allein zu besitzen , war es am Ende schon wert , thörichten Vorurteilen nachzugeben . Wer weiss , ob in dieser Gemeinde , in der alles der freien Liebe huldigte , nicht am Ende auch andere Augen sich auf Lottes unvergleichlich knospende Anmut gerichtet hätten ? Und statt erneuter Vorwürfe , die sie erwartet hatte , hatte er sie so leidenschaftlich an seine Brust gepresst , als ob es schon jetzt gälte , sie einem andern zu entwinden . Lotte hatte den Abend dazu benutzt , um zu Lena herauszugehen . Erst einmal hatte sie der Schwester einen flüchtigen Besuch gemacht und weder von ihrem Geschäft noch von den angrenzenden Wohnräumen einen Eindruck empfangen . Nun war sie völlig überrascht von dem , was sie zu sehen bekam . Wahrlich , trotz manchen Grolls , den sie gegen Lena auf dem Herzen hatte , ihr Platz war wirklich in Berlin , sie war zur Grossstädterin geboren . Schon das Schaufenster mit seinen geschickt angebrachten elektrischen Flammen , die durch das Arrangement der Blumenauslagen zu förmlich malerischen Effekten gesteigert wurden , machte auf Lotte einen ausserordentlichen Eindruck . Darüber das Schild , das in grossen , weithin leuchtenden Buchstaben den Namen Lena Weiss trug . Welch eine Fülle von Erinnerungen rief dies Schild an jene Stunden in ihr wach , in der sie selbst , das Herz und den Kopf übervoll von Hoffnungen und Plänen , zuerst vor das eigene bescheidene Porzellanplättchen , das ihren Namen trug , getreten war . Was war von all den Hoffnungen und Entwürfen übrig geblieben , die sie damals beseelt hatten ? Nichts als die Erkenntnis , dass sie nicht dazu geschaffen sei , mitzukämpfen in dem heissen Kampf ums Dasein . Dass sie kein moderner Mensch , keine zielbewusste Kraftnatur sei , die ihr Leben auf eigene Hand zurecht zu zimmern weiss , keine Persönlichkeit wie die Grossstadt sie braucht und zum Dank dafür auf ihre starken Schultern nimmt . Nichts war sie , als eines jener vielen armen Mädchen , zu nichts geschaffen als zu lieben und geliebt zu werden , sich hinzugeben , hinzuopfern vielleicht für ihre Liebe . - Und seltsam , was ihr bisher als das höchste Glück , als die Ausfüllung ihres ganzen jetzigen und zukünftigen Daseins erschienen war , ihr Liebesleben mit Gerhart , kam ihr , der Position Lenas gegenüber , auf einmal nur wie eine flüchtige Episode vor , die ein Windhauch verwehen konnte . Der Boden schien ihr plötzlich unter den Füssen zu schwanken . Alles was sie gefestigt und abgeschlossen geglaubt , war ihr ins Wanken geraten , und zum erstenmal wieder seit langen Zeiten schlugen ihr jene erbarmungslosen Worte ans Ohr , die sie so ahnungsvoll durchschauert hatten : » Ja , jede Grossstadt ist ein Zwinger , Der rot von Blut und Thränen dampft ! Drum hütet Euch , ihr armen Dinger , Denn diese Welt hat schmutz ' ge Finger , Weh , wem sie sie ins Herzfleisch krampft ! « Ihre Lippen hatten es , ohne dass sie selbst es wusste , vor sich hin geflüstert , während sie vor dem glänzend erleuchteten Schaufenster ihrer Schwester stand . Wie war diese seltsame Stimmung nur so plötzlich über sie gekommen ? Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen . Was war das nur mit ihr ? Wie im Fieber bebend stand sie da . So konnte sie unmöglich bei Lena eintreten . Langsam fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn , wie Gerhart es ihr zu thun pflegte , wenn sie erregt war . Dann , ohne zu beachten , wie viel dreiste Blicke ihr folgten , schritt sie ein paar Mal vor dem Hause auf und nieder . So , nun war sie wieder die alte , nun konnte sie Lena begrüssen . Vorn in dem geräumigen Ladenraum hantierte ein junges Mädchen in einer hellen Blouse mit stark eingeschnürter Taille . Sie spritzte die gebundenen Sträusse und die losen in malerischer Unordnung umherliegenden abgeschnittenen Blumen an . Ein süsser , betäubender Duft von Veilchen , Maiblumen , Rosen und Tuberosen schlug Lotte entgegen . Als sie das Mädchen nach ihrer Schwester fragte , zeigte dieses mit der Hand nach rückwärts , wo in einem mit Palmen fast verstellten Raum Stimmen laut wurden . » Fräulein sind da drinne « , sagte sie in unverfälschtem berlinerisch , und ohne sich weiter um die Eingetretene zu kümmern , setzte sie ihre Spritze wieder in Bewegung . Lotte suchte sich den Weg zwischen den Palmen hindurch bis in das anstossende Gemach . Halb erschreckt , halb verwundert , prallte sie einen Augenblick vor dem Anblick zurück , der sich ihr so unerwartet bot . In einem kleinen , ganz in türkischem Geschmack eingerichteten Raum sass auf einem niederen Polster Lena , eine Cigarette zwischen den Lippen , ihr gegenüber lehnte ein junger Offizier mit beiden Armen auf einem kostbar eingelegten Tisch , und während er blaue Ringe in die Luft blies , erzählte er Lena eine , allem Anschein nach überaus lustige Geschichte . Lottes unerwarteter Eintritt schien die beiden nicht im geringsten zu genieren . Lena sprang auf und umarmte ihre Schwester , und während sie den Arm noch um Lottes Taille geschlungen hielt , stellte sie ihr den Offizier als Leutnant von Strehsen , Clotildes und Elisabeths Bruder vor . » Die freilich nichts mehr von mir wissen wollen « , fügte sie lachend hinzu . » Der Herr Leutnant hat mir eben die Kriegserklärung seiner Familie überbracht . « » Unfreiwillig , gnädiges Fräulein , gänzlich unfreiwillig « , fiel Kurt näselnd ein . » Wie Sie sehen , lege ich ' s Ihnen nicht zur Last « , sagte Lena , ihm die Hand reichend , die er nach Lottes Ansicht unnötig lange in der seinen behielt . » Aber Herr Bornstein wird böse sein , sehr böse sogar , darauf können Sie sich gefasst machen . « Kurt machte ein verblüfftes Gesicht . Daran