und um ihn gestritten hatten . Jenatsch sah finsterer als je und tief bewegt aus Den Provveditore , der ihm zunächst stand , bedachte er mit einem untertänigen Gruße und einem Blicke voll tödlichen Hasses , welchem dieser mit vornehmer Ruhe begegnete . Dann trat er raschen Schrittes vor den Herzog . Er schien in leidenschaftlichem Dankgefühle seine Kniee umfassen zu wollen aber er ergriff nur Rohans Hand und ließ , das gesenkte Auge verbergend , eine heiße Träne auf dieselbe fallen . Der kalte Grimani , dem diese glühende Bewegung einen widerwärtigen Eindruck machte , brach zuerst das Schweigen und bemerkte mit scharfer leiser Stimme : » Vergeßt nie , Signor Jenatsch , daß Ihr nicht der Güte Eurer Sache , sondern nur und allein der Fürsprache dieses hohen Herrn Euer verwirktes Leben verdankt . « Der Hauptmann schien in seiner Bewegung das Wort des Venezianers nicht gehört zu haben , er richtete seinen feurigen Blick auf den Herzog und sprach : » Meinen Dank , teuerster Herr , laßt mich Euch sofort durch die Tat bezeugen . Ich hoffe , Ihr habt manche Gefahr für mich bereit – laßt mich eine vorwegnehmen . Übertragt mir ein Geschäft , das ich allein , wie Ihr bedürft , verrichten kann , bei dem ich das mir geschenkte Leben zehnfach auf das Spiel setze und welches doch nicht rühmlich genug ist , daß es mir irgendeiner neide oder streitig mache . – Ich rede hier frei , ich bin unter Eingeweihten . – Wie mir mein Kamerad Wertmüller in seinen Briefen Euern Plan angedeutet hat , werdet Ihr von Norden über die Bernina ins Veltlin vordringen , um mit dem Scharfblicke des großen Feldherrn die feindliche Stellung in der Mitte zu fassen und , Spanier und Österreicher auseinander werfend , die einen zurück in das Gebirge , die andern hinunter nach den Seen zu jagen . Nun ist von höchster Bedeutung , die von den Spaniern vielfach neu angelegten Verschanzungen des Veltlins genau zu untersuchen . – Laßt mich hin ! Ich nehme Euch Pläne davon auf , kenne ich doch das Land wie wenige . « » Davon reden wir morgen , mein Georg « , sagte der Herzog und legte ihm seine schmale Hand auf die mächtig gebaute Schulter . – – – Am Abende des Tages , der den Hauptmann Jenatsch zum Kameraden des Locotenenten Wertmüller im Dienste des Herzogs machte , fiel es diesem ein , den Brief seines Vetters in Mailand zu beantworten . Er meldete , daß er einen kurzen Urlaub nach Zürich genommen , obschon er sich nicht absonderlich freue den Duft seines Nestes wieder zu riechen , aber verschwieg dabei natürlich , daß er sich dort dem Herzoge bei seinem Durchbruche aus dem Elsaß nach Graubünden anschließen und die Wartezeit zu Werbungen für Frankreich verwenden werde . Dagegen berichtete er weitläufig , die aus Mailand entflohene dolchführende Schönheit habe er nicht nur kennengelernt , sondern es werde ihm sogar die Ehre zuteil , besagte tapfere Person auf Geheiß des Herzogs über das Gebirge nach Bünden zu geleiten , was ihn von seiner eigenen Reiseroute nicht abführe . – Als Belohnung für die vom Vetter ihm zum besten gegebene Geschichte und als deren Vervollständigung erzählte er ihm den unerwarteten Auftritt im Saale des Herzogs , dem er , persönlich unbeteiligt , mit gekreuzten Armen als vergessener Beobachter hinter einer bergenden Säule beigewohnt habe – halb gerührt , halb ärgerlich – denn er sei eigentlich kein Liebhaber heftig ausbrechender Gefühle . In einen solchen vulkanischen Ausbruch aber habe die bescheidene , von der sentimentalen Herzogin in Szene gesetzte Vorführung einer Schutzflehenden plötzlich umgeschlagen . Er selbst habe die Lunte angezündet , indem er den Heldenspieler eingeführt , einen tapfern Soldaten , aber leider ehemaligen Pfarrer , der ihm trotz einiger tüchtiger Eigenschaften wenig sympathisch sei , da demselben gewisse pompöse Manieren , wahrscheinlich von der Kanzel her , ankleben und ein leidiger Hang zu grandiosem Komödienspiele . In seiner Jugend sei der Pfarrer ein wütender Demokrat gewesen und einer der bösen Gesellen , die den Pompejus Planta umgebracht . Statt nun still , wie er , der taktvolle Wertmüller , es getan , im Hintergrunde zu bleiben , habe sich der Abenteurer sofort der bündnerischen Dame als Mörder ihres Vaters und zugleich als ehemaligen zärtlichen Liebhaber vorgestellt . Daraus sei plötzlich eine solche Explosion verrückter Dinge entstanden , ein so einziges Spektakel , daß ihm heute noch der Kopf davon schwirre . Für die Herzogin , deren poetischer Schwung allen Verstand übersteige , sei es eine Wonne gewesen . Sie habe schnatternd auf dem Tränenmeere herumgerudert wie die Enten im Teiche . – Jetzt arbeite sie daran , einen würdigen Schlußakt herbeizuführen nach dem Muster der gegenwärtig in Paris Furore machenden Komödie , deren Autor einen Vogelnamen – etwas wie Dohle oder Krähe – trage und die einen ganz ähnlichen Gegenstand behandle . Dort schließe der Konflikt mit Heiratsaussichten ; hier aber werde es hoffentlich , und wenn noch Vernunft im Leben sei , nicht dazu kommen . Es wäre schade um das Mädchen , er gönne sie dem Volkshelden nicht . Sie sei zwar keine blondlockige üppige Schönheit , wie sie Paul der Veroneser und der flotte Tintorett , die Naturmöglichkeit überbietend , aus golddurchwirktem Damaste hervorquellen lassen , noch habe sie die nächtlichen halbgeschlossenen Augen und die blau-schwarz schimmernden Flechten um die sanfte , listige Schläfe , die ihn an andern Töchtern der Lagunenstadt berücken ; aber sie habe es ihm nun einmal angetan mit einem gewissen ehrlichen großen Wesen . Was bei Lucretia Wahrheit sei , halte er bei Jenatsch zum guten Teil für Schein : gerade jene große Manier , von der er gesprochen . Sei übrigens der Hauptmann Jenatsch auf hohes Spiel erpicht , so habe er gestern abend seine Lust büßen können . Mitten aus der Rührung sei er von Sbirren herausgeholt und unter die Bleidächer gesetzt worden . Der Provveditore Grimani der den Bündner merkwürdigerweise für ein wichtiges