Bettchen und ging mit schnellen Schritten hinaus . 11. Ja , Klaudine fuhr zu Hofe . Sie saß da in dem Wagen mit dem stillen , stolzen Ausdruck , den ihre Züge gewöhnlich zeigten . Sie hatte heute früh ihren Haushalt besorgt und war dann nach Tisch aus ihrem Aschenbrödelgewand geschlüpft , um das ebenso einfache wie elegante Kleid aus dunkelblauer weicher Seide anzulegen , das sie noch einige Tage , bevor sie um ihre Entlassung gebeten , von dem Schneider zugeschickt bekommen hatte . Es war keine Eitelkeit von ihr , sie war gezwungen , dieses Kleid zu wählen ; denn Ihre Hoheit hatte gestern gesprächsweise erwähnt , daß sie schwarze Kleider nicht liebe . Als Klaudine , um Abschied zu nehmen , zu ihrem Bruder in das Turmzimmer trat , betrachtete er sie verwundert . » Wie schön du aussiehst ! « sagte er stolz und küßte sie auf die Stirn . Und sie blickte ihn ängstlich und verwirrt an ; » ich habe kein anderes Kleid , Joachim . « » Ich mache dir doch keinen Vorwurf « , erwiderte er freundlich , » ich freue mich nur über die harmonische Wirkung deiner blonden Haare mit dem tiefen Blau . Leb wohl , Schwesterchen , geh ohne Sorgen , Elisabeth ist gut aufgehoben bei Fräulein Lindenmeyer , und ich schreibe . Was zögerst du denn noch , Liebling ? Hast du Kummer ? « Sie war wie schwankend ein paar Schritte zu ihm hinübergetreten , und ihre Lippen bewegten sich leise , als wollte sie sprechen . Dann wandte sie sich rasch , murmelte ein » Leb wohl ! « und ging . Ihm , dem Träumer mit dem wedchen Gemüt , durfte sie ihre Sache nicht zur Entscheidung vorlegen . Selbst handeln , das ist der einzig richtige Weg . Aber was in aller Welt sollte sie zunächst tun ? Die Herzogin rief , und sie mußte kommen . Wenn sie nicht krank lag , hatte sie keinen einzigen Grund abzulehnen , eine Lüge wollte sie nicht sagen , und die Wahrheit durfte sie ihr gegenüber nicht aussprechen . Und war sie denn nicht am sichersten neben der fürstlichen Gemahlin ? In dem Gemache der Gattin durfte keiner der heißen flehenden Blicke sie streifen . Sie drückte das Batisttuch an die pochende Schläfe , als könne sie den Schmerz dämpfen , der dort schon den ganzen Tag wühlte . Dort unten tauchten jetzt die hochgiebligen Dächer des Altensteiner Schlosses aus den Gipfeln der Bäume , und gerade in diesem Augenblick brach nach langen düsteren Regentagen der erste Goldblitz der Sonne aus den lichter gewordenen Wolken und ließ den vergoldeten Knauf des Turmes aufleuchten . » Ihre Hoheit haben schon mit Ungeduld gewartet « , berichtete flüsternd die alte Frau von Katzenstein in dem Vorzimmer , » Hoheit wollen von Ihnen ein neues Lied von Brahms hören und haben diesen Morgen zwei Stunden an der Klavierbegleitung geübt . Sie sind schrecklich nervös und aufgeregt , liebste Gerold , es hat einen kleinen Wortwechsel mit Seiner Hoheit gegeben . « Das junge Mädchen sah fragend in das Gesicht der Hofdame . » Unter uns , liebste Gerold « , flüsterte diese , » Hoheit wünschten , daß der Herzog heute nachmittag den Tee bei ihr nehme , und er lehnte es rundweg und mit einer Kürze ab , die fast unfreundlich genannt werden kann . › Wir wollen musizieren ‹ , sagte Ihre Hoheit schüchtern , › und ich glaubte , mein Freund , du habest dich gerade im letzten Winter sehr für Gesang interessiert ? Ich meine , du hast die kleinen musikalischen Abende bei Mama niemals versäumt ? ‹ Seine Hoheit antwortete darauf : › Ja , ja , gewiß , meine Teure , aber augenblicklich – ich habe Palmer zu einem Vortrag befohlen , und da das Wetter besser geworden ist , so will ich mit Meerfeld auf den Anstand heute abend . ‹ « Klaudine drehte ihr Notenheft in den Händen ; sie war rot geworden und unendlich peinlich berührt durch diesen Bericht . » Wollen Sie mich Ihrer Hoheit melden ? « fragte sie . » Sogleich , liebstes Geroldchen , lassen Sie mich Ihnen nur noch erzählen . Die Herzogin wandte ihm den Rücken und sagte ganz leise : › Du willst nicht , Adalbert ! ‹ Und dann ist er ohne Antwort fortgegangen , und sie ist zu tausend Tränen aufgelegt . « Die fürstliche Frau saß an ihrem Schreibtisch , als Klaudine eintrat , und streckte ihr die Hand entgegen . » Es ist , als ob der Sonnenstrahl , der eben da draußen aufleuchtet , mit Ihnen in mein Zimmer geflogen käme , beste Klaudine « , sprach sie liebenswürdig mit ihrer matten klanglosen Stimme . » Sie glauben nicht , wie einsam man sich bisweilen fühlen kann unter Menschen , selbst unter denjenigen , die uns alles sein sollen . Ich habe vorhin in beängstigender Unruhe mein Tagebuch geholt und darin geblättert , da ist mir leichter geworden . Ich habe doch schon viel , sehr viel Glück erlebt , das tröstet mich und macht mich dankbar . Nehmen Sie Platz . Sind das die Lieder , von denen ich sprach ? « Sie ergriff die Noten und blätterte darin . » Ah , richtig – Liebestreue ! Sie sollen es mir nachher singen , liebstes Fräulein von Gerold , jetzt möchte ich bitten , eine kurze Spazierfahrt mit mir zu machen , ich sehne mich unaussprechlich nach frischer Luft . « Als die Damen nach einer Stunde zurückkehrten , nahmen sie den Tee , und dann trat Klaudine an den Flügel . Ihre schöne weiche Altstimme schwebte durch den leicht dämmerigen Raum . Sie sang mit einer traurigen Lust . Der kostbare Flügel stand merkwürdigerweise in dem nämlichen Zimmer , an der nämlichen Stelle , wo einst ihr Instrument gestanden hatte . Das volle süße Glück ihrer Jugend ward lebendig in dieser Umgehung , sie wußte nicht