In früheren Jahren hatte ich zwar hin und wieder ein Poem verfaßt , aber nur nach Schulfuchsen-Weise . Erst in jener feierlichen Nacht , da Waldhäuser auf seinem Altan die Flöte gespielt und an der Bahre des Knäbleins ein Gedicht gesprochen , war mir die Ahnung aufgegangen , es könne des Poeten Kunst weit mehr sein , denn Spiel und Schmuck für müßige Stunden . Des Liedes Muse hatte mich damals an eine Pforte gehoben , durch die ich den Himmel offen sahe ; nun ward ich inne , daß ich zu selbiger Pforte einen eigenen Schlüssel in mir trage . Wie Gottesdienst war mir nun der hippogryphische Flug zum Olymp . Und seltsam , während meine Träume zu Versen sich gestalteten , vernahm ich oft Musik in der Nähe , so deutlich , als singe ein Engel zur Harfe . Wehmütig süß war es mir , an die Tage zurückzudenken , die ich in Schlesien und dann zu Prag verlebt . Als eine sanfte Blume schwebte vor mir Elfriedens blasses Gesicht , und meine Liebe zu ihr ward um so zarter und geistiger , je mehr ich in Sicsatis das Hexlein Schlangenglatt erkannte , das die Sinne bezaubert , Eitelkeit und Untreue im Busen . Für Elfrieden errichtete ich in meinem Herzen einen Altar und schmückete ihn mit den Blüten meiner Phantasei . Den ganz flüchtigen Verkehr mit der Patientin in Warmbrunn spann ich träumend zu einem bunten Gewebe von Minneabenteuern aus , von Zusammenkünften und Gesprächen , die sich gar nicht begeben hatten . War das nun Alchymie nach Waldhäusers Lehre ? Monde waren vergangen , und ein gelbes Blatt , vom Wind in den Burghof verweht , kündete den eingetretenen Herbst . Da rasselte der Schlüssel meines Gemaches , zu einer Stunde , wo ich sonst keinen Besuch des Vogtes empfing . Schrecken durchfuhr mich , als der Dominikaner eintrat , während der Vogt an der Tür Posto faßte , den blanken Degen in der Faust , wie bei meiner Ankunft . Finster sprach der Pfaff : » Wie ich vernehme , macht Er einen schlechten Gebrauch von seiner Muße und mißachtet der Befehle , so ich Ihm zu Prag eingeschärft habe . Warum unterzieht Er sich nicht seinen alchymistischen Aufgaben ? Warum hat Er kein einzig Mal den Schmelzofen heizen lassen ? Bilde Er sich nicht ein , mit mir sein Spiel treiben zu dürfen . Daß Er es weiß : wir haben Mittel , Ihn zu kirren ; denn wie es mir freistehet , Ihm den Aufenthalt in dieser Burg angenehm zu machen , so kann ich auch Weisung geben , daß Ihm die gute Kost und die Bibliothek , der Er allzuviel Eifer widmet , entzogen wird . Ja , mehr noch : zeigt Er sich andauernd renitent , so mag Er im finstern Burgverließ logieren , und als letztes Mittel , das dem Verbrechen der Zauberei rechtens gebührt , bleibet noch die Tortur . « Meine Angst , bei dieser Rede immer mehr gesteigert , ging auf einmal in rasende Empörung über , und mit krallenden Händen wollte ich den Feind erwürgen . Doch den Degen gezückt , sprang der Vogt zwischen uns und stieß mir die Faust ins Gesicht , daß ich taumelte . Dabei kam mir die Besonnenheit wieder , ich beruhigte die keuchende Brust . Mit verächtlicher Kälte sprach der Pfaffe weiter : » Nun Antwort ! Warum hat Er das Laboratorium vernachlässigt ? « Ratlos rang ich nach Worten , bis mir eine List beifiel . Zuckte also die Achseln und sprach wegwerfend : » Was soll mir das Laboratorium , da ich doch keinen Gebrauch davon machen kann ! « Der Mönch horchte auf : » Warum denn nicht ? Hundert Alchymisten würden Ihn um dies Laboratorium beneiden . Was fehlet daran ? « - » Was daran fehlet ? Ein Gefängnis ist es ; nur in Freiheit kann der Alchymist etwas ausrichten . « » Keine Flausen ! « lautete die Antwort . Ich aber fuhr fort , mich zu verstellen : » Foltert mich ! Doch wenn ich auch in Stücke gerissen werde , bleibe ich dabei : Wohl habe ich beim Schmirsel jenes Stücklein Gold hergestellt , so in Eure Hände gelangt ist . Es mag auch sein , daß mir die Goldbereitung das eine Mal wirklich gelungen ist , obschon Herr Waldhäuser meint , das gewonnene Gold sei schon zuvor in den vermischten Stoffen gewesen , ich habe es nur nicht gewußt . Angenommen , ich habe in Wahrheit Gold bereitet , so bin ich damals durch einen Zufall begünstigt worden . Den aber hat die launische Fortuna nie wiederkehren lassen , wiewohl ich mich abgemüht , die gleichen Stoffe und Verhältnisse von neuem zustande zu bringen . Ich könnte Euch ja nun freilich mit leeren Hoffnungen eine Weile am Narrenseil herumführen ... « - » Wehe ihm ! « dräuete der Pfaff . - » Eben darum ! « fuhr ich fort : » ich will Euch nicht hinhalten , sondern beizeiten über die Schwierigkeit informieren . Wohlan , lasset mich eine Stelle zitieren aus der Schrift : Mysterium chymicum . « Ich holte das Buch , blätterte und las : » Von Paracelso sagt sein Schüler Basilius , er habe mit Hilfe der Mondblume ein rosenfarben Öl gewonnen und damit Silber tingiert , so daß es gutes Gold worden . « Da ich nun schweigend den Pfaffen ansahe , zuckte er hochmütig mit dem Kopfe : » Was soll mir das Zitat ? Ähnliche Stellen , so auf Geschwätz und Aberglauben zurückgehen , sind häufig in Goldmacherschriften . « Ich nahm mich zusammen , daß ich im Tone der Überzeugung erwiderte : » Mit dieser Stelle hat es eine eigene Bewandtnis . Bedenket , daß ich kurz vor meiner Prager Goldbereitung aus einem Gemisch von Kräutern , die mir meistens unbekannt , einen Absud gekocht habe , und daß hiervon ein Rest in jenem Glase verblieben ist , das nach Aufnahme der