, streng kirchlich blieben , spekulirte Rafflard anders . Er dachte , die reifere Natur eines höher gestellten Adeligen wirft doch wol mit der Zeit diese künstliche Hülle eines orthodoxen Mechanismus ab , und weit besser ist es für deine Zukunft , du wirst der Vertraute , als der Richter deines Zöglings ! ... Er buhlte auf die widerlichste Art um meine Freundschaft , hob mich weit über meinen Bildungsgrad empor , verspottete im vertrauten Umgange Das , was er öffentlich vor den andern Mitschülern gelehrt , gutgeheißen , empfohlen hatte . Anfangs glaubt ' ich armer befangener , an Gewissensskrupeln leidender Knabe , diese Methode des Professors Rafflard , meines Specialerziehers , sollte mich nur prüfen . Ich lächelte über ihn , ich schauderte , ich erschrak . Aber immer sicherer machte er mich und trug mir völlige Freundschaft an , ein Mann von damals wol fast vierzig Jahren einem Knaben von funfzehn oder sechszehn ! Als diese Schändlichkeiten den höchsten Grad erreicht und fast mein sittliches Gefühl untergraben hatten , wurden sie entdeckt . Man fand einen Band des Casanova in meinem Bett und ich gestand , daß ihn Rafflard mir geliehen . Er wurde sogleich aus der Anstalt entfernt und mußte Genf meiden . Von Annecy schrieb er mir einen zärtlichen Brief , worin er mir Vorwürfe machte , daß ich die Pflichten der Freundschaft verletzt hätte . Dieser Brief machte mir großen Kummer , doch wagte ich nicht , ihn zu beantworten . Später schien Rafflard verschollen . Ich hörte , daß er nach Turin gegangen war . Manche behaupteten schon da , er wäre katholisch geworden . Ich verließ Genf , studirte in Bonn , Göttingen und führte ein sehr verkehrtes Leben , bis es mich nach dem schönen Genfersee zurückzog . Ein Vierteljahr mocht ' ich in Genf gelebt haben , als nach einer wol vierjährigen Abwesenheit Rafflard wieder auftauchte . Er behauptete , mit reichen Engländern in Italien als Hauslehrer gereist zu sein , wollte Rom , Neapel und sogar den Berg Athos in Griechenland gesehen haben . Andere behaupteten aber , er hätte in dem Jesuitenstifte zu Turin alle Weihen empfangen und sich einer langen Vorbereitung auf eine künftige Wirksamkeit unterworfen . Sogleich suchte er mich auf und weinte über das Vorangegangene ... Es ist die katzenartigste Natur , die ich je in meinem Leben gekannt habe . Denkt Euch , wie gefährlich ein solcher Mensch ist , wenn er wirklich jenem Bunde dient , woran kaum ein Zweifel ! Er spricht vollkommen drei Sprachen , kann überall wirken , in Deutschland , Frankreich und in Italien . Er kennt alle Länder nach ihren Sitten und geographischen Bedingungen . Die Gründe , warum er aus Monnard ' s Anstalt entfernt war , kannte man nicht . Es lag zu sehr im Interesse eines solchen in allen Ländern bekannten Pensionats , daß über die inneren Vorgänge das größte Geheimniß obwaltete . So konnte Rafflard wagen , in Genf wieder aufzutreten . Der alte Monnard , ein schwacher , pedantischer Mann , war gestorben . Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger , besuchte alle Kirchen und mischte sich in alle religiöse und politische Streitigkeiten des kleinen Freistaates . Doch erregte er überall Mistrauen und stand so wenig sicher , daß er gleich nach einem Streite , in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy verwickelt wurde , sich nicht mehr länger zu behaupten wagte . Ich hatte nämlich vor seiner Tartüfferie den größten Abscheu und lehnte alle seine Vertraulichkeiten ab . Als an jener Tafel das Gespräch auf den alten Monnard kam und er die Frechheit hatte , die reine reformirte Gesinnung des Verstorbenen in Zweifel zu ziehen , brach ich mit der Äußerung hervor : Es ist freilich sehr wenig rechtgläubig von dem alten Monnard gewesen , daß er einen Lehrer aus der Anstalt entfernte , der seinen Zöglingen den Casanova zu lesen gab ! Ich hatte viel von dem guten Côte d ' or des Syndikus getrunken , das rothe Traubenblut war mir in den Kopf gestiegen und so entfuhr mir die Äußerung , die plötzlich auf die ganze zweideutige Erscheinung des Professors Rafflard ein erläuterndes Licht warf . Rafflard schoß mir einen Blick wie ein Basilisk zu und verschwand bald . Ich ging , überdrüssig meiner leeren , nichtssagenden und mannichfach gehemmten Existenz , nach Lyon , kam von da nach Paris und habe Rafflard dann im Hause der Gräfin d ' Azimont , seiner früheren Schülerin , wiedergetroffen . Er wurde aber auch von dort entfernt , weil er sich in die Familienangelegenheiten mischte . Nur die alte Gräfin d ' Azimont , eine hochfahrende und den Jesuiten ganz ergebene Dame , behielt ihn für sich und intriguirt mit ihm gemeinschaftlich nach allen nur möglichen Richtungen hin . Wenn er hier ist , sollte es mich gar nicht wundern , daß er den Auftrag hat , mich und die Gräfin d ' Azimont zu beobachten , zu trennen , zu entzweien , sie nach Paris zurückzuführen , mich zu umspioniren , mir in meinen Freunden wehzuthun , mir zu schaden wo er kann . Wenn er vorgibt , die Gefängnisse zu studiren , so ist Das eine Maske für andere Pläne . In Paris hält man ihn für einen Jesuiten und ich kann wohl begreifen , daß dem Orden die Verwickelungen und Wirren im Herzen Europas auf unserer deutschen Erde keineswegs gleichgültig sind ! Als Egon geendet hatte , fuhr der Wagen gerade über den Einschnitt einer Eisenbahn und bog zur Seite ab , einer Gegend zu , die immer anmuthiger und gefälliger wurde . Es war ein Thal , das sich dem in der Ferne blitzenden Strome zu abwärts senkte und an seinen äußersten Grenzen , über den Strom hinaus , wieder von der blauen Erhöhung eines Bergrandes geschlossen wurde . Links und rechts weideten Heerden auf den gemähten Stoppelfeldern und dem noch üppigen , lachenden Grün der Wiesen , die in ein schimmerndes Birkengehölz sich