Ihr Herz ist gut , auch theilnehmend , und sie hat dieses allzuernste und gemessene Wesen nur so angenommen ; gewiß , sie kann auch freundlich sein und sogar lachen . « Wie oft hatte das junge Mädchen von dieser Dame geträumt ! Und dann war sie ihr immer als böser Engel erschienen , hatte die magere Hand zwischen sie und Arthur gestreckt , hatte mit dem Kopfe geschüttelt , und darauf war Alles , Alles aus gewesen . Wenn alsdann Clara in diesen Träumen auch flehend ihre Hände nach Arthur ausstreckte , und , verzweiflungsvoll seinen Namen rufend , vorwärts strebte , ihn wieder zu erreichen , so war es doch , als treibe eine gewaltige Luftströmung die beiden Liebenden aus einander , immer weiter und weiter , bis sein Bild undeutlich wurde , ein Schatten , und dann ganz erblaßte , obgleich das Bild der alten Dame gleich lebendig , gleich starr , drohend und ernst in der Mitte stehen blieb . - Ah ! und ihr Blick war dann gerade so wie jetzt , als sie nun in Wirklichkeit in ' s Zimmer trat . Herr Staiger war ihr entgegen gegangen , hatte der für ihn Unbekannten eine respektvolle Verbeugung gemacht , und war , als diese mit einem einfachen Kopfnicken erwidert wurde , händereibend und etwas verlegen an die Seite getreten , eine Anrede erwartend . Die Dame blickte aber eben so unverwandt auf Clara , auf das Bübchen und auf Marie , die sich ebenfalls an die ältere Schwester geschmiegt , als erstere sie unaufhörlich ansah . Mochte sie nun den entsetzten Blick der Tänzerin bemerken , und ihr die weit aufgerissenen Augen der kleinen Kinder etwas komisch vorkommen , genug , sie wandte sich mit einem etwas freundlicheren Gesichtsausdruck zu Herrn Staiger , indem sie ihm sagte : » Ich habe mir erlaubt , Sie in einer gewissen Angelegenheit zu besuchen , wenn Sie nämlich ein paar Augenblicke für mich übrig haben . « Der alte Mann verbeugte sich abermals , rieb sich wiederholt und noch verlegener die Hände , denn ihm kam die Idee , als setze die Dame voraus , sie müsse nothwendig von ihm gekannt sein , was denn aber durchaus nicht der Fall war . Dabei murmelte er etwas von großer Ehre , vielem Vergnügen , und als die Dame hierauf langsam in das Zimmer hinein dem Tische zuschritt , leerte er rasch einen Stuhl , indem er Bücher und Papiere mit dem Arm auf den Boden niederstrich . In demselben Verhältniß , in dem sich die Dame dem Tische näherte , ließ Clara das Bübchen auf den Boden gleiten und erhob sich langsam von ihrem Stuhle . Dabei sah sie sehr bleich aus und ihre Hand , die sie auf dem Tische aufgestützt hatte , zitterte heftig , auch holte sie mühsam Athem , und als sie nun der Näherkommenden eine tiefe Verbeugung machte , schoß ihr das Blut in ' s Gesicht , und eine plötzliche Röthe überflog ihre vor einer Sekunde noch so blassen Züge . Die Dame ließ sich ruhig auf dem angebotenen Stuhle nieder , und als Herr Staiger , der ehrerbietig neben ihr stehen geblieben war , sich nun ein Herz faßte und sie unverkennbar fragend ansah , sagte sie : » Sie scheinen mich nicht zu kennen ; ich bin die Frau des Kommerzienraths Erichsen . « Sobald der alte Herr diesen Namen gehört , trat er unwillkürlich einen Schritt zurück , blickte die Dame mit einem wahren Erschrecken an und brachte mühsam die Worte hervor : » Oh ! - das ist zu viel Ehre ! « Die Kommerzienräthin schien übrigens gar keine Antwort zu erwarten und auch seine Worte nicht zu hören , denn sie sah unverwandt auf Clara , welche vor diesem ernsten Blick zuerst ihre Augen niederschlug , sie aber dann im Gefühl ihres redlichen und unschuldsvollen Herzens langsam wieder erhob und die Räthin ehrfurchtsvoll , aber fest anschaute . » Das ist Ihre Familie ? « sprach diese nach einer Pause , während welcher sie alle Anwesenden der Reihe nach betrachtete . » Das ist meine Familie , ja wohl , Frau Kommerzienräthin , « entgegnete Herr Staiger , der nicht im Stande war , sich so rasch von seinem Erstaunen zu erholen , und der häufig nach Clara hinüber blickte , um vielleicht auf dem Gesichte derselben lesen zu können , was das wohl zu bedeuten habe . » Es ist meine Familie , « wiederholte er . » Das ist meine Tochter Clara , das die kleine Marie , und das ist Karl . « » Und dort die Kleine ? « fragte die Räthin . » Ist eine arme Waise , « versetzte Herr Staiger , » ein verlassenes Kind , das auch hier so bei uns ist . « » Für dessen Unterhaltung Sie sorgen ? « fragte Madame Erichsen . » O ja , « sagte lächelnd der alte Mann . » Aber es ist nicht der Rede werth ; das kleine Ding macht uns weder Kosten noch Mühe . « » Und Ihre Frau ? « forschte die Räthin weiter . » Ist schon vor einigen Jahren gestorben ; es war das hart für mich , doch ließ mir der liebe Gott da meine Clara heranwachsen , und sie vertrat Mutterstelle bei den kleinen Geschwistern - ja wohl ! « » Sie sind aber nicht viel zu Hause , Mademoiselle ? « wandte sich Madame Erichsen an die Tänzerin . » Wie ich mir sagen ließ , haben Sie den ganzen Vormittag Ihre Geschäfte außerhalb demselben , und Abends ist auch Ihre Zeit meistens beschränkt . « Clara zuckte unmerklich zusammen , als die Räthin nun zum ersten Male ihre Worte direkt an sie richtete ; doch waren diese Worte ziemlich weich , ja freundlich gesprochen , weßhalb sie es auch vermochte , nach einem tiefen Athemzuge zu antworten . » Unsere Verhältnisse sind klein , « sagte sie , » und