deiner Bitte , die ich ungesagt kenne ... Du willst mich wieder bei den Klarissen zurückhalten , weil du der geistlichen Übungen nicht satt wirst , du Fromme ! Diesmal kann es nicht sein ... ich erwarte die Verfügung des Herzogs . Und liegt dort nicht schon ein Schreiben Don Alfonsos ? Du hast es mir während meines Schlummers gebracht ? Gib es mir gleich ! « Sie löste das Siegel und überflog die Botschaft mit raschem Blicke . Ihr Gemahl hatte geschrieben : » Geliebte Herzogin ! Beruhigt Euch über den Vorfall im Kloster . Es handelt sich einfach um eine Torheit des altersschwachen Mirabili . Er verkehrte mit dem Blinden , der , wie Ihr vielleicht nicht wußtet , seit einigen Jahren den › vergessenen ‹ Turm bewohnte , ihn aber heute verläßt . Der Alte hatte sich in den Gedanken verbohrt , den Blinden , dem die Verführungskunst geblieben ist , in Freiheit zu setzen . Nachdem er vor zwei Jahren schon ein wunderliches und unehrerbietiges Schreiben an mich gerichtet , hat er vor kurzem , Torheit auf Torheit häufend , mit einer erbärmlichen Summe den Turmwart zu bestechen versucht und nach einem Abdruck in Wachs einen Schlüssel des Turmes bei meinem Hofschlosser bestellt . Wenige Stunden später lag Bestechungssumme und Wachsabdruck auf meinem Tische . Ferne sei von mir , über meinen weiland Lehrer , der bei grünen Kräften mich zu meinem Heile und mit gutem Erfolg gezüchtigt hat , strenges Gericht zu halten ! Er sitzt nun bei meinen Benediktinern in Modena , die ihn mit ihren Manuskripten in ihrem festen Hause aufbewahren . Es ist gut , daß Ihr heute kommet . Graf Contrario wird mir von Stunde zu Stunde unleidlicher . Nicht genug , daß er in meiner armen Fayencemalerei ein falsches Kunstprinzip erkennt , ist er mir gestern hinter meine Drehbank geraten und hat mir mit seinen eigensinnigen Fingern eine Hauptschraube verkrümmt . Kommet , bevor er mir alles verdirbt , und bringet das Mädchen mit , daß wir sie heute noch zusammengeben und beide , nebst den flavianischen Gütern , endgültig loswerden . Inzwischen Euer gnädiger und Euch herzlich liebender Gemahl . « Lucrezia las diese Zeilen zwischen Lächeln und Besorgnis . » Große « , sagte sie – so pflegte sie die höher gewachsene Angela scherzend zu nennen – » reiche mir das Morgengewand und mache mich fertig , daß wir mit lauterm Antlitz und geordneten Gedanken dein Bestes erwägen , denn , wisse , von deiner Zukunft handelt dieser Brief . Der Herzog wünscht dich noch heute mit Graf Contrario zu vermählen . « Als Angela zusammenschrak , lächelte die Herzogin : » Frauenschicksal ! ... Bist du denn ein Heiligtum , daß du eine redliche Werbung als Beleidigung empfindest , nicht anders , als schände dein Freier einen geweihten , oder betrete wenigstens einen fremden , verbotenen Boden ? Ich habe dich aus Rom nach Ferrara mitgenommen , dir in dieser gewalttätigen Zeit durch eine ehrenvolle Heirat eine feste und hohe Stellung zu geben , und der Graf , den wir für dich erwählt haben , bietet dir , bei einigen unangenehmen Eigenschaften , alle diese bedeutenden Vorteile . Dazu ist er ein vollkommener Edelmann . « » Edelmann ? « spottete Angela , » und er würde mich heimführen ohne Liebe ? Als Anhängsel der flavianischen Güter ? « » Was forderst du denn ? « antwortete Lucrezia erbittert : » Willst du es anders haben als wir alle ? Was ist Männerliebe ? Reiz , List , Begier , Gewalttat , Haß , Ekel ! ... Ich habe nie einen Mann geliebt ! « So bekannte Lucrezia Borgia . Angela schwieg . Sie wußte es anders und besser . Dann sagte sie einfach : » Aber die Liebe , die aus Reue und Mitleid stammt ? « » Das ist die himmlische « , meinte Lucrezia , » ganz nach dem Katechismus ! « » Himmlisch oder irdisch ! « bekannte Angela , » aus dieser Liebe bin ich das Weib Don Giulios geworden . « Die Herzogin stellte sich erstaunter und erzürnter , als sie war : » So konntest du dich gegen mich und den Herzog vergehen , du Arge ! Du stürzest dich in die Schmach und das Dunkel , statt , wie es jedem edeln Weibe geziemt und angeboren ist , hoch und höher zu streben und durch verborgene Klugheit das Leben zu beherrschen ! Du aber , Niedrige , suchst den Kerker eines Blinden und Verurteilten . « » Wie ich mich so erniedrigen konnte , will ich dir erzählen , Lucrezia « , sagte Angela stolz und demütig . » Am Abend , da Strozzi ermordet wurde , und ich zu dir ins Kloster floh , sah ich , wie Don Giulio in den › vergessenen ‹ Turm gebracht wurde , und schon damals hafteten meine Blicke an den erbarmungslosen Mauern und trugen mich meine Füße unter das im Grün verborgene Gitterfenster . Schon damals hätte ich gerne zu ihm geredet , aber die Stimme versagte mir . Im Herbste dann , zur Adventszeit , erreichte sie ihn . Der Nordwind hatte einen Haufen welken Laubes ergriffen , wirbelte es empor und jagte es durch das Kerkerfenster zu dem Este hinein , so daß die morschen Blätter ihn raschelnd überschütteten und , wenn er danach tastete , in seinen Händen zerbrechen mußten . Da erschien es mir unendlich grausam , daß die Natur dem Elenden ihren Tod über das Haupt streute . Ich erhob meine Stimme und rief : › Don Giulio , Euer Unglück ist da ! Es folgt Euch in Liebe . ‹ Er aber erkannte meine Stimme und antwortete : › Sei mir willkommen ! ‹ ... Damals und später , sooft ich mich ihm nähern konnte , erklärte er mir sein Inneres folgendermaßen : › Als du mich einst in Pratello aufstörtest , sagte ich dir , du könntest Vergangenes nicht ändern und meine Augen nicht