Es ist , wie wenn man auf einer steilen Leiter hinaufklimmt , man freut sich nicht der erreichten Staffel , sondern strebt ängstlich nach der nächsten , von der man ja wieder ganz herabkollern kann . Und die dritte Frage ... « » Die nehme ich zurück - sie war indiskret . « » Das nicht , aber für Sie ohne Interesse . Ich verantworte sie dennoch : mein Herz ist nicht in Berlin . « Wieder öffnet sich die Logentür : - Minister von Wegemann Nachdem er ein paar Worte mit Sylvia getauscht , begrüßt er sehr herablassend den jungen Bresser : » Sieht man Sie wieder einmal zu Hause ? Das ist schön ... Jetzt bleiben Sie doch da ... ein guter Österreicher kann sich doch nicht immer in Preußen herumtreiben . « » Ich bin nur auf kurze Zeit hierher gekommen , Exzellenz . « » Deutschland und Österreich sind doch alliiert , « fiel Sylvia ein - » warum sprechen Sie das Wort Preußen so gehässig aus ? « » Allerdings - verbündet sind wir ; andrerseits habe ich sechsundsechzig niemals ganz verwunden , und abgesehen von allen politischen Erwägungen , denen ich ja jetzt fernstehe , ist es mein Privatgefühl , daß man sich nirgends so wohl fühlen kann , wie in unserem alten Wien , und daß ein Mensch , der nicht im Ausland leben muß , zu Hause bleiben sollte ... Wie geht ' s dem Toni , ist er nicht da ? « » Danke , es geht ihm gut . Er ist in einer Sitzung ... « » Ah ? Und was macht Rudolf ? Sagen Sie mir , Sylvia , « fügte er leiser hinzu , » könnten Sie nicht ein bißchen ihren schwesterlichen Einfluß geltend machen und ihm seine Schrullen ausreden ? ... Ich meine es ja gut ... er fängt an , bei vielen Anstoß zu erregen - er kann sich noch ganz unmöglich machen ... « » Womit - was meinen Sie ? « » Mit seinen verschrobenen Ideen ... Neulich , im Kasino , wir waren da lauter Staatsmänner und Militärs , machte er einen Ausfall gegen die ganze Gesellschaftsordnung , als ob er ein roter Sozi wär ' ... das verstehen Sie nicht ... ich war wie auf Nadeln ... geben Sie ihm einen Wink . « Dann wandte er sich wieder laut zu Bresser : » Sie haben ja ein Stück geschrieben , das in Berlin aufgeführt worden ist - hat mir neulich Ihr Vater erzählt . Hoffentlich nicht im neuen , naturalistischen Genre , was ? - wie ein gewisser Hauptmann - « » Hm , « machte Bresser , » der gewisse Hauptmann hat das Zeug , einer unsrer großen Dichter zu werden - ich maße mir nicht an , ihm gleichzukommen . « » Trachten Sie unserem Grillparzer gleichzukommen ? « » Auch das maße ich mir nicht an - ich versuche überhaupt nicht , irgend jemand nachzuahmen . Mein Glas ist klein , aber ich trinke aus meinem Glase , sage ich mit Alfred de Musset . « Als der Vorhang wieder aufgezogen wurde , entfernte sich Herr von Wegemann . Hugo , durch ein Zeichen Sylvias aufgemuntert , blieb zurück . Sie wandten nun schweigsam ihre Blicke der Bühne zu . In schwellenden Wogen flutete die Musik durch den Saal . Was der abwechselnd süße und heroische Gesang , was die Harfenklänge und die rauschenden Akkorde des Orchesters ausdrückten , das empfanden die beiden jungen Menschenkinder als die Offenbarung dessen , was sie einander zu sagen hätten - wie eine Art melodische Gedankenkommunion . Beim folgenden Zwischenakt kamen wieder einige Besucher in die Loge , und diesmal räumte ihnen Hugo den Platz . Als er sich von Sylvia empfahl , frug er , ob sie gestatte , daß er morgen seinen Abschiedsbesuch mache , da er am übernächsten Tag nach Berlin zurückreisen werde . Diese Nachricht versetzte ihr einen leisen Schlag - die Anwesenheit des jungen Dichters in Wien hatte ihr eine Erhöhung des Lebensinteresses bedeutet . » Wie ? so bald schon ? « rief sie , ihm die Hand schüttelnd . » Also morgen ! Um halb fünf , « fügte sie leiser hinzu - die anderen brauchten es nicht zu hören . Am folgenden Tag zur bezeichneten Stunde fand Hugo die junge Frau allein . Als er ihren kleinen Salon betrat , erhob sie sich vom Klavier , auf dessen Pult die Partitur des » Propheten « aufgeschlagen war . Sie begrüßte ihn mit erzwungen ruhiger Freundlichkeit . Und nachdem sie sich gesetzt hatten : » Also wirklich - Sie wollen sich verabschieden ? ... Der Entschluß zu dieser Rückreise scheint Ihnen plötzlich erst gestern abend gekommen zu sein ? « » Ja , Gräfin , gestern abend . « Eine Pause . » Ihrem Vater wird es leid tun . « » Meinem Vater tut es sehr leid . « Nach einer abermaligen Pause sagte Sylvia : » Mir auch ... Sie stellen doch ein Stück meiner ersten Erinnerungen dar - als Kinder haben wir oft miteinander gespielt und jetzt - ich gestehe , ich habe mich sehr gefreut , Sie wiederzusehen ... und so - gewachsen zu sehen . Was Sie alles von Ihren dichterischen Versuchen und Erfolgen erzählen , interessiert mich ... Der Einblick in einen Künstlergeist ... kurz , es tut mir sehr leid , daß Sie abreisen ... « » Wenn Sie es befehlen , so bleibe ich . « » Ah , ich habe nichts über Sie zu befehlen , « antwortete sie rasch . Sie war über diese Wendung erschrocken . Vielleicht wäre es besser , wenn er abreiste ... sie erriet , daß sein Motiv dazu dieselbe Gefahr sei , die auch ihr vorgeschwebt . » Sie haben alles über mich zu befehlen ! - Wenn ich Ihnen aber einen Einblick - nicht in einen Künstlergeist , sondern in ein armes Menschenherz gäbe , Sie würden mir vielleicht