war unverkennbar , daß es sie unendlich quälte , jene Begegnung von Anderen auch nur berührt zu sehen , und nun goß Franziska mit dem besten Willen von der Welt auch noch Oel in ’ s Feuer . „ Aber weshalb wollen Sie uns durchaus nicht sagen , was zwischen Ihnen und dem Grafen – “ „ O mein Gott , so quälen Sie mich doch nicht immer und ewig mit dem Grafen ! “ brach Lucie mit einer so leidenschaftlichen Heftigkeit aus , daß Franziska , ganz die Unart der Antwort übersehend , erschreckt auf sie zueilte . „ Dacht ’ ich ’ s doch , da sind die Thränen wieder ! “ sagte sie halblaut und wollte das junge Mädchen in ihre Arme nehmen . Aber Lucie schien wenig empfänglich für diese Theilnahme , sie machte sich hastig los , die Thränen versiechten plötzlich und der Mund zwang sich zu einem Lächeln . „ Ich weine ja gar nicht , durchaus nicht ! Aber ich muß jetzt hinüber , mich umzukleiden , da Bernhard in einer halben Stunde mit mir nach C. fahren will . Er zuckt immer so spöttisch die Achseln , wenn ich nicht pünktlich bin ; diesmal soll er gewiß nicht auf mich warten ! “ Sie war aus dem Zimmer , kopfschüttelnd blickte ihr Franziska nach . „ Jetzt wirft sie sich wieder drüben auf ’ s Sopha und weint ! Wollen Sie mir nun endlich glauben , daß das Kind unglücklich ist , ohne es sich und uns eingestehen zu wollen ? “ Günther war aufgestanden und ging gedankenvoll im Zimmer auf und nieder . „ Sie haben Recht ! Ich glaubte nicht , daß die Sache so ernst sei ! Ihr Interesse für den Grafen scheint mehr zu sein , als eine flüchtige Regung der Eitelkeit , und doch wies sie seine Begleitung zurück ! Ich hätte nie geglaubt , daß meine Warnung so tief bei ihr gehen würde . “ „ Ich auch nicht ! “ sagte Franziska sehr aufrichtig . „ Lucie pflegt gewöhnlich das Gegentheil von dem zu thun , was man ihr anempfiehlt . “ „ Gleichviel ! Ich hätte am liebsten jede Berührung mit den Rhanecks vermieden , indessen der Sache muß ein Ende gemacht werden , ich sehe es jetzt ein ! Ich werde mir schriftlich jede fernere Annäherung des Grafen an Dobra und an meine Schwester verbitten . Sein Benehmen auf dem Balle giebt mir das Recht dazu und raubt ihm den Vorwand , sein fortwährendes Erscheinen hier für eine Zufälligkeit auszugeben . “ „ Thun Sie das ! “ stimmte Franziska eifrig bei . „ Ich wollte , ich könnte Ihnen den Brief dictiren , der Graf sollte da etwas zu lesen bekommen , wie es ihm wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nicht geboten worden ist ! “ Trotz seiner umwölkten Stirn flog dennoch ein Lächeln über Günther ’ s Gesicht . „ Ich glaube , es ist doch besser , ich schreibe diesmal ohne Dictat . Fürchten Sie übrigens nicht , daß der Brief zu zahm ausfällt , man kann sehr ruhig und sehr vernichtend sein , und ich habe jetzt keinen Grund mehr , den Grafen zu schonen , seit ich Luciens sicher bin . Sie sorgen doch , daß Lucie zur bestimmten [ 118 ] Stunde fertig ist ? Die Zerstreuung der Fahrt wird ihr wohl thun . “ Franziska nickte blos , als aber Günther das Zimmer verließ , fuhr sie wie aus tiefen Gedanken auf , schlug mit der Hand so heftig auf den Tisch , daß die Blumenvasen klirrten , und sagte im Tone unumstößlicher Ueberzeugung : „ Und sie macht sich doch nichts aus ihm ! “ – Eine halbe Stunde darauf saß Lucie im Wagen an der Seite des Bruders , der öfter Geschäfte in C. hatte und , da der Weg dorthin durch die reizendste Gebirgslandschaft führte , seine Schwester bisweilen mitzunehmen pflegte . Nur an einer einzigen Stelle war dieser Weg unbequem und beschwerlich ; er stieg hier in steilen Windungen bis zur Höhe des Berges empor , an dessen jenseitigem Fuße die Straße sich theilte , um rechts in die Ebene nach C. , links hinein in ’ s Hochgebirge zu führen . Die Pferde , obgleich jung und kräftig , keuchten und dampften doch von der Anstrengung . Bernhard ließ halten und stieg mit Lucie aus ; die Thiere hatten genug zu thun , den leeren Wagen bis zur Höhe zu bringen , während dessen Insassen zu Fuße folgten . Lucie , der das Steigen nicht die geringste Mühe verursachte , war leichtfüßig vorauf ; Bernhard folgte langsamer ; plötzlich blieb das junge Mädchen stehen , ohne einen Schritt weiter vorwärts zu thun . „ Was hast Du ? “ fragte Günther , als er sie erreichte . „ O , nichts ! Ich meine nur , wir könnten etwas langsamer gehen . “ Sie hing sich an den Arm des Bruders und drängte sich dicht an seine Seite ; dieser achtete nicht darauf . Er bemerkte jetzt in der Windung des Weges einen zweiten Wagen ; es war eine geschlossene Stiftskutsche , deren Insasse , ein Benedictiner , gleichfalls ausgestiegen war und zu Fuß nebenherging . Bernhard liebte es sonst durchaus nicht , mit den nachbarlichen Bewohnern des Stiftes irgendwie in Berührung zu kommen . Diesmal jedoch schien er eine Ausnahme machen zu wollen ; er hatte kaum einen raschen Blick auf den Geistlichen geworfen , als er auch seine Schritte beschleunigte . Lucie klammerte sich fester an seinen Arm . „ So eile doch nicht so , Bernhard ! Laß uns lieber zurückbleiben ! “ Günther sah sie befremdet an . „ Weshalb ? Es ist Pater Benedict . Ja so , Du kennst ihn nicht ! Du hast ihn schwerlich an dem Abende bei Brankow bemerkt . “ „ Doch ! “ sagte das junge Mädchen leise mit halb erstickter Stimme . „ Ich – ich fürchte mich