und sollten mit schweigendem Betteln die Straße sperren vor einem geistlichen Fürsten , der da geritten kam . 6 Vor dreizehn Tagen war Herr Konrad Otmar Scherchofer , Propst von St. Zeno zu Reichenhall , mit Gefolge nach Salzburg geritten , um einer Provinzialsynode beizuwohnen , die ein Heilsames wider das grassierende Konkubinat der Kleriker und wider das ketzerische Unwesen des freien Geistes beschließen sollte . In zehn Sitzungen hatten die zu Salzburg versammelten geistlichen Fürsten , Kanoniker und Doktoren zahlreiche Kirchengesetze beschlossen und verkündet . Und es gab doch der Kirchengesetze bereits so viele , daß auch der gewissenhafteste Christ nicht mehr imstande war , sie alle zu kennen und zu befolgen . Da konnte kein Tag vergehen , ohne daß nicht jeder Mensch , ob Kleriker oder Laie , ahnungslos durch irgendein Wort oder irgendeine Tat in die Exkommunikation oder in eine andre schwere Kirchenstrafe verfiel . Es war unmöglich , alle zu bestrafen , die sich versündigten . So wurden die vielen und strengen Gesetze lächerlich , die Übertretung bekam Humor . Diese Wahrheit hatte Herr Konrad Ottmar Scherchofer , der als Priester auch kluger Weltmann war , auf der Synode zu Salzburg ausgesprochen . Er hatte gesagt : » Wird ein Mensch ermordet , so ist das ein übles und trauriges Ding , das allen Rechtschaffenen Schmerz bereitet und ihren strafenden Zorn erregt . Werden zehntausend erschlagen , erstochen , gehenkt , geviertelt , gerädert und verbrannt , so verwandelt die widersinnige commulatio den Menschenmord zu einem grinsenden Schembartspiel der irdischen Torheit , das auch den ernstesten der Menschen lachen macht . Exemplum trahit . Ein Gesetz ist heilsam , tausend Gesetze werden zu einer Fäulnis , zu einem Brunnengift des Lebens . Gott , in Güte und Nachsicht , hat der Menschenseele , die von des Teufels schmutzigem Boden zu reinlicher Höhe möchte , tausend Wege und immer noch einen gegeben . Versperrt ihr sie alle bis auf einen , so wird die suchende Menschenseele einem hungernden Esel gleichen , der zwischen tausend vernagelten Gotteskrippen die eine nimmer findet , wo er nach eurem Willen fressen soll . Der Esel sind unzählbar viele . Sie haben nicht Platz vor einer Krippe . Sie müssen zupfen dürfen , wo Gott ein Gräslein oder eine Distel wachsen ließ . « Wie der berittene Hofmann auf der Ramsauer Straße brüllte : » Willst du meinen Herren verschimpfen ? « - so hatte im Salzburger Synodensaal ein Erzürnter geschrien : » Willst du uns Esel heißen ? « Herr Konrad Scherchofer hatte lächelnd erwidert : » Ich darf auch andere heißen , was ich mich selber heiße . Vermute ich auch , daß ich unwürdiger bin als ihr seid , so glaub ich doch , kein schlechter Mensch zu sein . Ich bin als Mensch so gut , wie es die andern mir zu sein gestatten . Und diese andern sind , wie ich bin und wie ihr seid : vor allem schwach von Gedächtnis . Es ist in mir nur noch ein blasses Erinnern an die Gesetze , die wir gestern und ehegestern verkündet haben . Und heute zur Nacht , in einer schlaflosen Stunde , begann ich nachzurechnen , wie oft ich als abschreckend schlechter Christ und als leidlich guter Mensch in den hundertachtzig Tagen dieses halb erfüllten Jahres schon dem Kirchenbann und eurer Hölle verfallen mußte . Lasset mich die kummervolle Zahl verschweigen , die ich gefunden . Als ich beim Rechnen an die zwanzig Mal mit meinen Fingern zu Ende war , da hatte ich verdammenswerter Sünder die Vision eines Heiligen und sah , wie Gott in seiner reinen Himmelsglorie heiter lächelte . Ihr , meine würdigen Brüder in diesem geweihten Saale , lasset einen Trompeter kommen und heißt ihn hinausblasen zum Fenster , bis da drunten die guten Menschen zusammenlaufen nach Tausenden . Dann leeret einen Karren Sand zum Fenster hinaus , indessen ein kräftiges Lüftlein bläst . Und jedes verwehte Sandkorn wird einen Menschen treffen , der zu Bann und Hölle verdammt ist nach irgendeinem von euren vielen Gesetzen . Und zahllose Sandkörner werden es sein , die der Wind zurückbläst in diesen Saal . Meine würdigen Brüder ! Wir sollten uns versammeln , um Gesetze zu streichen , nicht um neue zu ersinnen . « Solche und andre Worte , die er lächelnd sprach , hatten ihm eine Antwort eingetragen , die ihn bei seiner Klugheit beredete , von der Salzburger Provinzialsynode im schützenden Grau des Morgens davonzureiten , bevor sie nach Sonnenaufgang mit festlichem Tedeum beschlossen wurde . Der vorsichtige Propst zu Reichenhall hatte von den drei Straßen , die ihm für die Heimkehr zu Gebote standen , die beste , fast völlig ebene über Wals und Marzoll aus dem Grunde vermieden , weil sie zu lange auf Salzburger Boden blieb . Er war auch nicht die Straße geritten , die durch die Höfe des Berchtesgadnischen Stiftes zum Hallturm und zum Grenzpfahl mit dem Wappen des heiligen Zeno führte . Er wäre da ohne eine aus Gründen der Courtoisie unerläßliche Visite nicht durchgekommen . Aber mit Herrn Peter Pienzenauer , der von der Synode ferngeblieben war , sprach sich Herr Otmar nicht gut um verschiedener Dinge willen , die seit Jahren an den Grenzen zwischen Berchtesgaden und Reichenhall ein chronisches Leiden waren . So hatte er als empfehlenswertesten Weg die schlechte Karrenstraße gewählt , die unterhalb des Stiftsberges von Berchtesgaden durch hüllende Wäldchen führte und nach beträchtlichem Umweg wieder einlenkte auf die Straße zum Tal der Ramsau . Und just diese dritte , durch Klugheit und Vorsicht anempfohlene Straße sollte sich als ein übler , folgenschwerer Weg erweisen . Und so kam nun Herr Konrad Otmar Scherchofer durch die Ramsau , in der eine Not des Lebens mit hundert Stimmen brüllte . Daß dabei vier stillgewordene Stimmen schon ausgeschieden waren , das machte in dieser Fülle der Flüche und des Jammers keinen merklichen Unterschied . Herr Otmar war nicht begleitet von hundert Reitern , nicht von sechzig , nicht von vierzig