fordern ? Seine Hand hatte sie mehrfach ausgeschlagen ; durfte er erwarten , daß sie seinetwegen ihr Leben als Nonne beendigen würde ? » Sie muß blind bleiben , « dachte er , mit Gewalt sich zu vernünftiger Fassung zwingend , » aber ich muß hell sehen ! « An diesem Tage erschienen Gäste aus der Nachbarschaft zu dem Wettschießen , das Fanny anberaumt hatte . Die Schießstände lagen neben der Parkgrenze am Ufer der Elbe , man wanderte gemeinsam durch den Park dahin ; es war bald nach dem zweiten Frühstück und die Damen noch alle in ihren Morgenkleidern . » Du bist reizend , « flüsterte Joachim Severina zu , die er jetzt zu ihrer beider Qual immer nur in Gegenwart aller sehen konnte , höchstens gestattete ihnen abends der Tanz oder eine Promenade im Park einmal die Gelegenheit zu einem innigen Händedruck , der der einzige Dolmetscher ihrer Sehnsucht bleiben mußte . » Still ! « entgegnete Severina ebenso ; » was wagst Du ? « Herr von Dören ging an ihrer andern Seite , plauderte aber lebhaft mit der Gräfin Taiß , die er führte und bei der er seit Jahren eine neckische Courmacherei anzubringen suchte , die sie mit Humor und Grazie ermunterte , um sie immer wieder zurückschlagen zu können . Joachim war deshalb unbesorgt . » Ich vergehe , « flüsterte er weiter ; » kann ich Dich denn nie einmal in Muße sehen ? « Severinas Kniee bebten . Wenn jemand ihr Geflüster bemerkte ! » Bitte ? « fuhr er fort . Ach , wie leidenschaftlich , wie unsäglich gern hätte auch sie ihm einmal wieder voll und heiß ins Auge geschaut . » Wann soll - wann kann ich ? « » Heut abend , wenn im Pastorenhause alles schläft . « » Nein , mein Zimmer liegt neben dem der Mutter , sie wacht bei jedem Laut . « » Heut nach Tisch - im dunklen Park - an der Stelle , wo ich Dich zuerst gesehen . Schleiche Dich weg , es sind so viele Menschen da , man vermißt uns nicht . « Severina nickte stumm , ein schneller Blick fuhr wie ein sengender Blitz zwischen ihnen hin und her . Das Gespräch ward dann unter den vier Zusammenwandernden durch eine Frage Dörens ein allgemeines . Sie kamen zuletzt am Schießstand an . » Natürlich , « sagte Frau von Dören lachend , » mein Mann war zu sehr mit den schönen Augen der Gräfin beschäftigt . Lieber Taiß , ich glaube , wir raffen uns doch noch zur Eifersucht auf . « » Laßt das nur , « sprach Dören , sein Weibchen um die Taille fassend , » die Niederlagen bei der gnädigsten Gräfin sind mir als Gegengewicht Deiner zu großen Liebe sehr gesund , Du siehst , ich thue selbst das Möglichste , um mich vor Eitelkeit zu bewahren . « » Auch eine Form der Selbsterziehung , « meinte Taiß heiter . » An die Gewehre , meine Herrschaften , an die Gewehre ! « mahnte Lanzenau . Die Schießstände , es waren ihrer zwei , zeigten sich dem Bedürfnis der lustigen Gesellschaft angepaßt , an dem einen boten sich den Damen Ziele dar , wie man sie in Schießbuden auf Jahrmärkten sieht , an dem andern konnten die Herren ihre Zielsicherheit an einer Scheibe bewähren . Fanny hatte zwei Preise gestiftet , für die schußfertigste Dame lag ein kostbares Jagdgewehr , für den besten Schützen ein sehr wertvoller Spitzenfächer bereit . » Man sieht , « sagte Fanny , » mich hat die ruchlose Absicht geleitet , die Sieger in peinlichste Verlegenheit zu bringen , denn sie sollen ihren Preis einer Dame respektive einem Herrn der Gesellschaft hier an Ort und Stelle verehren . « » Paris ' Verlegenheit war ein kleiner Embarras gegen die Wahlschwierigkeit des Fächergewinners , « sagte Herr von Dören ; » zum Glück bin ich ein schlechter Schütze und komme somit gar nicht in Gefahr , mir durch eine Huldigung viele Feindinnen zu machen . « » Und was mich anbetrifft , « rief Frau von Dören , » erkläre ich mich bei dem Fächer hors de concurrence , hoffe hingegen , über das Jagdgewehr verfügen zu dürfen ! « Auf dem Platz unter den alten Baumriesen , die zum Park gehörten , waren Stühle , Tische und ein kleines Buffet errichtet . Adrienne und Fräulein von Grävenitz setzten sich zusammen ; die erstere hatte nicht allzu viel Interesse an dem Sport , die letztere fand Schießen eine kavaliermäßige Kunst , aber für Damen dünkte es sie selbst im Scherz abscheulich ; jedesmal , wenn die Reihe , deren Folge man ausgelost hatte , an sie kam , drückte sie zitternd , erst nach langem Zureden und mit einem Schrei die harmlos geladene Flinte ab , natürlich mit geschlossenen Augen ins Blinde hinein . Fanny und die Gräfin Taiß hatten keine ruhige Hand , Adrienne war überhaupt kurzsichtig . So stritten Severina und Frau von Dören um den Sieg . Die Herren sahen eifrigst interessirt zu , man lachte und wettete sogar . Triumphirend behielt die kleine Frau den Sieg , den sie sich prophezeit . » Das Gewehr - das Gewehr ! « » Erst sollen die Herren auch so weit sein , « bestimmte Fanny . Es waren unter den Gästen aus der Nachbarschaft einige bekannte Schützen . Das Spiel , welches bisher nur Amusement gewesen , nahm sofort den Charakter eines leidenschaftlichen Sports an . Magnus und Herr von Dören traten alsbald freiwillig aus der Reihe . Mit Spannung , ja , mit einem fieberhaften Eifer wurden die Schüsse erwartet , beobachtet , notirt . Und Joachim traf mit spielender Leichtigkeit , ohne langes Wägen , jedesmal den Kernpunkt . Es war am Ende nicht etwas so Erstaunliches , in einer Kunst , die hauptsächlich Uebung , sichere Hand und scharfes Auge erfordert , zu glänzen , zumal für einen Mann von Joachims Erziehung