diesen edlen Gefühlen auch die Bitterkeit gegen die Kreise , in denen sie sich bisher bewegt , mitgeholfen hatte , den Entschluß zu fassen . Daneben hatte auch Eduard und Marianne , ja selbst der Kommerzienrath mitgewirkt , nicht zu übersehen der Kommerzienräthin vertrauteste Freundin , die Tutelarräthin Wasser , welche in allen ihren Kreisen verbreitet hatte , mit dem Hause Erichsen gehe es stark abwärts , denn sie wisse aus bester Quelle , Arthur werde eine Tänzerin heirathen , - Arthur , auf den sich so manche Tochter der verschiedenen Rangklassen Hoffnung gemacht , Arthur , für den die Tutelarräthin selbst eines ihrer Wässerchen bestimmt ! Die Pause , die wir hier in unserer Erzählung gemacht , fand auch in Wirklichkeit in der , obgleich ohnedies vorher schon spärlichen Unterhaltung der Anwesenden in der Staiger ' schen Wohnung statt . Daß ein Augenblick der Erklärung heranrücke , fühlten Vater und Tochter wohl . Es war eine Pause der peinlichsten Ungewißheit , es sollte jetzt ein Moment kommen , entscheidend für das Glück oder Unglück zweier Leben . Die Kommerzienräthin hatte die Stickerei wieder zusammengerollt , und selbst die Nadeln wieder sorgsam eingesteckt , dann sagte sie mit ruhiger Stimme : » Beendigen Sie Ihre Arbeit so bald als möglich - Clara , « - bei diesem Worte blickte sie in die Höhe - » und wenn Sie dieselbe beendigt haben , so bringen Sie sie mir . « Das waren an sich unbedeutende Worte , welche die Dame gesprochen , doch war es Clara gerade , als habe sich der Himmel geöffnet und als habe ein Engel ihr tausend Worte des Trostes und der Hoffnung zugerufen . Sie preßte ihre Hände auf das wildschlagende Herz , sie blickte innig und dankend in die Höhe , als wolle sie dort etwas Sichtbares erspähen , die mächtige Hand , welche Segen auf sie herabgestreut . - Ach ! und doch waren diese Worte nur ein vorübergehender Sonnenblick , und gleich darauf verhüllten wieder schwarze , drohende Wolken ihren schönen heiteren Himmel . Sie gedachte jener Stunde am Sarge der unglücklichen Marie , sie hörte seine vernichtenden Worte - es war ja Alles für sie verloren ! Und im Uebermaß des tiefen Schmerzes drückte sie ihre Hände vor die Augen und weinte laut hinaus . Freude und Schmerz hatten gleich heftig ihre Seele erfaßt , und da nun der Letztere die Oberhand behielt , so fühlte sie sich um so tiefer von der Höhe herabgestürzt , auf welche sie die tröstlichen Worte der Mutter Arthurs erhoben . Da fühlte sie mit einem Male , daß zwei Hände die ihrigen erfaßten und sanft von ihrem Gesichte wegzuziehen versuchten , und als sie das fühlte , zitterte sie heftig , denn aus diesen Händen strömte eine Wärme auf die ihrigen über , eine Wärme , die sich ihrem Gesichte mittheilte und dieses plötzlich tief erglühen ließ . Fest und innig hatte Jemand ihre Finger erfaßt und zog sie ihr langsam vom Gesichte herab . Aber es durchschauerte sie so dabei , daß sie unwillkürlich die Augen schließen mußte , doch nur auf einen Moment , eine Sekunde , denn darauf vernahm sie eine bekannte Stimme , die ihr leise und schmeichelnd sagte : » Meine gute , gute Clara - mein innig geliebtes Mädchen ! « Es war ganz sonderbar , als sie nun die Augen öffnete , daß sie Niemand vor sich sah , ja , sie mußte die Blicke herabsenken , um Jemanden wahrzunehmen , der zu ihren Füßen lag , der abwechselnd ihre Hände küßte , dann wieder flehend zu ihr aufblickte und dazwischen sprach : » O meine gute , gute Clara , verzeihe mir - verzeihe mir , mein unschuldiges Mädchen ; ich habe Alles erfahren . « Wie sich Arthur in das Zimmer geschlichen , war Allen unbegreiflich ; aber es unterlag keinem Zweifel , daß er da war , und daß er voller Freuden da war , glücklich und selig . Jetzt sprang er hastig in die Höhe , ohne Clara ' s Hand loszulassen , vielmehr zog er sie hastig zu seiner Mutter hin , die in Ermanglung eines Tisches sanft auf die zusammengewickelte Stickerei trommelte . » Das ist meine Clara ! « rief er jubilirend , » nicht wahr , eine liebe und schöne Clara , und nicht wahr , Mama , Sie haben nichts mehr gegen uns Beide ? « Hierauf hustete die Kommerzienräthin laut und geräuschvoll , aber sie that es in diesem Augenblicke nur , um ihre heftige und unschickliche Rührung zu verbergen . Herr Staiger genirte sich weniger , denn obgleich sein Mund lächelte , floßen ihm doch die Thränen über die Wangen herab , so daß die kleine Marie ganz bestürzt darüber war und alle Anwesenden der Reihe nach erstaunt ansah . Das Bübchen allein schien von der Wiederkunft Arthurs nur die praktische Seite zu bedenken ; es schaute äußerst vergnügt auf seinen Freund und sah im Geiste eine Menge ungeheurer Bilderbücher , sowie Drachen mit den allerlängsten Schwänzen . Wir , die wir dies niederschreiben , und der geneigte Leser , der es liest , befinden uns in dem Falle , als ständen wir gerade vor der geöffneten Thüre der Staiger ' schen Wohnung und als sähen wir , selbst unbemerkt , all ' diese Glückseligkeit , all ' diese leuchtenden Augen , all ' diese Thränen der Freude . Wenn uns auch Niemand übel nehmen wird , daß wir mitfühlend einen Augenblick stehen blieben , die schöne Gruppe betrachtend , Mancher hoffend auf ein ähnliches Glück , so halten wir es doch für passend , gleich darauf still vorüberzugehen , nachdem wir leise die Thüre vor jedem ferneren neugierigen Blicke verschlossen , und somit auch dieses Kapitel beendigt haben . Vierundachtzigstes Kapitel . Whist mit dem todten Mann . Vor dem Hause , welches der Baron Brand in dieser Eigenschaft bewohnte , hielt ein schwerer Reisewagen vollständig bepackt und bespannt ; die Laternen waren angezündet , die