. Sicher hätte dies kühne Wort dann die wechselnde Ebbe und Flut im Gemüth der Tante zum Ueberströmen der letztern gebracht , wäre nicht der Onkel gleicher Meinung gewesen und hätte erklärt , wie man nur den jungen Herren ein Vergnügen rauben könnte . Dabei that er , als wenn ja auch nur sein aufopferndes jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schloß Westerhof schuld daran wäre , daß er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Cochinchina unternommen hätte . Paula ' s Schweigen gebot den Aufbruch zu beschleunigen ... Es war ihnen allen schon geschehen , daß die Leidende eben noch theilnehmend ihren Gesprächen lauschte und plötzlich auf eine Anrede im Traum erwiderte ... Als die Männer gegangen waren - Thiebold mit bedeutsamen Seufzern , Benno vergebens auf den Händedruck hoffend , der ihm von Armgart sonst immer so unbefangen geworden , Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene Frage , manche lebhaft erwidernde Antwort - überschüttete die Tante Armgart mit all dem Mismuth , der sich in den gespannten Zuständen ihres Gemüths seither angesammelt hatte . Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna ' s zu . Ein ängstlicher Blick in die Zukunft verdüsterte ihr alles , was sie umgab , und schon lange war es immer nur Armgart , die der Blitzableiter aller ihrer Verstimmungen werden mußte . Nein , je älter , desto unerträglicher wirst du doch , Armgart ! rief sie und das noch in Gegenwart des Onkels . Seit du von Lindenwerth zurück bist , erkennt man dich nicht mehr ! Verkehrt warst du schon immer ; aber so vorwitzig , wie jetzt deine Aeußerungen sind , so keck , wie ich dich z.B. vorhin drüben im Durchstöbern der Postmappe fand , bist du nie gewesen ! Hat es das Fräulein Müller versehen , die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit sich jetzt sogar den Sitten eines vornehmen Judenhauses in Paris fügt , oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf gestiegen oder ich weiß es nicht , was die Schuld trägt ! Die Jagd mitmachen ! Hasen schießen , die einem über den Weg laufen könnten ! Wahrhaftig ! Ich habe gar keine Geduld mehr für dich ! Nun , nun , nun , nun - ! beschwichtigte der Onkel fortlesend ... Und Paula bat schmeichelnd : Tantchen ! Armgart aber stand wie das Lamm Gottes , das die Sünden der Welt trägt . Alles Weh der Erde legte sich um ihren mit lächelnder Duldung geöffneten Mund ... Deine Mutter war aber ebenso ! fuhr die erzürnte Schwester derselben fort . Und dein Vater , der nicht minder ! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder . Von einer Jagd kam auch deren erste Uneinigkeit . Monika wollte auch schießen können und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einigemal fehlschoß , lachte sie und hielt es ihm mit Spott vor . Ein Mann kann vom Weibe viel ertragen , aber ihm unritterlich zu erscheinen , reizt . Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit , wie bei allen diesen Hülleshovens ! Ja , versteck ' dich nur jetzt so hinter Paula ! Geh nur so herum und thu ' , als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene Stecknadel im Zimmer suchtest ! Auch liesest du nichts , du arbeitest nichts , die Vielliebchen werden wol nach einem Jahre fertig sein , Musik hörst du kaum , geschweige daß du sie wieder vornimmst ; ganz wie deine Mutter war , die auch noch jetzt , » hoch in den Dreißigen « , ein reines Kind sein soll ! Auch an dir wird die Familie wenig Freude erleben ... Armgart , statt zu reden , hob die gefaltenen Hände gen Himmel ... Paula besänftigte die Tante , die jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein wollte , um versöhnt zu werden . Armgart blieb still . Keine Schmeichelküsse , keine Liebkosungen , keine Scherze , nichts gab sie wie sonst . Ebenso erblaßt , wie vorhin hocherglühend , ging sie im Zimmer hin und her , machte sich mit ihren glänzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur » factischen Berichtigung « : Die Mutter ist fünfunddreißig Jahre ! Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Güte zurücklassen . Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes Vorlesen eines der erhaltenen Briefe . Dabei hielt er seine linke Hand in die Höhe . Er wollte , daß sie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung benutzte . Armgart sah die freundliche Geberde und stürzte auch auf die Hand zu , küßte sie und drückte sie heftig an ihr Herz . Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer » Liebe « . Dieser Neid äußerte sich in Thränen , die ihr auf die Wange rollten ... Des Onkels fest vorlesende Stimme hinderte noch die Rückkehr zu den sich schon in Güte lösenden Empfindungen ; vorläufig war es Paula , von der die Tante ans Herz gezogen wurde ... Die Gräfin Erdmuthe von Salem-Camphausen dankte ( nach des Onkels in alle diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten , edlen , doch von seinen vielen Erlebnissen tief erschütterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem Bericht ) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste . Sie war glücklich in England angekommen , wohnte auf dem Lande bei Lady Elliot und wünschte ihrerseits nur den friedlichsten Fortgang aller der Dinge , die Gottes Rathschluß über das Schicksal beider Linien verhängt hätte . Erst bei einigen religiösen Anzüglichkeiten und der Erwähnung der Krankheitszustände der jungen Comtesse hörte der Onkel im lauten Vorlesen , das er zur Dämpfung des Streites wörtlich begonnen , auf ... Die Tante benutzte die nun entstehende Pause und knüpfte an London Betrachtungen über Paris und würde sich selbst auf Aethiopien , China und die Chemie eingelassen haben , wenn das Gespräch nur ausdrückte , wie sehr » ihr Herz « bei alledem unter Armgart ' s Trotz und verhärteter Gesinnung litt ... Der Sturm der Gemüther war indessen