einst nur für einander leben würden . Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende Kraft , aber sie hatte die Unart , immer wieder auf denselben Gegenstand zurückzukommen , den Freiherrn an jedem Tage auf die Nothwendigkeit einer Entschließung hinzuweisen und dadurch ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern . Er gestand es sich ein , daß sie in gewissem Sinne Recht habe , daß sie ein tüchtiger , ein ehrenwerther Charakter sei ; er ließ sich sogar den Vorwurf von ihr gefallen , daß es ihm an Willensstärke fehle ; indeß die Achtung , welche er ihr nicht versagen durfte , fachte die Liebe in ihm nicht wieder an . Sein Bedauern über die Unklugheit , ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu haben , was er ihr weder verbergen konnte , noch verbergen wollte , verminderte sich dadurch nicht , und der Unfriede und die grillenhafte Lebensweise , welche in seinem Schlosse herrschten , traten ihm trotz alledem als der Uebelstand hervor , dem zunächst eine Schranke gezogen werden müsse . Daß er diese Zustände , wie sie sich während seiner Entfernung herausgebildet hatten , daß er namentlich die Doppelwirthschaft nicht fortbestehen lassen könne , erklärte der junge Schloßherr den Frauen gleich am ersten Tage . Er ließ die Wohnung seiner Eltern öffnen , richtete sich in seines Vaters Zimmern ein , ordnete an , daß man um bestimmte Stunden und gemeinsam speisen solle , und wie diese Einrichtungen ihn des Alleinseins mit Hildegard zum Theil enthoben , so zeigten sämmtliche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem Male seinen Wünschen und Anweisungen fügsamer , als er es erwartet hatte . Vittoria verließ ihr Gemach und stieg zur festgesetzten Zeit die Treppe bereitwillig hinauf , um der Gräfin und Hildegard die Rechte der Hausfrau in dem Versammlungszimmer und im Speisesaale nicht zu überlassen . Diese hinwieder hielten es für geboten , der Liebe und Zärtlichkeit entgegenzuarbeiten , welche Renatus immer noch für seine Stiefmutter hegte , und da die Einen wie die Andern das Bestreben hatten , den Heimgekehrten festzuhalten , an sich zu fesseln und für sich einzunehmen , mäßigte ein Jeder sich in der Aeußerung und Darstellung des Unrechtes , das er erlitten zu haben glaubte , hielt Jeder sich mit den Ansprüchen und Anklagen , die er erheben zu müssen für nöthig ansah , vorläufig noch in gewissen Schranken zurück . Das gab dem Freiherrn Hoffnung und gewährte ihm eine Genugthuung ; denn er besaß noch jenen guten Glauben des Unerfahrenen , welcher alles , was sich um ihn her gestaltet und vollzieht , als sein Werk , als die Folge seiner Anordnungen und Maßnahmen anzusehen liebt , ohne zu bemerken , welchen Antheil die Plane und Berechnungen der Andern daran haben , und ohne es gewahr zu werden , daß er oft nur ein Werkzeug ist , wo er sich als den Herrn und Meister fühlt . Er zweifelte nicht daran , daß er seinen Willen durchgesetzt habe , als Vittoria plötzlich ihren Flügel und ihre Noten wieder in das Empfangszimmer hinaufbringen ließ ; er ging mit Behagen in den Sälen umher , wenn die Frauen sich Abends um ihn versammelten , wenn Vittoria und Cäcilie und Hildegard bei ihren musikalischen Leistungen einen förmlichen Wetteifer verriethen , wenn die Frauen alle sich in freundlicher Zuvorkommenheit gegen ihn und gegen einander plötzlich überboten und keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien , als das , sich ihm angenehm zu machen und ihn so weit als möglich zufrieden und glücklich zu sehen . Die Gräfin , deren Liebling ihre älteste Tochter stets gewesen war und welche jetzt noch mehr als früher wünschen mußte , das nicht mehr junge Mädchen durch die noch immer ansehnliche Heirath mit dem Freiherrn zu versorgen , that , so viel an ihr lag , einen Jeden zur Fügsamkeit in die Anordnungen des Hausherrn anzuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung , zu gewinnendem Beharren , zu förderlicher Hülfsleistung zu ermuthigen . Es hätte jedoch bei einem Charakter wie dem von Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft , ja , sie waren im Grunde für sie vom Uebel , denn das Geflissentliche , welches sich in dem Wesen der jungen Gräfin ohnehin mehr , als es dem Freiherrn lieb war , überall verrieth , ward dadurch noch verstärkt . Es langweilte Renatus bald , beständig auf diese immer gleiche , ernste Ergebenheit zu stoßen , und wenn er nach seinen Unterredungen mit seiner Braut , wie Vittoria es nannte , aus dem Norden zu ihr in den Süden hinunterkam , fand er sich von seiner Stiefmutter angenehmer und heiterer unterhalten und in seinen eigenen Anschauungen über Hildegard bestärkt . Vittoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefährlichen Sanftmuth und vor der herrschsüchtigen Pflichttreue seiner Braut gewarnt . Jetzt klagte sie dieselbe unumwunden der Arglist und einer niedrigen Gesinnung an . Sie nannte es unschicklich und anmaßend , daß Hildegard , ohne dazu von ihrem Verlobten ermächtigt worden zu sein , mit seinen Beamten verkehrt und von ihnen Auskunft und Rechenschaft über seine Vermögensumstände gefordert habe . Sie bezeichnete es als einen entschiedenen Verrath , daß sie dem Grafen Berka einen Einblick in Verhältnisse eröffnet , den sie selbst sich nur durch ihre Zudringlichkeit erworben habe . Sie beschwerte sich über den herzlosen Hochmuth , den Hildegard beweise , wenn sie ihr , der Wittwe des verstorbenen Freiherrn , der Mutter ihres Verlobten , gleichsam den Thaler nachrechne , dessen sie für ihre kleinen Bedürfnisse benöthigt sei ; und als Renatus , dessen offenem und großmüthigem Herzen jede Kleinlichkeit fremd und eben deßhalb auch in Anderen zuwider war , sich eines unwilligen Wortes bei dieser letzten Mittheilung nicht erwehren konnte , rief Vittoria , den Boden ihres Angriffes plötzlich wechselnd : Blick ' diesem Mädchen doch nur einmal unbefangen in das verblühte , jeder Anmuth , jedes Liebreizes so beraubte Antlitz ! Kannst Du an Liebesworte von den schmalen , blassen Lippen glauben , auf denen