gewöhnt hatte , seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen , oder vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte . » Je comprends . « Und er gab dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre , zunächst in den Neuen Garten zu fahren . In dem Neuen Garten war es wie tot , und eine dunkle , melancholische Zypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen . Endlich lenkte man nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein , dessen einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten . In dem Gitterwerke der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne . Frau von Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid und fühlte sich dem Zauber derselben erst wieder entrissen , als der Wagen aus dem Uferweg abermals in den großen Mittelgang einbog und gleich danach vor einem aus Backstein aufgeführten , im übrigen aber mit Gold und Marmor reich geschmückten Hause hielt . » Wem gehört es ? « » Dem König . « » Und wie heißt es ? « » Das Marmorpalais . « » Ah , das Marmorpalais . Das ist also das Palais ... « » Zu dienen , gnädige Frau . Das ist das Palais , in dem weiland Seine Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag . Und steht auch noch alles ebenso , wie ' s damals gestanden hat . Ich kenne das Zimmer ganz genau , wo der gute gnädige Herr immer › den Lebensgas ‹ trank , den ihm der Geheimrat Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase . Wollen die gnädige Frau das Zimmer sehn ? Es ist freilich schon spät . Aber ich kenne den Kammerdiener , und er tut es , denk ich , auf meine Empfehl ... versteht sich ... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer , worin sich eine Figur von der Frau Rietz oder , wie manche sagen , von der Mamsell Encken oder der Gräfin Lichtenau befindet , das heißt , nur eine kleine Figur , so bloß bis an die Hüften oder noch weniger . « Frau von Carayon dankte . Sie war bei dem Gange , der ihr für morgen bevorstand , nicht in der Laune , das Allerheiligste der Rietz oder auch nur ihre Porträtbüste kennenlernen zu wollen . Sie sprach also den Wunsch aus , immer weiter in den Park hineinzufahren , und ließ erst umkehren , als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den Abend ankündigte . Wirklich , es schlug neun , als man auf der Rückfahrt an der Garnisonkirche vorüberkam , und ehe noch das Glockenspiel seinen Choral ausgespielt hatte , hielt der Wagen wieder vor dem » Einsiedler « . Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Mut zurückgegeben . Dazu kam eine wohltuende Müdigkeit , und sie schlief besser als seit lange . Selbst was sie träumte , war hell und licht . Am andern Morgen erschien , wie verabredet , ihre nun wieder ausgeruhte Berliner Equipage vor dem Hotel ; da sie jedoch allen Grund hatte , der Kenntnis und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen , engagierte sie , wie zur Aushilfe , denselben Lohndiener wieder , der sich gestern , aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet , so vorzüglich bewährt hatte . Das gelang ihm denn auch heute wieder . Er wußte von jedem Dorf und Lustschloß , an dem man vorüberkam , zu berichten , am meisten von Marquardt , aus dessen Parke , zu wenigstens vorübergehendem Interesse der Frau von Carayon , jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte , darin unter Zutun und Anleitung des Generals von Bischofswerder dem » dicken Könige « ( wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne weiteres ausdrückte ) die Geister erschienen waren . Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die Wublitz , einen von Mummeln überblühten Havelarm , zu passieren , dann folgten Äcker und Wiesengründe , die hoch in Gras und Blumen standen , und ehe noch die Mittagsstunde heran war , war ein Brückensteg und alsbald auch ein offenstehendes Gittertor erreicht , das den Paretzer Parkeingang bildete . Frau von Carayon , die sich ganz als Bittstellerin empfand , ließ in dem ihr eigenen , feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus , um den Rest des Weges zu Fuß zu machen . Es war nur eine kleine , sonnenbeschienene Strecke noch , aber gerade das Sonnenlicht war ihr peinlich , und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin , um nicht vor der Zeit gesehen zu werden . Endlich indes war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und schritt sie tapfer hinauf . Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Teil ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben . » Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen « , wandte sie sich an einen im Vestibül anwesenden Lakaien , der sich gleich beim Eintritt der schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte . » Wen hab ich dem Herrn General zu melden ? « » Frau von Carayon . « Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück : » Der Herr General lasse bitten , in das Vorzimmer einzutreten . « Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten . General von Köckritz , von dem die Sage ging , daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen Rubber Whist habe , trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen , entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster Handbewegung , Platz zu nehmen . Sein ganzes Wesen hatte so sehr den Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden , daß die Frage nach seiner Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete . Namentlich für solche , die wie Frau von Carayon