sich selber , › du bist gestern doch dein eigner Narr gewesen ! ‹ – Er berief die Gevollmächtigten , und die Arbeiten wurden ohne Widerspruch beschlossen , was bisher noch nie geschehen war . Der Deichgraf meinte eine stärkende Ruhe in seinem noch geschwächten Körper sich verbreiten zu fühlen , und nach einigen Wochen war alles sauber ausgeführt . Das Jahr ging weiter , aber je weiter es ging und je ungestörter die neugelegten Rasen durch die Strohdecke grünten , um so unruhiger ging oder ritt Hauke an dieser Stelle vorüber , er wandte die Augen ab , er ritt hart an der Binnenseite des Deiches , ein paarmal , wo er dort hätte vorübermüssen , ließ er sein schon gesatteltes Pferd wieder in den Stall zurückführen ; dann wieder , wo er nichts dort zu tun hatte , wanderte er , um nur rasch und ungesehen von seiner Werfte fortzukommen , plötzlich und zu Fuß dahin ; manchmal auch war er umgekehrt , er hatte es sich nicht zumuten können , die unheimliche Stelle aufs neue zu betrachten ; und endlich , mit den Händen hätte er alles wieder aufreißen mögen , denn wie ein Gewissensbiß , der außer ihm Gestalt gewonnen hatte , lag dies Stück des Deiches ihm vor Augen . Und doch , seine Hand konnte nicht mehr daran rühren ; und niemandem , selbst nicht seinem Weibe , durfte er davon reden . So war der September gekommen ; nachts hatte ein mäßiger Sturm getobt und war zuletzt nach Nordwest umgesprungen . An trübem Vormittag danach , zur Ebbezeit , ritt Hauke auf den Deich hinaus , und es durchfuhr ihn , als er seine Augen über die Watten schweifen ließ ; dort , von Nordwest herauf , sah er plötzlich wieder , und schärfer und tiefer ausgewühlt , das gespenstische neue Bett des Prieles ; so sehr er seine Augen anstrengte , es wollte nicht mehr weichen . Als er nach Haus kam , ergriff Elke seine Hand . » Was hast du , Hauke ? « sprach sie , als sie in sein düstres Antlitz sah ; » es ist doch kein neues Unheil ? Wir sind jetzt so glücklich ; mir ist , du hast nun Frieden mit ihnen allen ! « Diesen Worten gegenüber vermochte er seine verworrene Furcht nicht in Worten kundzugeben . » Nein , Elke « , sagte er , » mich feindet niemand an ; es ist nur ein verantwortlich Amt , die Gemeinde vor unseres Herrgotts Meer zu schützen . « Er machte sich los , um weiteren Fragen des geliebten Weibes auszuweichen . Er ging in Stall und Scheuer , als ob er alles revidieren müsse ; aber er sah nichts um sich her ; er war nur beflissen , seinen Gewissensbiß zur Ruhe , ihn sich selber als eine krankhaft übertriebene Angst zur Überzeugung zu bringen . – – Das Jahr , von dem ich Ihnen erzähle " , sagte nach einer Weile mein Gastfreund , der Schulmeister , " war das Jahr 1756 , das in dieser Gegend nie vergessen wird ; im Hause Hauke Haiens brachte es eine Tote . Zu Ende des Septembers war in der Kammer , welche ihr in der Scheune eingeräumt war , die fast neunzigjährige Trin ' Jans am Sterben . Man hatte sie nach ihrem Wunsche in den Kissen aufgerichtet , und ihre Augen gingen durch die kleinen bleigefaßten Scheiben in die Ferne ; es mußte dort am Himmel eine dünnere Luftschicht über einer dichteren liegen , denn es war hohe Kimmung , und die Spiegelung hob in diesem Augenblick das Meer wie einen flimmernden Silberstreifen über den Rand des Deiches , so daß es blendend in die Kammer schimmerte ; auch die Südspitze von Jeverssand war sichtbar . Am Fußende des Bettes kauerte die kleine Wienke und hielt mit der einen Hand sich fest an der ihres Vaters , der daneben stand . In das Antlitz der Sterbenden grub eben der Tod das hippokratische Gesicht , und das Kind starrte atemlos auf die unheimliche , ihr unverständliche Verwandlung des unschönen , aber ihr vertrauten Angesichts . » Was macht sie ? Was ist das , Vater ? « flüsterte sie angstvoll und grub die Fingernägel in ihres Vaters Hand . » Sie stirbt ! « sagte der Deichgraf . » Stirbt ! « wiederholte das Kind und schien in verworrenes Sinnen zu verfallen . Aber die Alte rührte noch einmal ihre Lippen : » Jins ! Jins ! « Und kreischend , wie ein Notschrei , brach es hervor , und ihre knöchernen Arme streckten sich gegen die draußen flimmernde Meeresspiegelung . » Hölp mi ! Hölp mi ! Du bist ja bawen Water ... Gott gnad de annern ! « Ihre Arme sanken , ein leises Krachen der Bettstatt wurde hörbar ; sie hatte aufgehört zu leben . Das Kind tat einen tiefen Seufzer und warf die blassen Augen zu ihrem Vater auf . » Stirbt sie noch immer ? « frug es . » Sie hat es vollbracht ! « sagte der Deichgraf und nahm das Kind auf seinen Arm . » Sie ist nun weit von uns , beim lieben Gott . « » Beim lieben Gott ! « wiederholte das Kind und schwieg eine Weile , als müsse es den Worten nachsinnen . » Ist das gut , beim lieben Gott ? « » Ja , das ist das Beste . « – In Haukes Innerm aber klang schwer die letzte Rede der Sterbenden . › Gott gnad de annern ! ‹ sprach es leise in ihm . › Was wollte die alte Hexe ? Sind denn die Sterbenden Propheten – – ? ‹ – – Bald nachdem Trin ' Jans oben bei der Kirche eingegraben war , begann man immer lauter von allerlei Unheil und seltsamem Geschmeiß zu reden , das die Menschen in Nordfriesland erschreckt haben sollte ; und sicher war es : am Sonntage Lätare war droben