. Warum hat Mani nicht denselben Erfolg wie Christus - warum hat Mazdak nicht denselben Erfolg wie Christus gehabt ? Ich glaube - nur weil die Jünger dieser Beiden zu gebildet waren - Christi Jünger hatten ihren Meister viel mehr mißverstanden , sie waren keine klaren Köpfe , weil sie soviel religiöses Feuer in sich hatten . Dieses allein hat ihnen aber nicht den Erfolg verschafft - sondern ihre Fähigkeit , alles so mißzuverstehen und so unklar zu sagen , daß es dem Fassungsvermögen des gemeinen Volkes nicht fremd erschien - das hat den Jüngern Christi den Erfolg verschafft . Ja - ja - ich weiß das alles ! « Der Inder streichelt zärtlich seinen langen , weißen , fast die Erde berührenden Bart und lächelt - lächelt - wie ein Greis lächelt . Al Battany will nun wissen , was die Religion eigentlich will . Der Alte wird ernst und spricht weiter - wie für sich - so dumpf und so verächtlich : » Aufklärung willst Du ! Aufklärung ! Ein echter Schüler Mohammeds bist Du ! Ein Mann der aufgeklärten Wissenschaft - ein Feind der Religion ! Kennst Du Buddha ? - nein , Du kennst ihn nicht . Er war auch ein Ketzer - aber nicht ein so schlimmer Ketzer wie Du . Ich wundre mich , daß Du Dich Ssabier nennst . Die ssabischen Priester haben Dir wohl nur den Eintritt in ihren ersten Vorhof gestattet - wo das Volk verweilen muß . Hör doch , Battany ! Das Denken führt doch nie zur vollen Klarheit - führt doch überhaupt nie zur Klarheit - - - wenn Du gründlich denkst , wird Dir das Klarste unklar werden . Du aber denkst nicht gründlich . Das Denken führt nicht zur Klarheit - das war nie so . Aufs Verstandenwerden müssen daher die weisen Priester verzichten - selbstverständlich ! Man kann doch höchstens nur - mißverstanden werden . Mit dem Mißverstandensein muß man zufrieden sein . Ja - ja - ich weiß das alles ! « Der Brahmine murmelt danach unverständliches Zeug und geht fort - die Inder machen ihm Platz und verbeugen sich vor dem Greise - sehr tief verbeugen sie sich . Battany wird unwillig und will nun von einem Andern wissen , was die Religion eigentlich will . Wie da die Inder überlegen lächeln ! Doch ein sehr fein gekleideter Inder , der dem Gespräch bisher schweigend zugehört , antwortet dem Battany folgendermaßen : » Gelehrter Freund ! Ich verstehe Deine Neugierde . Laß mich Dir antworten ! Du wirst mich ja ebenfalls nur mißverstehen - doch vielleicht sag ich Dir , was Dir näher kommt ! Ich bin kein Priester und denke daher anders . Bist Du nicht der Meinung , daß die gebildetsten Menschen der Erde grade infolge ihrer Bildung schließlich eine übergroße Empfindlichkeit in sich zur Ausbildung kommen lassen ? Oh , ja - ja ! Und wenn sich diese Empfindlichkeit steigert , wird sie zur größten Qual - erzeugt einen Zustand , der immer unerträglicher wird und zuletzt nach entsetzlichen Beängstigungen , grauenhaften Träumen und wilden Wutausbrüchen - einen Abscheu vor dem Leben gebiert . Oh , ja - ja ! Um die Empfindlichkeit und die darauf folgenden Qualen zu vernichten - dazu sind die Religionen da - das wollen die Religionen den Gebildeten sein - wir haben sie drum auch nötig . Dem Volke soll aber die Religion nur ein Mittel sein , das von ganz gemeinen Leiden erlöst - die Religion fürs Volk kann daher aussehen , wie sie will - sie darf sich nur nicht so trocken wie die Lehre Mohammeds geben . Jedes Mittel zur Vernichtung der durch die verfeinerte Bildung erzeugten Seelenqual - gehört ins Gebiet der Religion . Ob man betet oder dichtet , ob man Tempel baut oder Bilder meißelt - das ist im Grunde ziemlich gleich - doch - es ist schlimm - Du verstehst mich wohl auch nicht - nein ? « Battany schüttelt betrübt den Kopf . Er - der große Astronom - steht plötzlich vor so vielen neuen Rätseln und Fragen , daß er fast heftig werden möchte . Als wenns nicht am Sternenhimmel genug der Rätsel gäbe . Er sagt daher sehr kurz , daß er durchaus nicht geneigt sei , alle Rätsel der Erde aufzulösen - er klammre sich zunächst nur an die für ihn begreifbaren Dinge - die ferner liegende , » größere « Rätselwelt müsse für ihn noch unsichtbar bleiben - er wolle sich nicht verwirren lassen . Währenddem tanzen aber dicht unter der Terrasse hundert der schönsten Bajaderen den langsam bewegten Schneckentanz . Die Bajaderen sind ganz nackt . Ihre gelben , wunderbar schlanken Glieder biegen sich in entzückenden Kurven , roter Fackelschein macht sie bunt . Die Blumenmädchen stehen mit ihren Fackeln im Kreise rum und beleuchten den Tanz . Battany ist ganz starr . Der Tanz ist berauschend . Wein wird herumgereicht . Ein Sufy setzt dem arabischen Astronomen auseinander , wie viele Millionen von Käfern und Schmetterlingen bei solchem Lampenfest einen qualvollen Tod finden - wie viele kleine feine Flügel dabei verbrannt werden . » Ein ewiges Sterben « , meint der Sufy , » geht durch die Natur . Der Tod ist überall da . Und man wird nur geboren , um qualvoll leidend den Tod zu finden - man stirbt eigentlich vom ersten Augenblick seiner Geburt an . Deshalb sollen wir keine Kinder zeugen , die Frauen nie berühren . Das Heiligste , was wir tun können , ist das , was die Menschen , dies nicht kennen , das Unnatürliche nennen - während dieses Unnatürliche doch grade den feiner entwickelten Menschen als Pflicht von der leidenden Natur auferlegt wird . Hier hast Du den Kernpunkt aller Religionen . Erinnre Dich nur an die Ssabier ! « Battany hört nicht hin . Er ist berauscht von den Bajaderen , die verwirren ihn . Und in ganz außerordentlicher Erregung wandelt er , nachdem der Tanz vorüber , mit den andern Gästen