nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land , das ihr erbeigen war , er nannte auch den Fürsten , dessen plötzlicher Tod vor mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte , er nannte die Fürstin , die , von hocherlauchter Abkunft , in selbsterwählter Einsamkeit ein unfaßbares Geschick betrauerte ; er nannte diejenigen , die so über Leichen hinweg zum Thron geschritten , und neben dem Bild eines schwachen , doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf , voll von dämonischem Wesen , der regierende Wille über dem grausen Geschehen . Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen Hinweisen des Präsidenten . Denn er kannte die höfische Welt , in der Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt ; er hatte ihre Luft geatmet , er hatte von ihren Tischen gespeist , von ihrem Gift genossen , den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und Verfolgung belohnt worden ; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer , er kannte sie , denen die Geschichte nichts bedeutet als eine Stammbaumchronik , Religion eine Priesterlitanei , Philosophie einen fluchwürdigen Jakobinismus , Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und Protokollen , der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe , Menschenrechte ein Pfänderspiel , der Monarch ein Schild ihrer eignen Größe , das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen aberwitziger Toren . Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen Worten hervor , erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist . Er wollte seiner selbst nicht gedenken , doch die Worte entschleierten seinen Gram , wenn auch nicht für das Auge des Königs , der nur zu lesen brauchte , was geschrieben stand . Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt , damit sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate , und der Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung , auf einen Bescheid , auf irgendein Zeichen . Da kam die Kunde von dem Mordanfall auf Caspar . Feuerbach reiste nach Nürnberg ; seine eignen Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei . Am zehnten Tag seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen Privatkanzlei , worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war , das aber in allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte ; man werde prüfen ; man werde überlegen ; man müsse abwarten ; gewichtige Rücksichten seien zu beachten ; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme Pflichten auf ; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur Verwunderung , zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen ; doch verspreche man , ja man verspreche ; vor allem werde Schweigen empfohlen , unbedingtes Schweigen ; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach außen dringen : man erwarte über den Punkt Verständigung und Unterwerfung . Die Wirkung dieses geheimen Erlasses , mit welchem man ihm zugleich schmeichelte und drohte , der einer freundlich dargereichten Hand glich , worin der geschliffene Dolch blitzte , war um so heftiger , als der Inhalt längst geahnt und gefürchtet war . Feuerbach schäumte . Er zertrat das Sendschreiben mit den Füßen ; er rannte mit keuchender Brust , die Fäuste gegen die Schläfen gedrückt , eine ganze Weile im Zimmer auf und ab , dann stürzte er aufs Bett , das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn , und er erlöste sich schließlich in einem lauten , langen Gelächter voll Wut und Zorn . Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das einzige Wort : Schweigen , Schweigen , Schweigen . An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im , Gasthof gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht . Der Kellner war stets mit dem Bescheid zurückgekommen , sein Pochen sei vergeblich , der Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden . Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen . Er fand den Präsidenten in ein Aktenheft vertieft , und seine Entschuldigung wurde mit der verletzend kurzen Bitte erwidert , er möge zur Sache kommen . Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz , er wisse nicht , wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen haben könne , doch wie dem auch sei , er müsse eine derartige Behandlung zurückweisen . Da erhob sich Feuerbach und entgegnete : » Ums Himmels willen , Mann , lassen Sie das ! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort , hat einigen Grund , wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt ! « Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert . Dann erklärte er den Zweck seines Besuchs . Daß Daumer die Absicht habe , Caspar aus seinem Haus zu entfernen , sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt . Da nun der Jüngling soweit hergestellt sei , habe sich Daumer entschlossen , damit nicht hinzuwarten , sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen zu bringen , die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten . Alles dies sei genügend besprochen und man wünsche nur , den Präsidenten zu unterrichten , und bitte um seine Gutheißung . » Ja , ich weiß , daß Daumer die Geschichte satt hat « , antwortete Feuerbach verdrießlich . » Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus . Niemand hat Lust , sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen , obwohl dagegen Maßregeln ergriffen werden können , werden müssen . Von heute ab soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen ; die Stadt haftet mir für ihn . Doch warum hat Daumer solche Eile ? Und warum gibt man Caspar in die Familie Behold , warum nicht zu Herrn von Tucher oder zu Ihnen ? « » Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen , seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen , und ich