesehen , hatte ihr Spiegel es ihr unwiderleglich dargethan , sie war verblüht ! Die Fältchen in den Augenwinkeln , die Furchen auf der Stirn , die Züge , welche sich von ihrem Munde nach dem Kinn hinuntersenkten , wie leise , wie wenig sichtbar sie auch waren , sie hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt , und sie zweifelte nicht daran , Renatus hatte sie vor ihr wahrgenommen , denn er liebte sie nicht mehr , und was das Auge der Liebe übersehen hätte , dem Blicke des gleichgültigen Beobachters war es sicher nicht entgangen . Sie hatte das Fenster längst geschlossen , war längst an ihren Nähtisch zurückgekehrt . Was sollte ihr das helle , unverwüstliche Sonnenlicht ? Es vermochte ja nur der Erde , nicht ihr , nicht ihrem Antlitze neue Jugend zu verleihen . Aber war es ihre Schuld , daß sie verblüht war , daß Renatus sich erst jetzt zu seiner vollen Kraft , zu voller Männlichkeit entfaltete , während ihre schönste Zeit vorüber war ? Hatte sie es zu verantworten , daß er sie erwählt , daß er sie an sich gebunden hatte durch alle die langen Jahre ? Durch alle die langen Jahre , in denen ein frisches , wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe sein schönes Loos gewesen war und die sie theils in schwerer Pflichterfüllung , theils , weil er es also angeordnet , hier in der Einsamkeit vertrauert hatte ? Mit keinem Worte hatte er , seit er zu Hause war , daran gedacht , den Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusetzen . Aus mädchenhaftem Zartgefühl , aus Ehrgefühl hatte sie nicht nach demselben fragen , nicht auf dieselbe dringen mögen ; aber auch der Zustand , in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte , beleidigte ihr Zartgefühl , trat ihrem Ehrgefühl zu nahe , und doch wußte sie nicht , wie sie ihn ändern , wie sie sich aus demselben befreien könnte . Es half ihr nicht , daß sie sich schmückte ! Sie konnte den verlorenen Jugendreiz damit nicht ersetzen . Es half ihr nicht , daß sie sich in nicht endender Gefälligkeit um Renatus Mühe gab . Das Zufällige , das Vittoria , das Cäcilie ihm leisteten , war immer mehr nach seinem Sinne und hatte den Vorzug , ihm , weil es unerwartet kam , eine Ueberraschung zu sein . Sie hatte es allmählich aufgegeben , ihn zu suchen , weil sie bemerken mußte , wie wenig es ihn freute , sie zu finden ; und selbst der Muth , ihn zu berathen , hatte sie verlassen , weil er durch ihre Rathschläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft , sie zweifelte nicht daran , gegen seine eigene Ueberzeugung handelte , um ihr darzuthun , daß er nicht gewillt sei , sich der ihrigen anzuschließen oder gar zu fügen . Gestern hatte sie , gekränkt von der Sorglosigkeit , mit welcher er sie mehr und mehr sich selber überließ , es ihrer Mutter zum ersten Male ausgesprochen , daß sie fühle , Renatus wolle sie verlassen ; er wolle mit ihr brechen und wolle , das Maß seiner selbstsüchtigen Grausamkeit zu füllen , sie dazu nöthigen , die Trennung zwischen ihnen zu vollziehen . Die Gräfin hatte dies zu läugnen , die Thatsachen in Abrede zu stellen , ihre Tochter zu beruhigen versucht ; indeß Hildegard war jetzt nicht mehr zu täuschen . Sie litt mehr als sie es sagen konnte . Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe mit Renatus begründet gewesen , ihre ganze Vergangenheit , ihre Zukunft wurden ihr mit Einem Schlage zertrümmert , wenn Renatus sich ihr entzog , und , für sie war es gewiß , er hatte sich ihr bereits entzogen . Es verging kein Tag , an dem sie nicht Ursache hatte , ihm zu zürnen , es war schon mancher Tag gekommen , an dem sie sich gesagt hatte , daß sie ihn von einer unmännlichen Charakterschwäche finde . Wenn sie seiner dachte , und wann dachte sie nicht an ihn ? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen , vor der sie selbst erschrak und die nicht ihm allein galt . Sie zürnte ihrer Mutter , weil diese sich einst ihrer heimlichen Verlobung mit Renatus nicht widersetzt hatte . Sie klagte die Gräfin eines Mangels an Menschen- und an Weltkenntniß an , weil sie nach des alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung der Verlobten , oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten hatte . Denn damals war Hildegard noch jung , noch hübsch , noch voller Lebensmuth gewesen , damals hatte Renatus sie noch geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen Bewerbern nicht gefehlt , damals wäre sie noch fähig gewesen , sich zu trösten , zu vergessen und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben . Aber jetzt ? Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel heran . Sie strich die Locken , die sie seit der Heimkehr ihres Verlobten wieder zu tragen angefangen , weil er sie einst geliebt hatte , mit einer heftigen Bewegung von