klappernden Holzpantoffeln : » Hurra ! Schinners Karline ! Nu hebben wi all wunnen , nu kann dat Vaderland ruhig sin , nu riten de Franzosen ut – Hurra – Schinners Karline ! « Hinter dem letzten Wagen der Truppe fuhr der Kantinenwirt , der sein Regiment nicht verlassen wollte , in einem Planwägelchen ; zwei muntere Pferdchen , die keine Ahnung haben von den Gefahren , denen sie entgegengehen , zügelt er vom Bocke aus , und neben Herrn August Neumann thront im drallen Kattunspenzer , das rote Haar sittsam unter einem blauen Kopftuch versteckt , das ihre Stirn beschattet , Schinders Karlinchen als Marketenderin . Ohne mit der Wimper zu zucken , sitzt sie neben August um » mitzumachen « und achtet des Spottens nicht . » Adjes , Karlinchen ! « scholl es , » lat di nich dodtscheiten ! « » Ach , wat hängen sall , versupt nich ! « So tönte es ihr nach . Sie ist nicht wiedergekommen . Bei Sedan traf eine französische Kugel sie , als sie einen unserer Braven , einen Schwerverwundeten , aus dem Bereiche der Geschosse tragen wollte . Es fand sich ein Testament von ihr vor . Sie vermachte bare 161 dreihundert Taler und ihr Häuschen der uralten Mutter des Breidling , die im Armenhause lebte und die letzten drei Jahre ihres Lebens dazu benutzt hatte , Schinders Karlinchen täglich zu verfluchen als Ursache von ihres Sohnes Verderbnis . Hiernach wurde sie still und verzehrte einen Taler nach dem andern von ihrer Erbschaft , und als noch zehn davon übrig waren , starb sie . Schinders Karlinchen erwarb sich mit ihrem Heldentode noch die gute Meinung der Leute . » Courage hatt se doch , « sagten sie – Ein ungleich friedlicheres Original war Blandine . Ein dürres , kleines altes Weibchen mit einem Gesicht , das aus lauter Lächeln gemacht war und Hunderte von Fältchen um die gutmütigen Augen hatte . Sie trug gewöhnlich ein Kleid von blau und braun geblümtem Wollstoff , nach Großmutterart mit kurzer Taille und mächtigen Puffärmeln : auf dem Haupte eine braune Perücke mit glattem Scheitel , die über den Ohren in breite viersträhnige Flechten überging , welche am Hinterkopf mit einem riesigen Schildpattkamm zu kunstvollem Kauz aufgesteckt waren . Die Stirn schmückte ein schmales seidenes Band , das gerade über der Nase ein goldenes Schildchen hielt , auf dem das Wort » Mutterliebe « eingraviert stand . Eine Haube , wie sie sonst ältere Personen tragen , verschmähte dieses wunderliche sechsundsiebzigjährige Frauenzimmer . Dafür aber trug sie ein schwarzes Taffetschürzchen , weiße Strümpfe , kleine schwarze Schuhe mit kreuzweise gebundenen Bändern und auf der Straße einen Hut aus grüner Seide und ein altmodisches faltiges Mäntelchen , das im Sommer einem Umschlagetuch wich . In einer abgelegenen Straße , dicht an der Stadtmauer , lag das » Weingartenspittel « , eine Heimstätte für alte Frauen , die im Kampfe des Lebens müde und mürbe geworden . Über dem Eingang des großen zweistöckigen Gebäudes war eine Weintraube in Stein gemeißelt . Im ehemaligen Wallgraben hinter dem Hause befand sich der wunderhübsche Garten mit köstlichen Johannis- und Stachelbeerbüschen und weißblühendem Flieder . Die alten Weiblein zogen ihre Küchenkräuter dort und saßen in altmodischen grün 162 umlaubten Gartenhäuschen während der heißen Sommernachmittage , strickend und nickend . Er hatte etwas Wehmütiges , dieser Garten , in dem die Zentifolien so üppig blühten und die Greisinnen durch ihren Anblick sinnen machten im Andenken an ihre Tage der Rosen , die so weit , weit lagen . Eine Stimmung schwebte über dem ganzen Anwesen wie Abendrot , dem die Schatten der Nacht bereits folgen , Feierabendstimmung , müder , wohliger Friede . Im Hause war es kühl zur Sommerszeit und warm im Winter . Die alten Frauen hatten es gar gemütlich in ihren kleinen Zimmerchen , deren jede zwei besaß , einen Wohn- und einen Schlafraum . Eine jede hatte ferner einen erhöhten Fensterplatz , auf dem sie strickend oder spinnend saß und zwischen den Asklepiablättern hindurch auf die Straße sehen konnte . Eine jede hatte ein paar verblichene Bilder an der Wand und im Schrank ein Kästchen mit 163 Erinnerungen , aber so viele Raritäten wie Blandine besaß keine . In meinen Backfischjahren war ich wie toll darauf , Mutter Schumann zu besuchen . Möglich , daß ich ihr lästig gefallen bin mit meiner Neugier , gezeigt hat sie es mir nie . Sie herzte und streichelte mich mit den welken Händen und war stets bereit , mir Auskunft zu geben , wenn ich , im Zimmer umhergehend , alles betrachtend , sie um etwas fragte , das mir just auffiel . Blandine , so romantisch hieß sie wirklich , trug den gewählten Namen mit Recht . Sie war die Tochter des Schloßkastellans von S. , der Residenz eines unweit meiner Vaterstadt gelegenen kleinen Fürstenhauses , und in dem alten spukhaften Bergschloß , in welchem noch aller Überschwang , die ganze Sentimentalität der Sturm- und Drangperiode webte , wuchs sie auf . Die schöngeistige alte Fürstin , die ebenso schöngeistigen Hofdamen hatte Blandine zwar immer nur von fern erblickt , aber sie hatte , gleich ihnen , an den Liebestempeln und Freundschaftsurnen im Park geseufzt und sich mit hinsterbender Romantik förmlich vollgesogen . Als dann der Leihbibliothekar Schumann aus O – burg ihren Vater besuchte , der ein Vetter von diesem war , lernte er Blandine kennen und war angenehm überrascht , eine Demoiselle in ihr zu finden , welche die ganze Literatur jener Zeit kannte und eventuell auch zitieren konnte . Rasch entschlossen hielt er bei dem Vater um das junge Mädchen an , obgleich er zwanzig Jahre mehr zählte als sie und obenein Witwer war . Blandine hatte einen andern vom Schicksal erwartet . Ihre Fassungslosigkeit bewies wenigstens , daß er ihrem Ideal nicht entsprach , aber da das Schicksal ihr bis jetzt nicht einmal von ferne einen andern gezeigt hatte , dachte sie an die vielen schönen Bücher , in deren Mitte