deswegen eine Frage an den Diener richten , als die junge Baroneß selbst eintrat . „ Aber Kind , wo bleibst Du nur ? “ rief ihr die Mutter entgegen . „ Ich will doch nicht hoffen , daß Du es versucht hast , bei diesem Wetter in ’ s Freie zu gehen ? Du würdest Dich zu Tode erkälten in dem leichte Morgenanzuge – und wie siehst Du denn aus ? Ganz bleich und verstört ! Ist irgend etwas vorgefallen ? “ „ Nein , Mama , “ sagte das junge Mädchen mit halb erstickter Stimme . Die Baronin sah sie besorgt an . „ Du bist sicher unwohl . Da warst gestern Abend noch so erhitzt vom Tanze , als wir durch den kalten Corridor gingen . Nimm ein wenig heißen Thee ! Das wird Dir gut thun . “ Gabriele lehnte die dargebotene Tasse ab . „ Ich danke , Mama ; ich möchte lieber auf mein Zimmer gehen und noch etwas zu ruhen versuchen . “ „ Aber der Onkel ist es gewohnt , Dich am Frühstückstische zu sehen . “ [ 273 ] „ Sage ihm , daß ich nicht wohl bin ; er wird mich heut nicht vermissen . Ich kann nicht bleiben . “ Damit ging sie . Die Baronin blieb sehr befremdet zurück ; sie war diese seltsame Verschlossenheit bei ihrer Tochter so wenig gewohnt , wie die Blässe auf deren blühendem Gesicht . Gleich darauf kam auch noch der Diener des Freiherrn mit der Meldung , Excellenz ließen sich entschuldigen und würden heut nicht zum Frühstück erscheinen . Frau von Harder schüttelte den Kopf , aber eine besondere Combinationsgabe war ihre Sache nicht , und überdies wußte sie nichts von der Unterredung , die im Zimmer ihres Schwagers stattgefunden hatte ; es fiel ihr daher auch nicht ein , irgend einen Zusammenhang zu suchen . Sie ließ die Sache vorläufig auf sich beruhen und nahm etwas verstimmt ihren Platz am Frühstückstische allein ein . – In der Kanzlei wartete man vergebens aus das Erscheinen des Chefs . Er pflegte sonst stets in den Morgenstunden zu kommen , heut aber blieb er in seinem Arbeitszimmer und ließ das Nothwendigste durch den Hofrath Moser erledigen . Der Hofrath , der einige dringliche Sachen vorzulegen hatte , kam mit wichtiger Miene zurück und verkündete , daß „ Excellenz äußerst ungnädig seien “ . In der That hatte der Freiherr mit großer Ungeduld und augenscheinlicher Zerstreutheit die Berichte angehört , mit einer bei ihm ganz ungewohnten Hast die nöthigen Weisungen gegeben und den Hofrath so schnell wie möglich entlassen . Dieser , der sich stets den Anschein gab , mehr zu wissen als Andere , sprach von wichtigen Regierungsdepeschen , die wahrscheinlich eingetroffen seien , die Beamten steckten die Köpfe zusammen und ergingen sich in allerlei Vermuthungen . Bald darauf wurde Assessor Winterfeld zum Gouverneur gerufen . Das war nichts Auffallendes , denn er hatte am heutigen Vormittage Vortrag zu halten , und daß der Ruf früher als zur bestimmten Stunde erfolgte , erklärte sich durch anderweitige dringende Beschäftigung des Freiherrn . Der junge Mann betrat daher ganz ahnungslos und nur seinen Vortrag im Kopfe das Arbeitszimmer , ordnete seine Papiere und wartete auf das Zeichen zum Beginnen . „ Lassen Sie das ! “ sagte Raven . „ Der Vortrag fällt heute aus . Ich habe von anderen Dingen mit Ihnen zu reden . “ Georg blickte erstaunt auf ; er gewahrte erst jetzt die völlig veränderte Haltung seines Chefs . Die vornehme Ruhe , mit welcher dieser sonst seine Beamten empfing , war heute einer eisigen Kälte gewichen . Er stand an den Schreibtisch gelehnt und maß den vor ihm Stehenden von oben bis unten , als sähe er ihn zum ersten Male . Es war ein finsteres Forschen , das jeden einzelnen Zug zu prüfen und bis in ’ s Innerste zu dringen schien , aber es sprach eine unverhüllte Feindseligkeit daraus , wie überhaupt aus seiner ganzen Haltung . Georg sah das mit einem einzigen Blicke , und es erklärte die Bedeutung der Worte , die ihm im ersten Augenblicke räthselhaft geblieben waren . Er begriff sofort , daß die „ Ungnade Seiner Excellenz “ ihm allein galt , und errieth auch den Grund davon . Die längst erwartete Katastrophe war hereingebrochen , und der junge Mann machte sich bereit , ihr mit ruhiger Entschlossenheit die Stirn zu bieten . „ Ich habe heute Morgen eine Unterredung mit meinem Mündel , der Baroneß Harder , gehabt , in der Ihr Name genannt wurde , “ begann der Freiherr . „ Es bedarf keiner Erklärung Ihrerseits ; ich weiß bereits , was geschehen ist , und möchte Sie zur Rede stellen über die Art , wie Sie die junge Dame verleiteten , die Aufrichtigkeit und Rücksicht , die sie den Ihrigen schuldet , in so unverzeihlicher Weise zu verletzen . “ Georg senkte das Auge , sein peinliches Ehrgefühl empfand den Vorwurf als nur zu sehr begründet . „ Ich habe vielleicht Unrecht gethan , bis heute zu schweigen , “ erwiderte er . „ Meine einzige Entschuldigung dafür liegt in meiner Stellung , die es mir noch nicht gestattete , mit einer offenen Werbung hervorzutreten . “ „ Wirklich ! Ich sollte meinen , was Ihnen die Werbung nicht gestattete , mußte Ihnen auch die Erklärung verbieten . “ „ Wenn sie beabsichtigt gewesen wäre , gewiß , Excellenz ! Aber das war nicht der Fall . Ein unbewachter Augenblick entriß mir das Geständniß . Erst als es gehört und angenommen war , trat die Ueberlegung in den Vordergrund , und da mußte ich mir sagen , daß ich noch nichts geltend machen konnte , was mich zu der entscheidenden Bitte an die Frau Baronin berechtigte . “ „ Es ist gut , daß Sie sich das selbst sagen , “ bemerkte der Freiherr mit vernichtendem Hohne . „ Ich wäre sonst in die Nothwendigkeit versetzt worden , es Ihnen klar