schon ohnehin in erregter Verfassung war durch alles vorige , so stieß er einen Schrei aus und prallte zurück , daß er fast die steile Treppe hinabgefallen wäre . Auf das Geräusch wurde die Korridortür geöffnet und Hansens Wirtsleute , später auch die Nachbarn erschienen mit Lichtern , und da zeigte sich , daß eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig Jahren auf den Stufen lag , die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen , um dort zu nächtigen , und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt war . Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße an , bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen , und starrte mit dem aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe , die der Mann in der Hand hielt ; er brüllte , er wolle die Polizei holen , und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte , das Weib aber schien nichts zu merken , sondern hockte da und sah zwinkernd mit rotgeränderten und tränenden Augen in die Lampe . Deshalb versetzte der Mann ihr wieder Fußtritte , um sie zum Aufstehen zu bewegen ; aber da empfand Hans einen wilden Schmerz im Innern und rief , er solle das lassen und die Frau menschlich behandeln . Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte , wenn er selber betrunken sei , so werde er auch so behandelt , und das noch dazu von den Schutzleuten , die doch von den Steuern lebten , die er zahle , diese Person jedoch zahle keine Steuern . Über diese Worte aber schien seine Frau sich zu ärgern , denn die rief ihm verächtlich zu , er verdiene doch nichts und bezahle auch keine Steuern , und da lachten die andern Leute . Das brachte den Mann in Wut , so daß er sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete , und die Tochter griff mit in den Streit ein , indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach wie die Mutter . Da wollte der Mann die beiden schlagen , aber indem nun die Tochter kreischend fortlief und die fette Frau , die Arme in die Seite stemmend , ihn mit wackelndem Busen erwartete , hielten ihn die Nachbarn fest und suchten ihn zu beruhigen . Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben , und weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt , so wollte sie höher steigen , sie trat aber auf ihre Lumpen , fiel halb , hielt sich mit den Händen an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe . Nun erschien ein Schutzmann , den ein andrer geholt hatte . Der packte die Betrunkene und stieß sie vor sich her die Treppe hinunter , daß sie hätte kopfüber stürzen müssen ; aber sie klammerte sich am Geländer fest und wimmerte . Hans konnte den Anblick nicht mehr ertragen , denn ihm wurde , als sei er krank , deshalb ging er in seine Stube , schloß hinter sich zu und schob den Riegel vor . So verlief der erste Tag von Hansens Studentenleben , und noch nie war er so unglücklich gewesen wie an dem Abend . Weshalb er ein so heftiges Gefühl von Jammer hatte , konnte er sich nicht klarmachen , und es war auch gut , daß er es sich nicht klarmachen konnte , denn sonst wäre er gänzlich verzweifelt . Denn dieser Tag führte den ersten und heftigsten Streich gegen seinen Glauben , und von heute an wurde ihm , Stück für Stück , Gott geraubt , denn alle diese Menschen , die er getroffen hatte , waren ohne Würde gewesen : der Lehrer , der mechanisch sein Pensum ablas , und der Kellner , der gleichmütig seine Speisen brachte , und die Wirtin , und der Musikant , und die Betrunkene endlich . Und wenn es Menschen gibt , die keine Würde haben , so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln : nicht mit dem Verstande , denn das ist alles über den Verstand , aber wir können nicht mehr den reinen Glauben und die klare , unschuldige Zuversicht haben . Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln , so können wir an keinen Gott mehr glauben , der über uns ist und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege am Sommertage eine Bedeutung bekommt , die höher ist wie die Bedeutung von Millionen Welten ; und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande , denn dieser ist noch weit mehr über allem Verstande ; aber er kommt aus unserm ganzen Menschen . Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor , daß er ein Rad sei neben andern Rädern in einem großen Räderwerk , das für sich keinen Sinn hatte , welches die allgemeine Ansicht der Menschen war , mit denen er nun zusammenkam . In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem älteren Studenten , der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel , denn er hatte seine Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklärte Hansen , wie er das unumschränkte Recht innerhalb dieser Linien habe , außer daß er seine Nachbarn zur andern Seite müsse bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen lassen , und wenn jemand Bücher oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege , so dürfe er die zurückschieben . Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim zweiten Wiedersehen näher bekannt , indem sich die beiden nach jugendlicher Art über die philosophischen Fragen unterhielten , welche die ihre Generation beschäftigenden waren ; und indem sie nicht wußten , daß das , was jeder für sich gedacht , von vielen Altersgenossen geteilt wurde , waren sie recht verwundert über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als Veranlassung zu engerem Verkehr ; und es bewirkte der Jahresunterschied gleich , daß Hans als der Nehmende erschien und Heller , denn so nannte sich der andere , als der Gebende , der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung . Dieses war das