fühlend . Draußen vorm Thore , wo man , und zwar nicht zu rasch , unter einer Allee von vollen , schwertragenden hier und da gestützten Äpfelbäumen hinfuhr , kam durch eine zufällige Wendung das Gespräch wieder auf den Thomas a Kempis zurück . Bei der Nennung dieses Namens wurde der schüchterne und Wahrheit liebende Siegbert blutroth ... Dankmar spielte mit seinem leichten Stöckchen und kniff es zuweilen oben am Knaufe zwischen seine blendenden Zähne . Er konnte ganz meisterhaft die Miene der Gleichgültigkeit annehmen ... Louis dachte schon gar nicht mehr an die Art , wie das berühmte Buch von der Nachfolge Christi in Egon ' s Hände gekommen war . Seine Gedanken waren mit der » Brüderschaft vom gemeinsamen Leben « beschäftigt . Egon hatte in der Allee zwischen den würzig duftenden Äpfelbäumen gesagt : Vor einigen Stunden las ich in dem Testamente meiner Mutter - du weißt , lieber Wildungen , daß ich die Mausgeburt des kreisenden Berges , den Thomas a Kempis , meine - und fühle nun recht , daß Das eine Lectüre für Menschen ist , die nur zu Fuß wanderten , selten über ihren Klostergarten hinaus kamen und alle ihre Anschauungen durch die vier Wände ihrer Zelle und den an ihnen aufgehängten Heiland regelten . Wäre ein solcher Bußprediger rasch im Wagen gefahren , hätte er eine Ahnung von der windschnellen Bewegung einer Eisenbahn gehabt , dies trübsinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedingungen des Lebens würde ihm nie möglich gewesen sein . Dankmar erinnerte den Prinzen an Das , was er ihm im Plessener Thurm über die Bigotterie der reformirten Erziehung in der französischen Schweiz gesagt hatte . Da wären doch die Gouvernanten , Bonnen , Erzieher , Geistlichen immer unterwegs und durch ganz Europa zerstreut und überall trügen sie doch die eigentümliche Auffassung ihres Le Bon Dieu , wie sie ihn nennen , mit sich herum ... Weil dies Heuchler sind , lieber Dankmar ! sagte Egon . Ein Thomas a Kempis war ehrlich und liebte die Welt nur in dem düstern Nebelkleide , das er über das Schöne , Frische , Lachende zog . Diese Erzieher aber , die mit wenigen Ausnahmen von ihrer Einseitigkeit ein Geschäft machen , verschließen absichtlich ihr Auge jedem Dinge , das Farbe hat , und jedem Dinge , das angenehm tönt , absichtlich ihr Ohr . O welche Heuchler ! Ich erinnere nur an jenen Rafflard , von dem ich dir so oft sprach , Louis ... Rafflard , wiederholten die beiden Brüder . Doch nicht Sylvester Rafflard ? setzte Dankmar hinzu . Sylvester Rafflard ! Ganz recht ! sagte Egon . Der ist hier , fiel Dankmar ein . Hier ? Wieder in Deutschland ? Und in welcher Eigenschaft ? fragte Egon . Er bereist die Gefängnisse , sagte Dankmar und verstand den Wink nicht , den ihm Siegbert zuwarf ... Siegbert war nämlich durch Rudhard davon unterrichtet , daß Rafflard in manche Verwickelung mit Egon ' s früheren und späteren Begegnissen gerathen war . Louis kannte ihn durch Egon als einen Jesuiten und hatte Siegbert schon erzählt , daß er ihn auf seiner Herreise an der Eisenbahn , die vom Rheine abführt , erkannt hätte . Der Name Sylvester fiel ihm nicht weiter auf . Er bereist die Gefängnisse ? fragte Egon erstaunt und lachte über die Unverschämtheit eines Mannes , den er zu gut kannte , um ihn nicht auch in dieser Mission als einen Heuchler zu nehmen . Im Auftrag einer philanthropischen Gesellschaft in Paris , sagte Dankmar , die sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen zum gemeinschaftlichen Zwecke gewählt hat . Man rühmt ihn in allen Blättern . Egon lachte und schüttelte ungläubig den Kopf . Glaubt doch Das nicht ! sagte er . Ich kenne diese Gesellschaft , sie ist sehr ehrenwerth ; ich kenne aber auch Rafflard und weiß , daß er von ihr kein Mandat empfing . Er besucht die Gefängnisse , bestätigte Dankmar . Ich bin ihm selbst begegnet , wie er von unserm Criminaldirektor höchst gewissenhaft umhergeführt wurde und sich die sorgfältigsten Notizen machte , vor denen die Beamten zitterten . Das muß ich gestehen ! sagte Egon lachend . Dieser Rafflard ist aus Meudon im Canton Lausanne gebürtig , war erst reformirter Geistlicher , spricht Deutsch und Französisch und übernahm eine Erzieherstelle in unsern östlichen Provinzen , wo er im Hause einer Baronin von Osteggen sich ziemlich lange zu behaupten wußte . Siegbert blickte bei Nennung dieses Namens nieder , weil ihn Dankmar spottend ansah . Von da , fuhr Egon fort , vertrieb ihn mein früherer Erzieher , ein braver Mann , Namens Rudhard , der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Meeres lebt oder verschollen ist oder todt ... Egon ' s Begleiter wandten sich ab , um zu verbergen , daß sie wohl wußten , wo Rudhard war . Sie würden gern von ihm gesprochen haben , wenn ihnen nicht bekannt gewesen wäre , daß Rudhard wegen der Gräfin d ' Azimont seinem Zögling zürnte und aus Achtung vor der Wäsämskoi ' schen Familie eine Wiederanknüpfung mit ihm nicht , zu eifrig suchte . Von Rudhard , fuhr Egon fort , aus der Nähe der Familie Osteggen vertrieben , kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg . Dort zwar freundlich aufgenommen , fand er die Stellung , die er zu erschleichen suchte , besetzt . Der neue Pfarrer Guido Stromer übte schon einen großen Einfluß auf die Entschließungen meiner Mutter und Rafflard ' s Pläne mislangen . Er kehrte in die Schweiz zurück , benutzte aber von da aus die Bekanntschaft meiner Mutter zu einer sehr lebhaften Correspondenz , deren Endziel die glänzend vorgespiegelte Möglichkeit war , mir am Genfersee eine Erziehung zu geben , die ihres Gleichen suchte . So kam ich in das Institut des Herrn Monnard , bei dem Rafflard Lehrer war , und Rafflard wurde mein Specialerzieher . Während die äußeren Formen der geistigen Appretur , die man mir zu geben trachtete