niemand achtete auf seinen Einwand , so gespannt lauschten sie alle auf des alten Yang hungs sonderbare Erzählung . Mit Ausnahme von Wang pao schienen die heidnischen Zuhörer alle völlig von der Wahrheit seiner Worte überzeugt , und auf ihre Art glaubten auch die Christen daran , sie erinnerten sich der Geschichten von den Besessenen in der Bibel und bekreuzigten sich rasch im Gedanken an diese neuesten Offenbarungen des Teufels . Yang hung aber fuhr fort : » Wir werden es vielleicht alle bald selbst sehen können , denn sie sollen gar nicht mehr so weit von Peking sein . Sie ziehen in ungeheuren Horden heran , und Scharen junger Knaben eilen ihnen voran . Aber das sind eigentlich gar keine wirklichen Knaben , sondern Geister , die diese Gestalt angenommen haben . Und sie tragen Flaggen mit der Aufschrift : » Geister und Fäuste helfen sich . « Der alte halb blinde Großonkel Lin te i nickte beifällig , und sein runzliges Gesicht glich dabei der verhuzelten Haut einer zusammengeschrumpften getrockneten Feige . Mit zitternder Stimme sagte er : » Ganz Aehnliches wird in den Annalen der Han-Dynastie von den gelben Turban-Insurgenten erzählt , die auch unter dem besonderen Schutz des sagenhaften Nephritkaisers Yü Huang standen , und seitdem sind immer wieder solche geheime Gesellschaften erstanden . - Vor vielen Jahren , als ich noch jung war , gab es in Schensi eine Sekte , die genau dieselben Wunder vollbrachte . Aber damals kam es zu nichts Entscheidendem . - Nun , ich freue mich , das Kommen dieser wackeren Großmessermänner noch zu erleben ! Möchte es ihnen doch endlich gelingen , die fremden Teufel endgültig zu vertreiben . Verdient haben sie es reichlich ; sie haben Stücke unseres Landes genommen und machen sich bei uns breit , als seien sie Herren im Hause . Das wäre wahrlich ein großer Tag , wo wir von ihrem Fleische essen und auf ihren Häuten schlafen könnten . « Niemand widersprach ihm , nicht einmal der bei den Fremden bedienstete Kuang yin , und Tschun schwieg , wie es seiner Jugend ziemte . Nur Wang pao erwiderte : » Das ist alles ganz gut und schön , aber auf jeden Fall würden dabei auch viele von uns selbst mit umkommen , und viel guter chinesischer Besitz ginge zugrunde . « » Das mag sein , « sagte Lin te i gleichmütig , » aber damit muß man sich abfinden . Der Weise sagt : wenn aus dem Berge Kun Lun Feuer sprüht , wird kostbarer Nephrit mit wertlosem Gestein zugleich vernichtet . « Plötzlich sprach man dann auch in den Gesandtschaften von den nahenden Großmessermännern . Man nannte sie » Boxer « . Niemand wußte recht , woher diese Bezeichnung zuerst gekommen , ob sie von einer früheren Geheimgesellschaft stamme , die sich Pflaumenblütenfäuste nannte , auf gymnastische Uebungen anspiele oder von dem Faust bedeutenden Schriftzeichen herrühre , das in ihrem chinesischen Namen vorkam . Aber sie klang komisch . Und die ganze Sekte mit ihrem Aberglauben der Unverwundbarkeit hatte ja auch etwas sehr Komisches . Einstweilen lachte man noch über sie , wenn man auch gleichzeitig vor dem offiziellen China sehr entrüstet tat über alle Greuel , die diese merkwürdigen Boxer auf ihrem Zuge verübt haben sollten . Man hörte von Haufen , die dicht vor Peking ständen und Fahnen trügen , auf denen » Schutz dem Kaiserreich , Tod den Fremden « zu lesen war , aber man empfand das weit mehr als eine Frechheit denn als wirkliche Gefahr . An die Möglichkeit gar einer ernsten Bedrohung in Peking selbst glaubte vorläufig kein Mensch , und wem solch Gedanke jemals durch den Sinn ging , der verscheuchte ihn alsobald . Niemand wollte der erste sein , der Angst gehabt . Und die jungen Herren , die das ständige Gefolge der Taitai bildeten , beteuerten ihr alle einzeln , halb lachend und doch mit einem gewissen Enthusiasmus , sie könnten sich gar nichts Schöneres denken , als zu ihrem Schutz mit allen Boxern und deren übernatürlichen Helfern kämpfen zu dürfen , und sie sehnten diesen Augenblick förmlich herbei . Aber die Taitai sollte solches Schutzes gar nicht bedürfen , denn der Ta-jen erhielt ein Telegramm , das ihm nun wirklich seine Versetzung auf den so begehrten Posten ankündigte und ihm gleichzeitig anbefahl , sich möglichst rasch an seinen neuen Bestimmungsort zu begeben . Sobald die Nachricht bekannt geworden , kamen alle Mitglieder der Gesandtschaft , dem Ta-jen und der Taitai zu gratulieren , denn es war ja eine sehr ehrenvolle Ernennung , und auch die anderen Fremden erschienen , ihnen zu der Auszeichnung Glück zu wünschen . Aber Tschun fand , daß manche dabei recht süß-saure Gesichter machten . An der Aufrichtigkeit der Gefühle der jungen Herren dagegen , besonders aber des hübschen weißen , konnte niemand zweifeln . Sie gebärdeten sich alle ganz untröstlich , und jeder wollte in dieser letzten Zeit noch möglichst viel mit der Taitai zusammen sein , mit ihr ausreiten oder ihr bei Kommissionen in den Antiquarläden helfen oder für sie noch rasch photographische Aufnahmen machen . Nur der böse Herr , den die Taitai immer weniger beachtet hatte , stand mürrisch dabei . Es ging nun an ein großes Packen . Tischler machten Kisten , in denen die Möbel verschwanden . Madame Angèle faltete mit kummervollem Gesicht Berge von chinesischen Seiden und Stickereien . Und die Boys wickelten von früh bis spät all die vielen Porzellane , Bronzen , Elfenbeinund Nephritnippes ein , die der Ta-jen und die Taitai in Peking gesammelt hatten und zu denen sie in aller Eile noch immer mehr hinzukauften . Die chinesischen Kuriositäten schienen das einzige zu sein , was sie jetzt noch an China interessierte , mit all ihren Gedanken lebten sie offenbar schon ganz auf der langen Reise und an dem neuen Posten . Während Tschun sie so von Orten und Dingen reden hörte , die ihm fremder wie der Mond , weil nie gesehen , waren ,