Augen strahlten in Begeisterung — sie war sich selbst überraschend in dieser ihr fremden , leuchtenden Schöne . Sähe Lutz sie so ! Warum kam er nicht in dem Augenblick . . . Ach . . . . ! warum war das unmöglich ! Warum konnte sie nicht zu Martin ? Ein kurzer , schluchzender Schrei , und das Mädchen warf sich lang auf das kleine Sofa nieder — die Arme weit hinausgebreitet in dem hilflosen Begehren nach etwas , das sie an die Brust drücken konnte — nach der Empfängnis von Kraft , von dem befruchtenden Geistesodem , der im Frühlingssturm über die Erde strömt . Rings um sie her standen die zierlichen , hellen Möbel still und ordentlich auf ihren Plätzen , der kleine Lampenschein glimmerte durch rosa Papierschleier auf den gläsernen und elfenbeinernen Nippsachen , den Photographieen und Kotillonandenken . Und die ganze niedliche kleine Welt — ihre Welt sah sie verwundert an . — Die ausgebreiteten Arme sanken ihr nieder , ein wildes verzweifeltes Weinen beruhigte endlich den Krampf , der sie schüttelte . In der Charwoche fuhr Agathe nach Bornau . Während sie ihr Billet löste , stand eine kleine Dame in diskreter schwarzer Toilette neben ihr und wartete , bis der Zugang zum Schalter frei wurde . Ein grauer Gazeschleier verhüllte ihr Gesicht , doch erkannte Agathe Fäulein Daniel . Wohin mochte sie fahren ? Wenn sie nun beide in dasselbe Coupé gerieten ? Ob Lutz inder Nähe war ? Er hatte sie nicht begleitet ! Das heftigste Triumphgefühl durchdrang Agathe . Die Daniel war viel vornehmer gekleidet , als sie selbst . Und Lutz legte so großen Wert auf diese Äußerlichkeiten ! Agathe wurde vom Schaffner in ein schon fast gefülltes Damencoupé geschoben . Wo die Daniel einstieg , konnte sie nicht mehr beobachten . Sie war enttäuscht , als ihr die Sensation entging , mit der Schauspielerin zusammen zu fahren . Ihre Gedanken beschäftigten sich , eine Scene auszumalen , die zwischen ihnen hätte entstehen können , wenn die Daniel , allein mit ihr im Wagen , ihr vorgeworfen hätte , sie raube ihr Adrians Herz . Es war schon später Nachmittag . Ehe man die Station erreichte , wo Agathe den Zug wechseln mußte , hielt die Lokomotive auf offenem Felde . Wartend , miteinander flüsternd , standen die Schaffner im Regen . — Und das ist Frühling , dachte Agathe , die flach sich dehnende , braune , von blaßgrünen Feldstreifen durchzogene , nebelfeuchte Landschaft betrachtend , — das soll Frühling sein . — Sie interessierte sich nicht besonders für die Ursachen ihres unvorhergesehenen Aufenthaltes . Irgendwie mußte die Sache schon in Ordnung gebracht werden und man ans Ziel kommen . Pfeifen und langsames Weiterfahren — nach kurzer Zeit stand der Zug abermals , die Thüren wurden aufgerissen . “ Aussteigen ! ! ” Bahnbeamte , ein paar Schutzleute wiesen den Weg und gaben Antwort . Das Gleis war nicht frei . Ein Zusammenstoß von Güterwagen hatte stattgefunden . Passagiere waren nicht verunglückt — nur ein Heizer tot . Dort — rechts lag die Unglücksstätte . Die zertrümmerten Wagen , wie im Todeskampfe sich gegeneinander bäumende Ungeheuer , hoch und schwarz in die graue Luft ragend . Rufen und Laufen von Menschen . Der Regen prasselte stärker . Die Menge drängte dem Bahnhofs-Gebäude entgegen . Zwischen zwei Beamten kam eine Frau geschwankt , das Gesicht in eine blaue Schürze gepreßt , das Haar durchnäßt , hin und her taumelnd in fassungslosem Weinen . Die Frau des verunglückten Heizers . Man blickte ihr in scheuem Mitleid nach . Als die hohe , glasbedeckte Halle erreicht war , sonderte sich ein Teil der Menschen nach dem Ausgange ab . Die Zurückbleibenden , unter ihnen Agathe , strömten eine breite Treppe hinunter , um durch einen Tunnel den jenseitigen Bahnsteig und womöglich noch den Schnellzug erreichen zu können . Junge Männer mit koketten Reisemützen und flatternden Havelocks eilten gewandt voraus , sich die besten Plätze zu sichern , Kofferträger schafften rufend und scheltend Platz für ihre Bürde . Die gelben Gepäckkarren rasselten , Kinder wurden an der Hand von Müttern und Vätern rücksichtslos weitergezerrt , alte Damen mit Schachteln und Schirmen trippelten und rannten keuchend vorwärts . Eile that not — man hatte sich sehr verspätet . Agathe fiel ein kleiner Junge auf in einem hübschen Mäntelchen , der schon sekundenlang mit dem Strom in ihrer Nähe fortgeschoben wurde , wobei er sich furchtsam nach allen Seiten umsah . Und nun blieb er stehen , ein winziges Hindernis für die Vorwärtsdrängenden , das unsanft aus dem Wege gestoßen wurde . Er begann zu weinen . Agathe wendete sich zu ihm zurück . “ Kleiner , Du hast Dich wohl verloren ? ” Er schluchzte auf und nickte mit dem Kopfe . Was war zu thun ? Man konnte doch das kleine Kind hier nicht allein lassen . “ Mit wem bist Du denn gekommen ? Mit Deiner Mama ? ” Er schüttelte den Kopf . “ Wie heißt Du denn ? ” “ Didi . ” Agathe führte das Kind ins Restaurant und sah dabei durch die großen Fenster , wie draußen ihr Zug abfuhr . Sie wandte sich zu der Buffetdame , um zu fragen , was man thun könne . Augenscheinlich war das Kind in der Verwirrung vom anderen Perron herübergekommen . Ein Dienstmann sollte den Fund bei den Portiers und in den verschiedenen Wartesälen des weitläufigen Centralbahnhofes bekannt machen . Inzwischen behielt Agathe den Kleinen unter ihrer Obhut . Der nächste Zug für sie ging erst in einer Stunde . Hier auf dieser Seite spürte man schon nichts mehr von dem Unglücksfall , der jenseits des Tunnels die Ordnung störte . Hier ging alles seinen einförmig ruhelosen Gang weiter . Neue Züge rasselten donnernd in die gewaltige Halle — Läuten — Pfeifen . Neue Menschenströme drangen die Treppen hinab und in die Säle . Agathe zog sich mit ihrem Schützling ins Damenzimmer zurück . Sie nahm ihm das nasse Mäntelchen