Tag mühselig vor irgend einem Modell in der Obhut Meister Teodors zu sitzen ? Oder sich Professor Soukoups Kunstabsichten zur vermeintlichen Erlösung der ganzen Menschheit anzuhören zum hundertsten und wieder hundertsten Male ? Kam er denn überhaupt noch als einer , der sich um irgend etwas draußen , um etwas Fremdes und Herzugetragenes an Kunst mühen wollte , um dann im Cafee und auf der Straße oder im engen Stubenschlitze zu lumpen und zu leben , was man so leben nennt ? War er nicht erfüllt jetzt neu von verheißenden , beglückenden Bildern ? War er nicht gekommen gerade nur , um jetzt zu versuchen mit aller Strenge , endlich ein Bild d.h. ein Abbild zu malen dessen , was sein Sinnen und Leben gewesen , und was nicht anders volle Gestalt gewann , als indem er es vor aller Leute Blicke hinschreiben würde mit ganzer leibhaftiger Allgewalt ? Fragwürdig sah er aus ? Nun gewiß . Die Stiefel waren vom Wege mehr als abgetreten . Das alles fühlte er wohl in achtloser Empfindung . Er war sehr freundwillig in den Kreis an den Rundtisch herangetreten , sanft grüßend und mit verlegener Scheu . Neue Gesichter machten ihn immer schüchtern . Obwohl ihm alle die Hand hin streckten . Auch die Fremden kannten ihn längst . Man hatte bei seinem Eintreten gleich heimlich Selles Namen herumgegeben . Alle sahen mit innerem Prüfen das eigengeartete Zigeunerwesen Einharts und sein jetzt wirklich ob all des neuen Alten einfältiges , zurückhaltendes Lächeln . Einhart war auch geradezu überwältigt . Er hatte eine unglaublich fein ausschwingende Seele . Nicht nur sehr matt hatte ihn das lange Wandern gemacht , daß er erschöpft in den Lehnstuhl sank , den man ihm instinktiv frei gemacht , gerade ein Unbekannter , der garnicht gewußt , daß Einhart dort immer zu thronen gepflegt . Einhart war durchkreuzt von Erinnerungen und garnicht fähig , etwas zu sagen . Es war also richtig eine Stille entstanden . Natürlich besann man sich allmählich und redete in dem Abgebrochenen zögernd weiter . Da hörte Einhart , wie auch der alte Geist von einst noch immer umging . Es kamen dieselben Worte aus dem Blute auf , wie ehedem . Ganz als ob in diesem engen Halbdunkel mit der dumpfen Luft , die mit Vanillensüße und Staub und Rauchgeruch geschwängert , derselbe unsichtbare Geist eingesperrt säße , jede Lippe neu zu bewegen in derselben Melodie . Und der Kampf um Topf und Teller der Kunst begann zu Einharts Staunen wie einst scharf zu werden , ohne daß die erhitzten Großsprecher je merkten , was Einhart jetzt wußte , daß noch immer der Braten vergessen oder manchem auch unversehens heruntergefallen . Einhart lachte dann nicht mehr . Er sagte nur , daß er weit her käme und zu Fuß . Die fremden Gesichter behielten ihn immer heimlich im Auge . Erst wie Grottfuß kam , in vollendeter Vornehmheit mit Gamaschen über den Stiefeln , mit einem Zylinder auf dem blonden Haupte , mit künstlicher Achtlosigkeit im Blick , gab es ein lautes Lärmen und ein freies Großtun der Freundschaft aus ihm , daß die andern stummer und stummer wurden , je mehr Grottfuß mit Einhart vertraulich redete . Grottfuß sah stets sehr geistig und fein aus , gegen Einharts alte , dunkle Verwahrlosung wirklich recht abstechend . Außerdem war Grottfuß schon mit Erfolgen tätig gewesen . Er hatte einige Bilder verkauft und wußte , daß er im Frühling sich würde an einer Wand der Ausstellung breitmachen können . Er hatte eine reiche Familie gefunden , deren eine halbreife Tochter sich in ihn verliebt hatte , die er malte und in Ton bildete . Er war ganz von oben ein sehr gewandter Mann geworden . In der Konditorei behandelte man ihn mit mehr als gewöhnlicher Achtung . Wie er hörte , daß Einhart mittellos ankäme , gab er ihm gleich ein Goldstück aus der Westentasche . Er tat kaum , als wenn er es groß bemerkte . Er erzählte dabei auch , weil sie jetzt ganz allein beieinander saßen , daß er der glücklichste Mensch von der Welt wäre . Er hätte sich mit Margit verlobt , sagte er . » Verlobt « , das klang Einhart unglaublich unbekannt . Er hatte immer nur so unbestimmt gedacht , daß seine Mutter sich einst verlobt hätte mit Herrn Geheimrat . Und daß wohl auch die Geheimratstöchter sich verloben würden . Gewissermaßen , als wenn man ein Zensurbuch da erst unterbreiten oder ein Dokument , das man abgab , vorher müßte stempeln lassen . Daß ein Künstler sich je an so etwas entzücken könnte , war ihm bisher nicht in den Sinn gekommen . Außerdem war Einhart wie ein spröder Stein noch immer zu den Feingefühlen der Liebe . Es war noch immer , wie wenn er ergriffe , ohne zu begehren . Die Dirnen liefen ihm zu . Gewöhnlich mehr amüsiert und belustigt war er , als in jäher Erregung . Das mußte sein Blut sein . Aber Grottfuß war in hellem Enthusiasmus . Margit hieß sie also . Öffentlich sollte es erst werden . Ein ganz feines , blondes Mädchen . Er brachte Photographien . Und allerlei , was er von ihr bei sich trug , zeigte er . Einen breiten Ring trug er von ihr . Er war gleich in einer sinnlosen Anpreisung all ihrer Tugenden und Schönheiten . » Du hast sie also schon einmal gemalt ? « sagte Einhart . » Natürlich , in allen Façons , « sagte Grottfuß . » Ich brauche auch ein nacktes Weib , die ich gern als Sünderin malte gegen Christus « , sagte Einhart . » Nein , bitte , Selle ! « sagte Grottfuß ganz piquiert , » bitte , werde nicht zynisch ! entweihe mir nicht meine heiligsten Gefühle ! « sagte Grottfuß mit Vollklang , der das profane Modellsitzen mit Einharts Ernst und Drange verwechselte . Einhart tat es gleich leid , daß Grottfuß gekränkt war , weil Grottfuß ihm dann auch