sein , alle drei ! Die Gefürchtete war wie das Silberwölkchen droben am Himmel , das ein kräftiger Ost jeden Augenblick auflösen konnte . Selbst die rasche Fahrt hatte ihre farblosen Wangen nur ein ganz klein wenig zu röten vermocht . Sie wäre eine ihrer Märchenpuppen gewesen , wenn sich nicht allmählich in den Augen ein Lebensfunke entzündet hätte . » O , der Lindenbaum ! « - » Und dort die Schwalben ! « - » Wie das Wasser schwatzt ! « - » Wie die Rosen blühen ! « - hatte sie zwischen langen Pausen mit immer hellerer Stimme ausgerufen . Ganz zuletzt hatte sie Konrads Arm leise berührt und ihm , als wär ' s ein großes Geheimnis , mit einem verirrten Lächeln um die Mundwinkel zugeflüstert : » Seit zehn Jahren war ich immer in Berlin , immer ! « Gerührt schloß die Gräfin das blasse Mädchen in ihre Arme , auch der letzten , leisen Besorgnis enthoben . Das war keine , die auszog , Herzen zu brechen , ihr eigenes vielmehr mochte wohl schon gebrochen sein . Es kamen jene stillen Sommertage , erfüllt von weicher , warmer Luft , die sich nur wie ein leises Atmen der Erde sanft bewegt , überwölbt vom immer gleichen milden Blau des reinen Himmels . Das ferne Dengeln der Sensen , das Plätschern des Bachs , Bienengesumm , Grillengezirp , Waldesrauschen und verhallendes Vogelgezwitscher vereinigten sich , von den Wellen der klaren Luft getragen , zu einem einzigen Schlummerlied der Seele , und am Abend fielen im Chor die tiefen Stimmen der Unken und der Frösche wie Orgelbegleitung ein . Das ist die große Feierzeit des Jahres ; die Zeit , die selbst auf harte Gesichter einen Zug von Frommsein malt . Auch über Else kam das Wunder . Die Sonne malte das krankhafte Weiß ihrer Haut mit durchglutetem Braun , die Luft wischte die schweren salzigen Tropfen aus ihren Augen , und der Gesang der Natur lullte die Stürme des Herzens ein . Sie ging umher wie der lebendige Geist dieser Tage , hell und still . Einem jeden wurde warm ums Herz , der sie in ihrem schlichten Kleide durch Hof und Garten wandeln sah . Es hielt sie nie lange im Zimmer . Noch ehe die Mägde am Morgen mit den klappernden Milcheimern zu den Ställen gingen , war sie schon auf weichen Sohlen leise hinausgeschlüpft . Und noch ehe die Gräfin , die nach Art alter Leute keinen langen Schlaf hatte , ihr Wohnzimmer betrat , war sie wieder heimgekehrt und hatte die schlanken , vielfarbig schimmernden venetianischen Gläser auf den Tischen mit blauen Glockenblumen gefüllt . Selbst in die nüchternen Stuben der Tanten mit den gescheuerten Böden und stets blank polierten , stäubchenlosen gelben Holzmöbeln wagte sie sich hinein und gab ihnen mit ein paar Sträußchen von Heckenrosen ein frohes Gesicht . Hilde , die dem neuen Gast zunächst keine Beachtung geschenkt hatte , erwachte allmählich aus ihrer Lethargie . Sie fühlte die Woge voll Wohlwollen , die der Fremden entgegenkam . Und sie fing an , ihr nachzugehen , sie zu imitieren . Es kamen Morgenstunden , in denen Hildens Stimme im Wechselgespräch mit der ihren zu den offenen Fenstern der noch Schlummernden emporklang . Die Weißstickerei ruhte verstaubt im Körbchen . Die enge , dumpfe Welt , um die ihre kleinen Gedanken , wie kaum flügge Vögel um das Nest , ängstlich geflattert hatten , erweiterte sich . Gab es wirklich für ein Mädchen , das auf den Mann wartete , etwas anderes zu tun , als still bei der Handarbeit zu sitzen ? Sie horchte auf , wenn Else erzählte , und das einzige , für das sie bisher ein wenig Interesse gezeigt , eine gewisse spielerische Tätigkeit entfaltet hatte , der Garten , erschien ihr sogar im Lichte einer ernsten Arbeit . Aber auch allerlei Lustiges gab es zu tun , das freundliche Worte und Blicke eintrug : im Walde Erdbeeren pflücken , die mittags überraschend im weißen Weine dufteten ; im Garten die sich erschließenden Knospen von den verwelkenden Nachbarinnen befreien , und zuweilen heimlich , ganz früh , wenn es niemand sah , in das Knopfloch des Rocks , der vor Konrads Türe hing , die allerschönste stecken . Zuerst hatte er sich wohl verwundert , wenn er sie sah , hatte sie sogar ärgerlich beiseite geworfen , da sie von Else nicht kommen konnte , die sich kaum um ihn kümmerte . Dann aber kam auch über ihn eine so seltsam weiche Stimmung , die ihm gebot , niemandem weh zu tun , und er ließ sich den Morgengruß gefallen , mit der Geberin harmlos darüber scherzend . Er bemerkte nicht , wie ihre fahlen Blauaugen dabei aufleuchteten , wie sie sich bemühte , durch allerlei kleine Aufmerksamkeiten , die sie Elsen ablauschte , noch mehr Beachtung zu finden . Wenn Konrad von Ritten und Wanderungen heimkam , fehlte ihm das Gefühl , das ihn sonst in Gedanken an den Kreis um den Teetisch , an die Tanten , die Fledermäuse , die dem Himmel die Sonne nicht gönnten , beschlichen hatte . Jetzt , das wußte er , schwebte siegreich über ihrem bösesten Stirnerunzeln , ihrem bittersten Mundverziehen das frohe Gespräch der anderen . Einmal aber fauchte in die Nachmittagsstille wie Gewittersturm der überraschende Besuch der Baronin Rothausen . Die Baronessen und die Frau Gräfin wolle sie sprechen , sagte sie mit röchelndem Atem dem Diener , der sie melden wollte . Von der Terrasse herein kamen die drei mit erstaunten Gesichtern . » Ich will mein Kind , mein armes mißleitetes Kind , « rief sie ihnen entgegen , so daß Konrad , Else und Hilde es draußen hören konnten . » Das muß ja eine merkwürdige Dame sein , Frau Gräfin , die Sie meiner Tochter zur Gesellschaft so dringend empfohlen haben ! Macht das Kind aufsässig , läßt sie aller Würde vergessen , die sie ihrer Geburt schuldig ist . «