gerichtete Laune der Natur - er war nämlich ein Kakerlak - sich dienstbar gemacht und das , was ihn ridikülisieren sollte , recht eigentlich zum Schemel seiner Macht erhoben hatte . Schon als Knabe gehänselt und immer nur das » weiße Kaninchen « genannt , war er auf den Einfall gekommen , sich durch Übertrumpfung zu helfen , wozu die Sommerferien in besonders heißen Jahren ihm mehr als einmal eine günstige Gelegenheit geboten hatten . Auch in diesem Jahre erschien er wieder ausschließlich in weißem Piqué , Rock , Beinkleid und Weste , samt weißem Strohhut und beschränkte sich im übrigen in seinem gesamten Anzuge , seine Lackstiefel abgerechnet , auf zwei schmale schwarze Streifen , von denen der eine als Schlips , der andere als Monokelband figurierte . Diese seine Kühnheit verhalf ihm , wie allerorten , so natürlich auch in Krummhübel , zu einem vollständigen Triumphe , den allerdings , wie nicht geleugnet werden soll , umgehende Gerüchte von seiner günstigen Vermögenslage nicht unerheblich steigerten , Gerüchte , die , zwischen hunderttausend und dreihunderttausend schwankend , selbstverständlich auf letztere Zahl festgesetzt und ebenso prompt aus Mark in Taler erhoben wurden . Seine Bekanntschaft mit den Espes war jetzt genau zwei Wochen alt und hatte sich , gleich nach Kowalskis Abreise , ganz natürlich gemacht . Espes waren auf der Annakapelle gewesen , um dort Forellen zu essen , bei welcher Gelegenheit Selma ihr rot und schwarz kariertes Plaid - das sie ( bei dreizehn Jahren etwas vorzeitig ) als eine mit einem Riemen festgeschnallte Außentournure trug - verloren hatte . Seitens des bald nach den Espes auf der Annakapelle erscheinenden und daselbst seinen Nachmittagskaffee nehmenden Assessors war unschwer in Erfahrung gebracht worden , wem das Verlorengegangene gehöre ( waren doch » Rechnungsrats « so gut wie Stammgäste dort oben ) , und am nächsten Vormittage schon war , in weiterer natürlicher Entwicklung der Dinge , das Plaid in der Espeschen Wohnung abgegeben worden , zugleich mit einer großen goldgeränderten Karte , darauf Stand und Name lautete : Dr. Sophus Unverdorben Kammergerichtsassessor und Lieutenant der Reserve im 2. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz . Berlin W. Lützow-Ufer 7a . Wie sich denken läßt , wurde das Wiedereintreffen des von dem etwas rätselhaften » Onkel « herrührenden rot und schwarz karierten Plaids - der Onkel beschenkte seine Nichten regelmäßig zu Weihnachten und Kaisers Geburtstag - von der ganzen rechnungsrätlichen Familie mit aufrichtiger Freude begrüßt , aber soweit Espe persönlich in Betracht kam , verschwand diese Freude doch neben einem sozusagen auf staatlicher Grundlage ruhenden Wohlgefühl , womit der Anblick einer so korrekt abgefaßten Karte den Rechnungsrat erfüllt hatte . » Seht , Kinder , so muß dergleichen aussehen « , waren seine mehr als einmal wiederholten Worte , während die Rätin ihrerseits sich ausschließlich mit Feststellung der Personalfrage beschäftigte . Wer war dieser Assessor Unverdorben ? Alle , die beim Abstieg von der Annakapelle ihnen begegnet waren , wurden durchgenommen , und für Geraldine stand es alsbald fest , daß es der distinguierte Herr mit dem aufgesetzten Schnurrbart und dem schwarzen , etwas gekräuselten Haar gewesen sein müsse , der so verbindlich gegrüßt und sie , so flüchtig die Begegnung auch gewesen sei , doch ganz eminent an Hendrichs erinnert habe . Die Rätin führte dann diese Lieblingserinnerung , die sich , wie selbst Selma schon wußte , bei jeder mit einem brünetten Herrn gehabten Begegnung unweigerlich wiederholte , des weiteren aus und schloß damit , daß Espe die Pflicht habe , den Assessor behufs Dankeserstattung aufzusuchen , und zwar heute noch , denn es gäbe jetzt so viele , die bloß Passanten wären und nur einen Tag blieben . Espe schien anfänglich das Rangverhältnis zwischen Rechnungsrat und Assessor abwägen und danach langsam und mit einer sich und seiner Stellung schuldigen Reserve seine Entscheidung treffen zu wollen , gab aber schließlich doch nach und versprach , am Nachmittag um die fünfte Stunde nach dem Assessor fragen und , wenn er noch da sei , sofort seine Visite bei demselben machen zu wollen . Damit war die Rätin denn auch einverstanden , nicht ahnend , daß das Schicksal eine viel schnellere Lösung der Frage beschlossen hatte . Denn kaum daß die Mitglieder der Familie nach Zurücklegung des kurzen Weges vom Tannicht ( wo sie wohnten ) bis zum Exnerschen Gasthaus an dem ein für allemal für sie reservierten Ecktisch glücklich placiert waren , als auch schon ein Herr auf sie zuschritt , der sich , während er eben noch die Lachlust aller weiblichen Espes wachgerufen hatte , gleich danach als Assessor Unverdorben vorstellte . Die Verlogenheit konnte nicht wohl größer sein , und der einzige , der in dieser schwierigen Lage volle Contenance bewahrte , war Espe selbst . Er bat den Assessor , Platz nehmen zu wollen , und sprach in der ihm eigenen würdigen und gewählten Weise den Dank für soviel Liebenswürdigkeit aus , denn von der Annakapelle bis nach Krummhübel hinunter sei doch ein ziemlich weiter Weg , und die ganze Zeit über ein rotes Plaid zu tragen oder doch wenigstens ein Plaid mit eingemusterten roten Karos ... Er stockte hier und brach ab , weil er plötzlich fühlen mochte , daß ihm das ewige und noch dazu ganz nutzlose Hervorheben des Rot und wieder Rot als etwas politisch Absichtliches gedeutet werden könne . Dies war ihm aber fatal , denn Espe war ein korrekter Mann und sehr ängstlich dazu . Die Rätin ihrerseits hatte , während dieses Gespräch andauerte , sowohl Lachen wie Verlegenheit überwunden , was nicht wundernehmen durfte , weil sie mittlerweile Zeit gefunden hatte , das , was den Assessor in allem übrigen auszeichnete , sowohl zu bemerken wie zu würdigen . Und zwar lag dies ihn Auszeichnende nach einer ganz bestimmten und den meisten Menschen immer wieder imponierenden Seite hin , nach der Seite der tadellosesten weißen Wäsche . Beide , Rat und Rätin , hielten auch auf weiße Wäsche , sie von Sauberkeits , er von Ordnungs wegen , aber was waren ihre vereinten