Mitte Juni , daß Innstetten und Effi dies Gespräch hatten . Von da ab brachte jeder Tag Zuzug , und nach dem Bollwerk hin spazierengehen , um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten , wurde , wie immer um diese Zeit , eine Art Tagesbeschäftigung für die Kessiner . Effi freilich , weil Innstetten sie nicht begleiten konnte , mußte darauf verzichten , aber sie hatte doch wenigstens die Freude , die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende , sonst so menschenleere Straße sich beleben zu sehen , und war denn auch , um immer wieder Zeuge davon zu sein , viel mehr als sonst in ihrem Schlafzimmer , von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten ließ . Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich alles , was sie wissen wollte ; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende Gäste waren , so konnte das Mädchen nicht bloß die Namen nennen , sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben . Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi . Grade am Johannistage aber traf es sich , daß kurz vor elf Uhr vormittags , wo sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete , statt der mit Ehepaaren , Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken , aus der Mitte der Stadt her , ein schwarzverhangener Wagen ( dem sich zwei Trauerkutschen anschlossen ) die zur Plantage führende Straße herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung gegenüber gelegenen Hause hielt . Die verwitwete Frau Registrator Rode war nämlich drei Tage vorher gestorben , und nach Eintreffen der in aller Kürze benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens eben dieser beschlossen worden , die Tote nicht nach Berlin hin überführen , sondern auf dem Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen . Effi stand am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene , die sich drüben abspielte . Die zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen waren zwei Neffen mit ihren Frauen , alle gegen vierzig , etwas mehr oder weniger , und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe . Die Neffen , in gutsitzenden Fracks , konnten passieren , und die nüchterne Geschäftsmäßigkeit , die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte , war im Grunde mehr kleidsam als störend . Aber die beiden Frauen ! Sie waren ganz ersichtlich bemüht , den Kessinern zu zeigen , was eigentlich Trauer sei , und trugen denn auch lange , bis an die Erde reichende schwarze Kreppschleier , die zugleich ihr Gesicht verhüllten . Und nun wurde der Sarg , auf dem einige Kränze und sogar ein Palmenwedel lagen , auf den Wagen gestellt , und die beiden Ehepaare setzten sich in die Kutschen . In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist , hinter der zweiten Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche Person , die die Verstorbene zur Aushülfe mit nach Kessin gebracht hatte . Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin , wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade Trauer war ; der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber , einer Witwe , sah man dagegen fast allzu deutlich an , daß sie sich beständig die Möglichkeit eines Extrageschenkes berechnete , trotzdem sie in der bevorzugten und von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war , die für den ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können . Effi , als der Zug sich in Bewegung setzte , ging in ihren hinter dem Hofe gelegenen Garten , um hier , zwischen den Buchsbaumbeeten , den Eindruck des Lieb- und Leblosen , den die ganze Szene drüben auf sie gemacht hatte , wieder loszuwerden . Als dies aber nicht glücken wollte , kam ihr die Lust , statt ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen weiteren Spaziergang zu machen , und zwar um so mehr , als ihr der Arzt gesagt hatte , viel Bewegung im Freien sei das Beste , was sie , bei dem , was ihr bevorstände , tun könne . Johanna , die mit im Garten war , brachte ihr denn auch Umhang , Hut und Entoutcas , und mit einem freundlichen » Guten Tag « trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf das Wäldchen zu , neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein schmalerer Fußsteig auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel zulief . Unterwegs standen Bänke , von denen sie jede benutzte , denn das Gehen griff sie an , und um so mehr , als inzwischen die heiße Mittagsstunde herangekommen war . Aber wenn sie saß und von ihrem bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete , die da hinausfuhren , so belebte sie sich wieder . Denn Heiteres sehen war ihr wie Lebensluft . Als das Wäldchen aufhörte , kam freilich noch eine allerschlimmste Wegstelle , Sand und wieder Sand und nirgends eine Spur von Schatten ; aber glücklicherweise waren hier Bohlen und Bretter gelegt , und so kam sie , wenn auch erhitzt und müde , doch in guter Laune bei dem Strandhotel an . Drinnen im Saal wurde schon gegessen , aber hier draußen um sie her war alles still und leer , was ihr in diesem Augenblicke denn auch das liebste war . Sie ließ sich ein Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das Meer hinaus , das im hellen Sonnenlichte schimmerte , während es am Ufer in kleinen Wellen brandete . » Da drüben liegt Bornholm und dahinter Wisby , wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte . Wisby ging ihm fast noch über Lübeck und Wullenweber . Und hinter Wisby kommt Stockholm , wo das Stockholmer Blutbad war , und dann kommen die großen Ströme und dann das Nordkap und dann die Mitternachtssonne . « Und im Augenblick erfaßte sie eine Sehnsucht , das alles zu sehen . Aber dann gedachte sie wieder dessen , was ihr so nahe bevorstand , und sie erschrak fast . » Es ist eine Sünde , daß ich so