und er erschrak fast , als er in sein Wohnzimmer trat und sich hier umsah . Alles lag noch gerade so da , wie ' s gestern , als der Besuch kam , gelegen hatte : Wäsche , zerstreut über die Stühle hin , Überzieher und Fracks an Schrankecken und Fensterriegel gehängt , und der Koffer selbst halb aufgeklappt zwischen Tür und Ofen . Am buntesten aber sah es auf dem Sofatisch aus , wo Nagelscheren und Haarbürsten , Eau-de-Cologne-Flaschen und Krawatten ein Chaos bildeten , aus dessen Zentrum ein rotes Fez und als Überraschung ein Markt-Astern-Bouquet aufragte , das die Wirtin , vielleicht um sich ihres Mieters fester zu versichern , mit beinah komischer Sorgfalt in eine blaue Glasvase mit Silberrand hineingestellt hatte . Nirgends ein Zollbreit Platz . Zu dem allen kam in eben diesem Augenblick auch noch der Kaffee ; Gordon nahm schnell eine Schale voll und setzte dann das Tablett auf den Bücherschrank . » Und nun sollt ich wohl « , hob er an , » in diesem Chaos Ordnung stiften . Aber ich war so lange nicht in Berlin , wenigstens nicht mit Muße , daß ich ein Recht habe , mich als einen Fremden anzusehen . Und für einen Fremden ist es immer das erste , daß er sich ein Kissen aufs Fensterbrett legt und die Häuser und Menschen ansieht . « Und damit trat er wirklich ans Fenster und sah hinaus . » Aber Häuser und Menschen in der Lennéstraße ! Da hätt ich mir freilich einen anderen Stadtteil und vor allem ein anderes Vis-à-vis suchen müssen . Alles ist so still und verkehrslos hier , als ob es eine Privatstraße wäre mit einem Schlagbaum rechts und links . Sei ' s drum ; man muß die Feste nehmen , wie sie fallen , und die Straßen auch . Im übrigen wird sich schon was finden , das der Betrachtung aus der Vogelperspektive wert wäre . Das an der Ecke da , das muß der Schneckenberg sein ( Erinnerung aus meinen Collège-Tagen her ) , und wenn ich Glück habe , so seh ich auch noch ein Stück von dem Schaperschen Goethe . Wahrhaftig , da blitzt so was zwischen den Bäumen ; - au fond sind Bäume besser als Häuser , und ein bißchen Publikum wird sich auch noch einstellen . Wo Bänke stehen , stehen auch Menschen in Sicht . Als ich Berlin Ende Mai passierte , schien der Tiergarten , speziell hier herum , aus lauter roten Kopftüchern und blauweißen Kinderwagen zu bestehen , und wenn erst die Mittagssonne wieder brennt , werden auch die roten Kopftücher wieder dasein . Und vielleicht auch die zugehörige Soldateska . Bis dahin muß ich mich mit dem Schlangenungetüm begnügen , das da , zehn Ellen lang , im Grase liegt . Ah , jetzt blitzt der Strahl über den Rasen hin . « Er sah noch eine Weile dem Spritzen zu , freute sich , wie sich das Sonnenlicht in den Tropfen brach , und gab dann seinen Fensterplatz wieder auf , um endlich Ordnung zu schaffen . Rüstig ging er ans Werk und mußte lachen , als der Kleiderschrank bei jeder Berührung seiner Holzriegel quietschte . » Noch ganz die alte Zeit . So quietschten sie früher auch . Aber Berlin wird Weltstadt . « Und während er so sprach , flogen die Kästen auf und zu , bis , nach Ablauf einer Stunde , nicht bloß die Stiefel aller Arten und Grade blank aufmarschiert in einer Ecke standen , sondern auch die Bürsten und sonstigen Reinigungsapparate des zivilisierten Menschen ihren richtigen Platz gefunden hatten . Er ruhte sich einen Augenblick und machte dann Toilette . » Wohin ? Alte Freunde besuchen , die vielleicht keine mehr sind ? Immer mißlich . Also neue , das heißt mit andern Worten die St. Arnauds . Denn andre hab ich nicht . Aber sind sie da ? Daß ich sie vor acht Tagen auf der langweiligen Insel nicht finden konnte , beweist nicht , daß sie zurück sein müssen . Sie können sich , statt für Norderney , mindestens ebensogut für Helgoland oder Scheveningen entschieden haben . Eins ist wie das andre . Aber mit oder ohne Chance , jedenfalls kann ich einen Versuch machen . « Und er nahm Hut und Stock , um in der St. Arnaudschen Wohnung vorzusprechen . Diese war auf dem Hafenplatze , so daß der einzuschlagende Weg erst durch ein Stück Königgrätzer Straße , demnächst aber über den Potsdamer Platz führte , der auch heute wieder wegen Kanalisation und Herstellung eines Inselperrons unpassierbar war . Wenigstens in seiner Mitte . So mußte Gordon denn an der Peripherie hin sein Heil versuchen , was ihn freilich nur in neue Wirrnisse brachte . Denn es war gerade Markt heute , der , wie gewöhnlich an dieser Stelle , zwischen Straßendamm und Häuserfront abgehalten wurde . Hier saßen die Marktfrauen in einer Art Defilee » gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge « , durch welche Gordon nun hindurch mußte . Wirklich , das war nichts Leichtes , aber so schwer es war , so vergnüglich war es auch , und auf die Gefahr hin , überrannt zu werden , blieb er stehen und musterte die Szenerie . Weit hin standen die Himbeer-Tienen am Trottoir entlang , nur unterbrochen durch hohe , kiepenartige Körbe , daraus die Besinge , blauschwarz und zum Zeichen ihrer Frische noch mit einem Anfluge von Flaum , hervorlugten . In Front aber , und zwar als besondere Prachtstücke , prangten unförmige verspätete Riesenerdbeeren auf Schachtel- und Kistendeckeln , und dazwischen lagen Kornblumen und Mohn in ganzen Bündeln , auch Goldlack und Vergißmeinnicht , samt langen Bastfäden , um , wenn es gewünscht werden sollte , die Blumen in einen Strauß zusammenzubinden . Alles primitiv , aber entzückend in seiner Heiterkeit und Farbe . Gordon war ganz hingenommen davon , und erst als er sich satt gesehen und ein paar kräftige Atemzüge getan hatte , ging er weiter